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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Siebenundsechzigste Homilie. Kap. XXI, V.12-32.

1.

V.12: "Und als Jesus den Tempel betreten hatte, trieb er alle hinaus, die da im Tempel verkauften und kauften, und die Tische der Wechsler und die Gestelle der Taubenverkäufer warf er um;

V.13: und er sagte zu ihnen: Es steht geschrieben: Mein Haus wird ein Haus des Gebetes genannt1 : ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht."

Derselbe Bericht findet sich auch bei Johannes, aber am Anfang des Evangeliums2 , während Matthäus ihn gegen das Ende desselben bringt. Daraus darf man den Schluß ziehen, dass sich dieser Vorfall zweimal und zu verschiedenen Zeiten ereignet hat. Das folgt nicht bloß aus der verschiedenen Zeitangabe, sondern auch aus der Antwort der Juden. Das erste Mal war der Herr zum Osterfeste hingekommen, dieses Mal viel früher. Damals hatten die Juden gesagt: "Welches Zeichen weisest Du uns?3 . Jetzt sind sie still, obschon sie zurechtgewiesen worden waren, weil er eben bereits bei allen in hohem Ansehen stand. Für die Juden liegt ein schwerer Vorwurf darin, dass sie, wiewohl er ein und noch ein zweites Mal so vorging, dennoch in ihrer niedrigen Kleinlichkeit auch ferner behaupteten, er trete gegen Gott auf, da sie doch gerade aus seinem Vorgehen ersehen mußten, wie sehr er den Vater ehrte und welche Macht ihm eigen war. Er wirkte ja auch Wunder, und sie konnten damit sehen, dass seine Worte und seine Werke im Einklang standen. Trotzdem ließen sie sich nicht überzeugen, ja sie wurden sogar aufgebracht, obwohl sie gehört hatten, was der Prophet geweissagt hatte und was die Kinder ganz über ihre Jahre hinaus vom Herrn verkündeten. Darum beruft sich Jesus ihnen gegenüber zu seiner Rechtfertigung auf Isaias mit den Worten: "Mein Haus wird ein Gebetshaus genannt werden ." Es ist das ein Hinweis auf seine Macht. Desgleichen legt er seine Macht in der Heilung verschiedener Krankheiten dar:

V.14: "Es traten zu ihm im Tempel Blinde und Lahme und er heilte sie";

hierin legt er seine Macht und Gewalt an den Tag. Aber selbst diese Wunder machten keinen Eindruck auf die Pharisäer. Im Gegenteil, als sie obendrein auch noch hörten, wie ihn die Kinder priesen, erfüllte sie Ingrimm und sie sprachen zu ihm:

V.16: "Hörst Du, was diese sagen?"

Eigentlich hätte Christus zu ihnen sagen sollen: Hört ihr, was diese sagen? Denn sie gaben durch ihre Zurufe Zeugnis von seiner Gottheit. Was antwortet er nun? Da sie offenkundigen Tatsachen widersprechen, geht er mit schärferer Zurechtweisung gegen sie vor.

V.16: "Habt ihr niemals gelesen", sagt er: "Aus dem Munde von Kindern und Säuglingen hast du dein Lob bereitet?"

Ganz richtig heißt es "aus dem Munde"; denn nicht, weil sie verstehen, was sie reden, preisen sie ihn, sondern weil seine Kraft ihre noch unreifen Zungen in Bewegung setzte.

Diese Geschichte ist zugleich ein Vorbild der Heiden, welche stammelnd mit gläubigem Herzen alle die Großtaten Gottes priesen. Für die Apostel aber liegt darin ein großer Trost. Sie sollten nicht bange sein, ob sie als ungebildete Leute das Evangelium zu predigen imstande sein würden. Deshalb verleiht er diesen Kindern die Fähigkeit, ihn so zu preisen, um den Aposteln im vorhinein alle Angst zu benehmen und ihnen die Hoffnung einzuflößen, er werde auch ihnen die Gabe der Rede verleihen. Zugleich offenbart dieses wunderbare Ereignis, dass er der Schöpfer der Natur ist. Obwohl noch Kinder und im unreifen Alter, redeten sie doch ganz vernünftig und ebenso wie die himmlischen Geister. Die Männer hingegen reden sinnlose und unvernünftige Worte. So geht es eben der Bosheit. Da also vieles die Pharisäer reizte, das Verhalten der Menge, die Austreibung der Verkäufer, die Wundertaten, der Lobgesang der Kinder, so verläßt der Herr sie wieder, damit sich die Wogen ihrer Erregung beschwichtigen. Er will mit seiner Predigt nicht beginnen und sie, da sie vor Neid glühen, nicht noch mehr gegen seine Worte aufbringen.

V.18: "Frühmorgens aber, während er auf dem Rückwege zur Stadt war, hungerte ihn?"

Wie kommt es, dass ihn in der Frühe hungerte? Seine Menschheit zeigt eben ihre Bedürfnisse, sobald er es zuläßt.

V.19: "Und da er einen Feigenbaum am Wege sah, ging er auf ihn zu und fand an demselben nichts als nur Blätter."

Ein anderer Evangelist erwähnt: "Es war nämlich noch nicht die Feigenzeit"4 . Wenn aber die Feigenzeit noch nicht da war, wie kann dann der andere Evangelist erzählen: "Er ging darauf zu, ob er vielleicht etwas an ihm fände"?5 . Daraus ersieht man, dass nur die Jünger, die damals noch recht unvollkommen waren, meinten, er suche Früchte. Die Evangelisten berichten ja vielfach nur die Anschauungen der Jünger. Wie sie also das meinten, so wähnten sie auch, er habe den Baum verflucht, weil er keine Früchte trug. Weshalb aber verfluchte er ihn denn? Um der Jünger willen, um ihnen Mut einzuflößen. Da er immer nur Wohltaten gespendet hatte, ohne zu strafen, so mußte er ihnen auch einmal einen Beweis seiner strafenden Gewalt geben. Jünger und Juden sollten erfahren, dass er wohl imstande wäre, diejenigen, die ihn kreuzigten zu vernichten, dass er es aber nicht tat, weil er sich freiwillig hinopferte. Er wollte aber nicht an Menschen, sondern an einer Pflanze seine Strafgewalt betätigen. Wenn an Orten oder Pflanzen oder anderen vernunftlosen Wesen etwas Derartiges geschieht, so klügle nicht; frage nicht: War es recht, dass er den Feigenbaum verdorren machte, da ja die Feigenzeit noch nicht da war? Das wäre kindisch, so zu reden. Fasse vielmehr das Wunder ins Auge, bewundere und preise den Wundertäter. Ähnlich hat man es in Bezug auf die Schweine, die ins Meer stürzten, gemacht und die Frage nach der Berechtigung dieses Vorgehens aufgeworfen. Allein auch in diesem Falle darf man nicht darnach fragen, denn die Schweine sind vernunftlos, wie jener Baum leblos war. Warum wird aber die Sache so dargestellt, als wäre der Mangel an Früchten der Anlaß des Fluches gewesen? Weil, wie gesagt, die Jünger so dachten. Wenn die Feigenzeit noch nicht da war, so ist die Behauptung einiger, es werde damit auf das Gesetz angespielt, grundlos. Die Frucht des Gesetzes war der Glaube und für diese Frucht war es damals allerdings schon Zeit, und sie wurde auch tatsächlich gezeitigt. "Die Fluren", sprach er, sind bereits weiß zur Ernte",und: "Ich habe euch abgeschickt, um zu ernten, was ihr nicht gearbeitet habt"6 .

1: Jes 56,7; Jer 7,11
2: Joh 2,1322
3: Joh 2,18
4: Mk 11,13
5: ebd
6: Joh 4,35 u.38

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger