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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Fünfundsechzigste Homilie. Kap. XX, V.17-28.

1.

V.17: "Und während Jesus hinaufging nach Jerusalem, versammelte er die zwölf Jünger unterwegs allein um sich und sprach zu ihnen:

V.18; Sehet, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Sohn des Menschen wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überantwortet werden, und sie werden ihn zum Tode verurteilen,

V.19: und sie werden ihn den Heiden überliefern zur Verspottung und Geißelung und Kreuzigung, und am dritten Tage wird er auferstehen."

Der Herr begibt sich nicht unmittelbar aus Galiläa nach Jerusalem. Er wirkte erst noch Wunder, brachte die Pharisäer zum Schweigen und gab den Jüngern gute Lehren. Über die Armut sagte er:"Willst du vollkommen sein, so verkaufe, was du hast"1 ; über die Jungfräulichkeit: "Wer es fassen kann, der fasse es"2 , über die Demut: "Wenn ihr euch nicht bekehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen"3 ; ferner über den Lohn im Diesseits:"Jeder, der verläßt Haus, Bruder und Schwestern, wird Hundertfaches erhalten in diesem Leben", und über die Vergeltung im Jenseits: "und das ewige Leben erlangen"4 . Erst nachdem er alles dieses vollendet hatte, näherte er sich der Stadt. Und nun, da er im Begriffe ist, sie zu betreten, kommt er wieder auf sein Leiden zu sprechen. Die Jünger wünschten, es möchte dies nicht eintreten, und hätten darum leicht darauf vergessen können. Darum erinnert er sie immer wieder daran, um durch häufige Erwähnung ihr Herz mit diesem Gedanken vertraut zu machen und zugleich ihre Niedergeschlagenheit darüber zu beseitigen. Er mußte aber ganz allein mit ihnen davon reden, weil es nachteilig gewesen wäre, wenn diese Kunde unter die Leute gedrungen und offen davon gesprochen worden wäre. Wurden schon die Jünger bei der Mitteilung darüber bestürzt, wieviel mehr hätte das bei dem gewöhnlichen Volke der Fall sein müssen. Wie aber, fragst du, wurde das Volk nicht auch damit bekannt gemacht? Allerdings, auch dem Volke wurde es mitgeteilt. Aber nicht so deutlich. So z.B. sagte der Herr: "Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten"5 ; "Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht begehrt ein Zeichen, und ein Zeichen wird ihm nicht gegeben werden, "außer dem Zeichen des Jonas, des Propheten"6 ; "Noch eine kurze Zeit bin ich bei euch, und ihr werdet mich suchen und nicht finden"7 . Mit den Jüngern redete er nicht so geheimnisvoll von seinem Leiden, sondern offen, wie ja auch über andere Dinge. Wozu redete er aber zum Volke hierüber, wenn es den Sinn seiner Worte doch nicht verstand? Weil sie es in der Folge erkennen sollten, dass er mit Wissen und Willen, nicht ahnungslos oder genötigt seinem Leiden entgegenging. Bei den Jüngern war aber nicht bloß dieser Grund maßgebend, sondern, sie sollten, wie schon erwähnt, durch das Vorherwissen mit seinem Leiden vertraut werden, um sich seinerzeit leichter dareinzufinden; nicht unvorbereitet sollten sie davon überrascht werden, damit sie nicht die Fassung verlören. Deshalb sprach er anfangs bloß von seinem Tode; nachdem sie sich aber an diesen Gedanken gewöhnt hatten und damit vertraut waren, fügte er auch die näheren Umstände hinzu. z.B., dass man ihn den Heiden überliefere, dass man ihn verspotten und geißeln werde. Noch ein weiterer Grund bewog ihn dazu, nämlich, dass sie auch seine Auferstehung mit Zuversicht erwarteten, wenn sie sähen, wie all das Entsetzliche in Erfüllung gegangen war. Billigerweise verdient doch derjenige auch in Bezug auf Freudiges Glauben und Vertrauen, wer Schmerzliches und scheinbar Schmachvolles nicht verschwiegen hat. Beachte auch, wie passend der göttliche Heiland die rechte Zeit für seine Zwecke wählt. Hätte er gleich im Anfange seines Auftretens von seinem Leiden gesprochen, so wären die Jünger wohl irre geworden; auch im Verlaufe seiner Wirksamkeit wären sie durch solche Eröffnungen außer Fassung geraten. Jetzt erst, nachdem sie hinreichende Beweise seiner Macht gesehen, nachdem sie die großen Verheißungen über das ewige Leben erhalten hatten, lenkt er seine Rede auf sein Leiden; nun aber nicht bloß ein oder zweimal, sondern häufig, indem er dabei auch mit Wundern und Lehren abwechselt. Ein anderer Evangelist berichtet, der Herr habe sich auch auf das Zeugnis der Propheten berufen, und wieder ein anderer erzählt, seine Jünger hätten seine Worte nicht verstanden; der Sinn sei ihnen verborgen geblieben und sie seien ihm voll Staunen gefolgt8 .

Also wendest du ein, war der Zweck seiner Weissagung vereitelt? Denn wenn sie nicht verstanden, was sie hörten, so konnten sie9 auch nicht erwarten und somit auch nicht in der Hoffnung gestärkt werden. Und ich will noch eine schwierigere Frage hinzufügen: Wenn sie ihn nicht verstanden, woher dann ihre Traurigkeit? Ein anderer Evangelist sagt nämlich, sie seien betrübt geworden. Wenn sie ihn nun nicht verstanden, wie konnten sie traurig werden? Wie konnte Petrus sagen: "Das sei ferne von Dir, das darf nicht eintreten"?10 . Wie soll man diese Widersprüche erklären? Die Apostel wußten zwar, dass Jesus sterben werde, wenn sie auch das Geheimnis der Erlösung nicht ganz klar erfaßten, ebensowenig als sie seine Auferstehung ganz begriffen und was er damit bezweckte; das alles waren für sie Rätsel. Daher ihre Betrübnis. Sie waren zwar Augenzeugen gewesen, dass Tote von anderen Menschen auferweckt wurden, allein, sie wußten noch nicht, dass jemand von selbst auferstehen kann, und zwar, um gar nie mehr zu sterben. So etwas überstieg ihr Fassungsvermögen, mochte es ihnen auch wiederholt gesagt werden, wie sie auch nicht recht begriffen, was es mit seinem Tode für eine Bewandtnis habe, und unter welchen Umständen er eintreten solle. Deshalb heißt es, dass sie ihm voll Staunen folgten. Mir will scheinen, auch deshalb, weil sie sich entsetzten, dass er überhaupt von seinem Leiden redete.

1: Mt 19,21
2: Mt 19,12
3: Mt 18,3
4: Mt 19,29
5: Joh 2,19
6: Mt 12,39
7: Joh 7,3334
8: Lk 18,31;Mk 10,32
9: sein Leiden
10: Mt 16,22

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger