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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Vierundsechzigste Homilie. Kap V. 27 Kap XX, V.1-6

1.

V.27: "Alsdann entgegnete Petrus und sprach zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind Dir gefolgt; was wird also unser Lohn sein?"

Was "alles" hast du verlassen, hl. Petrus? Das Fischerrohr? das Netz? den Nachen? dein Handwerk. Das nennst du "alles"? Freilich, erwiderst du, so nenne ich es, aber nicht aus Großsprecherei, sondern um mit dieser Frage auf die Schar der Armen hinzuweisen. Der Herr hatte erklärt: "Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben"1 . Da könnte nun mancher Arme denken: Wie, wenn ich nicht einmal das Notwendige zum Leben habe, kann ich da nicht vollkommen sein? Petrus fragt also, damit du, der Arme, wissest, dass du ob deiner Armut nicht schlechter daran bist; Petrus fragt, damit du vom Meister des Petrus die Unterweisung erhaltest und beruhigt seiest; denn wenn du es bloß von Petrus erführest, könntest du noch Bedenken tragen2 . Wie wir im Gespräch über andere deren Angelegenheiten zu den unsrigen machen, so tat auch der Apostel, als er diese Frage im Namen der ganzen Welt an Christus richtete. Für seine eigene Person war er bereits im klaren, wie wir aus dem Vorausgehenden ersahen; denn da er bereits die Schüssel des Himmelreiches besaß, mußte er um so eher über das, was er dort zu erwarten hatte, Gewißheit haben. Beachte auch, wie genau Petrus den Anforderungen Christi entspricht. Zwei Dinge hatte der Herr von einem Reichen verlangt: dass er sein Vermögen den Armen gebe, und dass er Christo nachfolge. Dem entsprechend hebt auch Petrus diese beiden Punkte hervor: das Verlassen und das Nachfolgen: "Siehe, wir haben alles verlassen und sind Dir nachgefolgt." Das Verlassen war zum Zwecke der Nachfolge geschehen, die Nachfolge war durch das Verlassen leichter geworden, und weil sie alles verlassen hatten, sollten sie froh und getrost werden. Was antwortete also Christus?

V.28: "Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch, ihr, die ihr mir gefolgt seid, bei der Wiedergestaltung, wenn der Menschensohn auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen wird, dann werdet auch ihr auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten."

Wie? Wird auch Judas mit dort sitzen? Keineswegs. Wie kann er also sagen: "Ihr werdet auf zwölf Thronen sitzen"? Wie soll diese Verheißung in Erfüllung gehen? Höre, wie und in welchem Sinne. Gott hat den Juden ein Gesetz gegeben und von Jeremias verkünden lassen, folgenden Inhalts: "Zuletzt werde ich wider Volk und Reich reden, dass ich es zerstören und verderben wolle. Wenn sich aber jenes Volk von seinen Sünden abwendet, so gereut auch mich des Bösen, das ich gesonnen war, ihm zu tun. Und dann spreche ich aus über Volk und Reich, dass ich es bauen und pflanzen wolle. Tat aber dasselbe, was böse ist in meinen Augen, so dass es nicht höret meine Stimme, dann gereute mich des Guten, das ich verheißen, an ihm zu tun"3 .Christus will sagen, ein ähnliches Vorgehen beobachte ich auch in Bezug auf das Gute. Wenn ich auch sage, ich werde bauen, so werde ich es doch nicht tun, wenn man sich der Verheißung unwürdig erweist. So handelte er z.B. mit dem Menschen im Paradiese. Er hatte gesagt:"Furcht und Schrecken vor euch sei über alle Tiere der Erde"4 , und doch kam es anders, weil der Mensch sich der Herrschaft unwert gezeigt hatte. Dasselbe gilt nun auch von Judas. Infolge der Strafandrohung könnten nämlich einige zur Verzweiflung und Verhärtung getrieben werden, andere infolge der Verheißung von Lohn in Leichtsinn verfallen, um also beiden Übelständen vorzubeugen, hat Jesus obige Worte gesprochen, womit er sagen will: Wenn ich auch drohe, du brauchst doch nicht zu verzagen; denn du kannst ja durch Gesinnungsänderung die Drohung gegenstandslos machen, wie es bei den Niniviten der Fall war. Und wenn ich auch etwas Gutes verheiße, so darfst du darum doch nicht träge werden; denn wenn du dich unwürdig machst, wird dir meine Verheißung nichts nützen; du wirst vielmehr gestraft werden. Meine Versprechungen beziehen sich nur auf solche, die sich ihrer Wert zeigen.

So hat er nun auch in dem gegenwärtigen Falle den Jüngern nicht ein unbedingtes Versprechen gegeben. Er sagte nicht einfach: "ihr", sondern setzte hinzu: "die ihr mir gefolgt seid", um damit einerseits den Judas davon auszuschließen, und anderseits solche, die später kommen, aufzumuntern. Seine Worte bezogen sich nämlich weder bloß auf die Jünger, noch auf Judas, der später unwürdig geworden ist. Den Jüngern stellt er deshalb einen Lohn im Jenseits in Aussicht: "Ihr werdet sitzen auf zwölf Thronen"; sie hatten ja bereits einen höheren Grad der Vollkommenheit erstiegen und suchten nichts Irdisches mehr. Den übrigen Menschen macht er dagegen eine Verheißung für das Diesseits durch die Worte:

V.29: "Jeder, welcher verlassen hat Haus oder Bruder oder Schwester oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen, wird Hundertfaches empfangen und ewiges Leben erwerben."

Damit man nämlich wegen des Wortes "ihr" die Verheißung über den Besitz der größten und ersten Stellen im Jenseits nicht ausschließlich auf die Jünger beziehe, gibt er seinen Worten einen weiteren Sinn, in dem er sie über die ganze Welt ausdehnt, und durch die Verheißung für das Diesseits die Aussicht auf das Jenseits bekräftigt und bestärkt. Als die Jünger im Anfang noch unvollkommen waren, hatte er zu ihnen auch von irdischen Gütern geredet; so z.B., als er sie am Meere aufforderte, ihr Handwerk aufzugeben, und ihre Fahrzeuge zu verlassen, sagte er kein Wort vom Himmel oder von den Thronen, sondern stellte ihnen nur Erfolge auf Erden in Aussicht: "Ich werde euch zu Menschenfischern machen"5 . Nachdem er aber ihre Herzen auf Höheres hingerichtet hatte, konnte er füglich auch die Dinge im Jenseits erwähnen.

1: Mt 19,21
2: denn er war damals noch unvollkommen, noch nicht vom Hl. Geiste erfüllt
3: Jer 18,710
4: Gen 9,2
5: Mt 4,19

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger