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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Sechsundsechzigste Homilie. Kap. XX, V.29.-Kap. XXI, V.11.

1.

V.29: "Und da sie weggingen von Jericho, folgte ihm eine große Menge Volkes.

V.30: Und siehe zwei Blinde, welche an der Straße saßen, hörten, dass Jesus vorbeikomme, und sie schrieen: Erbarme dich unser, Herr, Sohn Davids."

Beachte zunächst, von wo Christus nach Jerusalem aufbricht und wo er sich vorher aufgehalten hatte. Ganz besonders aber scheint es mir der Untersuchung wert zu sein, warum er nicht auch schon früher von dort nach Galiläa reiste, sondern den Weg durch Samaria nahm. Doch wollen wir diese Frage denen überlassen, die sich besonders dafür interessieren. Wollte jemand sorgfältig prüfen, so könnte er bei Johannes eine schöne Andeutung samt der Angabe des Grundes finden1 . Wir halten uns an unseren Text und wollen auf die Blinden hören, die besser waren als viele Sehende. Waren sie auch führerlos, konnten sie den Herrn auch nicht sehen, wenn er vor ihnen stand, so bemühten sie sich doch, zu ihm zu kommen. Deshalb riefen sie mit lauter Stimme und schrieen um so lauter, je mehr man ihnen Schweigen gebot. Darin eben zeigt sich die Beharrlichkeit einer Seele; je mehr man sie hindern will, desto mächtiger strebt sie vorwärts. Christus ließ es zu, dass man sie anfuhr; um ihr Verlangen desto mehr ins Licht zu stellen und zu zeigen, dass sie die Heilung wohl verdienten. Darum fragte er auch nicht: "Glaubet ihr", wie er es gewöhnlich tat, denn in ihrem Schreien und Vordrängen offenbarte sich ja hinreichend ihr gläubiges Vertrauen.

Hieraus magst du ersehen, mein Lieber, dass wir selbst in allen Bitten Erhörung finden können, mögen wir noch so gering und verachtet sein, wenn wir nur mit innigem Verlangen vor Gott hintreten. Die Blinden hatten unter den Aposteln keine Fürsprecher, von vielen Seiten wurde ihnen sogar Schweigen geboten; dennoch überwinden sie alle Hindernisse und setzen es durch, zu Jesus zu gelangen. Auch berichtet der Evangelist nicht, dass sie einen besonders guten Lebenswandel geführt hätten, ihr inbrünstiges Verlangen mußte für sie statt alles anderen genügen. Hierin nun sollen wir sie nachahmen: Wenn Gott die Erhörung hinausschiebt, wenn manche uns vom Beten abwendig machen wollen, so dürfen wir trotzdem nicht nachlassen. Gerade durch die Ausdauer werden wir uns Gott am meisten geneigt machen. So vermochte auch bei unseren Blinden weder ihre Armut noch ihre Blindheit, auch nicht der Umstand, dass sie kein Gehör fanden, oder dass sie von der Menge gescholten wurden, oder sonst etwas ihre Beharrlichkeit zu lähmen. So sind eben feurige und eifrige Seelen. Was antwortet nun Christus?

V.32: "Jesus stand still, rief sie und sprach: Was wollt ihr, dass ich euch tue?

V.33: Sie sagten zu ihm: Herr, dass sich unsere Augen öffnen."

Weshalb fragt er sie? Damit niemand glaube, sie hätten vielleicht etwas anderes gewünscht, als er ihnen gewährte. Allweg ist es eine Gepflogenheit, zuerst die Tugend der Heilungsbedürftigen zu offenbaren und allen vor Augen zu führen, ehe er die Heilung vornimmt, und zwar aus dem Grunde, um auch die anderen zum Eifer anzuspornen, ferner um zu zeigen, dass er seine Gaben nicht an Unwürdige verschwendet. So hat er es bei dem chananäischen Weibe gemacht, bei dem Hauptmanne und bei der Blutflüssigen. Ja, wiewohl dieses bewunderungswürdige Weib sogar der Frage des Herrn zuvorgekommen war, nahm er dennoch davon keinen Abstand, sondern offenbarte ihre Tugend, nachdem er sie geheilt hatte. Also jedesmal lag ihm daran, die Tugenden derer, die sich an ihn wandten, zu offenbaren, ja, sie noch größer hinzustellen, als sie in Wirklichkeit waren.

So geht er auch hier vor. Nachdem die zwei Blinden ihr Begehren geäußert, rührte er sie voll Erbarmen an. Sein Mitleid ist der einzige Grund der Heilung, aus Erbarmen war er ja in die Welt gekommen. Obgleich er aber nur aus Barmherzigkeit und Gnade heilt, sieht er doch zuerst darauf, dass die Leute es auch wert sind. Diese beiden waren es wert, wie daraus hervorgeht, dass sie laut riefen und nach der Wohltat ihn nicht wieder verließen, wie so viele Undankbare tun. So handeln sie nicht, sondern so beharrlich sie vor der Wohltat waren, so dankbar zeigen sie sich nachher, indem sie sich ihm anschließen.

Kapitel XXI. V.1: "Und als sie sich Jerusalem genähert hatten, und sie gen Bethphage kamen an den Ölberg, da schickte Jesus zwei Jünger ab

V.2: mit dem Auftrag: Gehet in die Ortschaft, welche vor euch liegt, und alsbald werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen mit ihr; löset sie ab und führet sie zu mir!

V.3: Und so jemand euch etwas sagt, sprechet: Der Herr bedarf ihrer, und sofort wird er sie hergeben.

V.4: Dies alles aber geschah, damit erfüllt würde, was gesagt worden ist durch den Propheten:

V.5: Sprechet zur Tochter Sion: Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig, reitend auf einer Eselin und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttieres."

Auch früher war Jesus oft nach Jerusalem gezogen, doch niemals mit solcher Feierlichkeit. Was mag ihn wohl dazu bewogen haben? Bislang hatte er die Erlösung nur vorbereitet; er war noch nicht sonderlich bekannt gewesen, die Zeit seines Leidens hatte noch nicht unmittelbar bevor gestanden, deshalb verkehrte er mit den Juden, ohne besonders hervorzutreten, ja hielt sich eher verborgen, aus Besorgnis, er könnte, anstatt ihre Bewunderung auf sich zu ziehen, sie eher gegen sich aufbringen. Nunmehr hatte er aber schon zahlreiche Beweise seiner Macht gegeben, sein Tod am Kreuze sollte bald erfolgen; da entfaltete er füglich größeren Glanz und tritt mit mehr Aufsehen auf, um das Volk für sich besonders einzunehmen. Freilich hätte das auch von allem Anfange der Fall sein können, aber es wäre nicht so nützlich und dienlich gewesen. Was bei unserer Begebenheit besondere Beachtung verdient, ist der Umstand, dass durch dieses vielfache Wunder auch viele Weissagungen erfüllt werden. Er sprach: "Ihr werdet eine Eselin finden." Er sagte vorher, dass niemand sie hindern würde, sondern auf ihre Worte hin zu allem schweigen werden. Es liegt wein schwerer Vorwurf für die Juden darin, dass Leute, die ihn gar nicht kannten, ihn nie gesehen hatten, dennoch ihm ihr Eigentum ohne Widerrede zur Verfügung stellen, trotzdem er es überdies nur durch seine Jünger in Anspruch nimmt, während jene anderen seine Wunder mit eigenen Augen gesehen hatten und dennoch nicht an ihn glaubten.

1: Joh 4,1

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger