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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Achtundsechzigste Homilie. Kap. XXI, V.33-46.

1.

V.33: "Höret ein anderes Gleichnis: Es war einmal ein Hausvater, welcher einen Weinberg pflanzte, ihn mit einem Zaune umgab, eine Kelter in ihm grub und einen Turm erbaute; und er vermiete ihn an Landleute und reiste weit fort.

V.34: Als aber die Zeit der Früchte nahte, schickte er seine Knechte, damit die die Früchte in Empfang nähmen.

V.35: Und die Landleute ergriffen seine Knechte; den einen peitschten sie, den anderen töteten, einen dritten aber steinigten sie.

V.36: Wiederum schickte er andere Knechte, in größerer Anzahl als die ersten, und jene taten ihnen desgleichen.

V.37: Zuletzt aber schickte er zu ihnen seinen eigenen Sohn, indem er sagte: Sie werden vielleicht doch Scheu tragen vor meinem Sohne.

V.38: Da aber die Landleute den Sohn sahen, sprachen sie unter sich: Das ist der Erbe; wohlan, töten wir ihn und wir werden sein Erbteil haben.

V.39: Und sie ergriffen ihn und warfen ihn hinaus aus dem Weinberge und töteten ihn.

V.40: Wenn nun der Herr des Weinberges kommen wird, was wird er jenen Arbeitern tun? V.41: Und sie sagten zu ihm: Als Böse wird er sie böse verderben; und seinen Weinberg wird er anderen Landleuten übergeben, die ihm zur rechten Zeit die Früchte abliefern werden.

V.42: Da sagte ihnen Jesus: Habt ihr niemals gelesen in den Schriften: Der Stein, welchen die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein geworden?"1 .

Auf viele Dinge spielt der Herr in diesem Gleichnisse an: auf die Fürsorge, die Gott den Juden stets hatte angedeihen lassen, auf ihren von jeher mordlustigen Sinn, darauf, dass er auf jede erdenkliche Art für sie gesorgt hatte, dass er sich nicht von ihnen abwandte, trotzdem sie die Propheten ermordet hatten, ihnen vielmehr sogar seinen Sohn sandte; dass im Neuen Testamente derselbe Gott wie im Alten walte, dass sein Tod große Folgen haben, dass sie für die Kreuzigung und ihre anderen Untaten fürchterlich würden gestraft, dass die Heiden berufen, die Juden würden verworfen werden. Durch den Anschluß dieses Gleichnisses an das vorhergehende will er auf die Größe und völlige Unverzeihlichkeit ihres Verbrechens hinweisen. Wie folgt das daraus? Weil sie trotz der so besonderen Fürsorge, die ihnen zugewendet worden war, selbst hinter Buhlerinnen und Zöllnern, und zwar gleich um so vieles, zurückgeblieben waren. Betrachte auf der einen Seite die große Fürsorglichkeit Gottes, auf der anderen die unbeschreibliche Gleichgültigkeit der Juden. Was Sache der Arbeiter war, hat er selbst getan: er zog einen Zaun um den Weinberg, bepflanzte ihn und tat, was noch dazu gehört; nur wenig ließ er für sie zu tun übrig, sie hatten nur für den Besitz zu sorgen und, was sie erhalten, zu bewahren. Nichts hatte er übersehen, alles war im beten Stande. Und trotzdem er sie mit so vielen Wohltaten geradezu überschüttet hatte, machten sie es sich nicht zunutze. Als er sie aus Ägypten herausgeführt hatte, gab er ihnen das Gesetz, gründete ihnen eine Stadt, baute einen Tempel und errichtete eine Opferstätte. "Und er zog weit fort", d.h. er zeigte sich langmütig, ließ nicht jedesmal auf ihre Vergehungen unmittelbar die Strafe folgen; unter dem weiten Fortgehen ist nämlich seine große Langmut zu verstehen. "Und er sandte seine Knechte", das sind die Propheten, "um den Ertrag in Empfang zu nehmen", d.h. ihren Gehorsam, den sie in ihren Werken erweisen sollten. Sie aber handelten böse, nicht bloß darin, dass sie nachlässig waren und keinen Ertrag ablieferten, trotzdem er so großartig für sie gesorgt hatte, sondern auch dadurch, dass sie sich an seinen Boten vergriffen. Denn wenn sie schon ihrer Pflicht, Früchte abzuliefern, nicht nachkommen konnten, so durften sie doch wenigstens nicht unwillig und aufgebracht werden, sondern hätten bitten sollen. Allein, sie wurden nicht bloß zornig, sondern befleckten obendrein noch ihre Hände mit Bluttaten; sie, die selbst Strafe verdient hatten, maßten sich ein Strafrecht an. Damit nun sowohl ihre Schlechtigkeit, als auch seine Güte klar zutage träte, sandte Gott noch einmal und dann ein drittes Mal Boten.

Warum schickte er nicht sogleich seinen Sohn? Sie sollten durch ihr Verhalten gegen die ersten Boten zur Einsicht kommen, ihren Groll ablegen und den Sohn bei seiner Ankunft mit Ehrfurcht aufnehmen. Es gibt auch noch andere Gründe dafür; für jetzt wollen wir jedoch zum Folgenden übergehen. Was bedeuten die Worte:"Sie werden vielleicht Scheu tragen vor ihm?" Ferne sei es zu meinen, er habe nicht gewußt, was kommen würde: er wollte damit nur dartun, wie groß und völlig unentschuldbar ihr Frevel war. Er schickte ihn, wohl wissend, dass sie ihn töten würden. Durch die Worte: "Sie werden Scheu haben", weist er nur auf das hin, was sich gehört hätte, nämlich, dass sie vor ihm hätten Ehrfurcht haben sollen. Und wenn er anderswo sagt:"Vielleicht dass sie hören"2 , so heißt auch das nicht, er habe nicht gewußt, was eintreten werde, sondern die Ausdrucksweise "vielleicht", "sie werden" ist gewählt, um nicht den Gedanken aufkommen zu lassen, als sei in der Voraussagung eine Nötigung zum Ungehorsam gelegen. So behaupteten nämlich einige in ihrer Albernheit. Wenn sie aber auch gegen die Knechte ungehörig vorgingen, so hätten sie doch vor der Würde des Sohnes Achtung hegen sollen. Was tun sie aber? Anstatt zu ihm zu eilen und für ihre Untaten um Verzeihung zu flehen, nehmen sie neuerdings den Kampf auf, häufen neue Schandtaten auf sich, und suchen ihre früheren Schändlichkeiten durch neue zu verbergen. Auf diesen Umstand weist der Herr hin in den Worten: "Ihr machet das Maß eurer Väter voll"3 . Früher hatten ihnen schon die Propheten diesen Vorwurf gemacht: "Eure Hände sind blutbefleckt"4 . "Eine Blutschuld häuft sich auf die andere"5 , "Ihr bauet Sion mit Blutschuld"6 . Aber auch durch sie ließen sie sich nicht zur Umkehr bringen. Sie gaben diese böse Gewohnheit nicht auf, obgleich sie das so wichtige Gebot erhalten hatten:"Du sollst nicht töten", und trotzdem ihnen eben darum vieles andere verboten war; sie sollten eben durch eine ganze Reihe von Vorschriften zur Beobachtung dieses Gebotes angeleitet werden. Was sagten sie, als sie den Sohn erblickten? "Kommet, lasset uns ihn töten."Ja, warum? weshalb? Könnt ihr ihm auch nur den geringsten Vorwurf machen? Etwa, dass er, der Gott war, euch die Ehre erwiesen hat, für euch Mensch zu werden und so zahllose Wunder zu wirken? Oder dass er euch eure Sünden vergeben? oder dass er euch in das Himmelreich berufen? Siehe also, wie groß ihre Torheit ist, ganz abgesehen von ihrer Gottlosigkeit, und wie auch der Beweggrund zu ihrer Mordtat an Wahnsinn grenzt. "Lasset uns ihn umbringen",sagen sie, "und sein Erbe wird unser sein"7 . Und wo planen sie ihn umzubringen? Außerhalb des Weinberges.

1: Ps 117,22
2: Ez 2,5
3: Mt 23,32
4: Jes 1,15
5: Os 4,2
6: Mich 3,10
7: Lk 20,14

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger