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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Dreiundsechzigste Homilie. Kap. XIX, V.15-26.

1.

V.15: "Und siehe, einer trat heran und sprach zu ihm: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich ewiges Leben erlange?"

Manche stellen diesen Jüngling als Heuchler und schlechten Menschen hin, der nur zu Jesus gekommen sei, um ihn zu versuchen. Ich für meine Person möchte ihn zwar nicht gegen den Vorwurf der Habsucht und Geldgier in Schutz nehmen, denn auch Christus tadelte ihn darob; allein als Heuchler möchte ich ihn keineswegs bezeichnen, weil es etwas gar so Unsicheres und Gewagtes ist, über verborgene Dinge ein Urteil zu fällen, namentlich wenn es sich um Beschuldigungen handelt, und auch deshalb,. weil Markus einen solchen Verdacht ausschließt, wenn er schreibt; "Es lief einer herzu, und fragte ihn, das Knie vor ihm beugend", und:"Jesus aber sah ihn an und liebte ihn"1 . Allein die Macht und Anziehungskraft des Geldes ist eben gar groß. Das kann man auch darauf ersehen: Wenn man sonst allwegs tugendhaft ist, die Habsucht verdirbt alles andere. Paulus war gar im Rechte, wenn er sie als die Wurzel aller Übel bezeichnet:"Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht"2 . Warum aber gab ihm Christus zur Antwort: "Niemand ist gut"? Weil der Jüngling ihn noch als bloßen Menschen betrachtete, als einen aus vielen anderen und als gewöhnlichen jüdischen Lehrer. Deshalb redet auch er als Mensch mit ihm. Gar häufig macht er es so, dass er im Sinne der Fragesteller antwortet, so z.B. als er sagte: "Wir beten an, was wir wissen"3 , oder: "Wenn ich Zeugnis gebe über mich selber, dann ist mein Zeugnis nicht wahr"4 . Wenn also Jesus in unserem Falle erwidert: "Niemand ist gut", so will er sich selbst damit nicht die Güte absprechen, Gott bewahre, denn seine Worte lauteten ja nicht: Warum nennst du mich gut? Ich bin nicht gut, sondern: "Niemand", das soll heißen kein Mensch, "ist gut." Auch will er damit nicht besagen, es gebe überhaupt keinen guten Menschen, sondern nur keinen im Vergleiche mit Gottes Güte; deshalb fügt er auch hinzu: "Außer Gott allein." Er sagte nicht: Als nur mein Vater, um anzudeuten, dass er sich dem Jünglinge nicht offenbaren wollte. In ähnlicher Weise hatte er früher die Menschen böse genannt, als er sprach: "Wenn nun ihr, obgleich ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisset"5 . Damit wollte er aber nicht die ganze menschliche Natur als böse bezeichnen6 , sondern er nannte vielmehr auch die guten Menschen böse, aber nur im Vergleiche mit der Güte Gottes. Deshalb fuhr er auch fort: "Um wieviel mehr wird euer Vater, welcher im Himmel ist, Gutes geben denen, die ihn bitten?"

Aus welchem Grunde, fragst du, oder zu welchem Zwecke gab er ihm diese Antwort? Weil er den Jüngling allmählich emporheben und unterweisen will, dass man sich jeder Schmeichelei enthalten soll. Er sucht ihn vom Irdischen loszumachen und mit Gott zu vereinigen; er will ihn für das Himmlische gewinnen, zur Erkenntnis des wahrhaft Guten führen, der die Wurzel und Quelle alles Guten ist, und ihn aufmuntern, diesem allein Ehre zu erweisen. Auch die Worte: "Lasset euch nicht Meister nennen"7 , die er ein andermal sprach, gelten nur im Vergleich mit ihm, damit man lerne, wer der Urheber alles Bestehenden sei. Bislang hatte der Jüngling keine geringe Bereitwilligkeit an den Tag gelegt; wenigstens war er von solcher Liebe beseelt, dass er zu Christus kam, um sich mit ihm über das ewige Leben zu beraten, indes andere zu ihm kamen, um ihn zu versuchen oder für sich oder andere Heilung zu finden. Der Boden war fett und fruchtbar, aber die zahllosen Disteln erstickten die Saat.

Beachte, wie bereitwillig er bisher die Gebote erfüllt hatte. "Was soll ich tun, damit ich das ewige Leben erlange?" fragt er. So willig zeigte er sich zur Erfüllung alles dessen, was ihm aufgetragen werden würde. Wäre er gekommen, um Christus zu versuchen, so hätte es der Evangelist gewiß erwähnt, wie er es auch bei den anderen tat, z.B. bei dem Gesetzeslehrer. Und hätte es auch der Evangelist übergangen, Christus hätte es jedenfalls aufgedeckt durch ein offene Zurechtweisung oder doch durch eine Anspielung, schon um nicht den Schein zu erwecken, als sei er hintergangen worden, ohne es zu merken: sonst würde er ja seine eigene Sache geschädigt haben. Hätte er den Herrn versuchen wollen, so würde er ihn auch kaum voll Trauer über den Bescheid verlassen haben. Ein derartiges Gefühl finden wir bei den Pharisäern nie, sondern nur Ingrimm, so oft sie hatten verstummen müssen. Ganz anders der Jüngling; er war niedergeschlagen, als er wegging. Darin liegt doch ein deutlicher Beweis dafür, dass er nicht in schlechter Absicht gekommen war, sondern eher, dass sein Wille zu schwach war, dass sein Verlangen nach dem ewigen Leben aufrichtig gemeint, er aber einer Leidenschaft erlag, die noch stärker war.

Als daher Christus antwortete:

V.17: "Wenn du in das Leben eingehen willst, so halte die Gebote",

fragte er: "Welche?" Durchaus nicht, um ihn zu versuchen, sondern in der Annahme es gäbe außer den Vorschriften des Gesetzes noch andere, die ihm die Pforte zum Leben erschließen könnten: ein klarer Beweis für die Aufrichtigkeit seines Verlangens. Als ihn darauf Jesus auf die Vorschriften des Gesetzes verwies, erklärte er:

V.20: "Alles dieses habe ich beobachtet von meiner Jugend an."

Aber auch das genügte ihm noch nicht, er fragte neuerdings: "Was bleibt mir noch zu tun übrig?" Auch das ist doch wahrlich nichts Geringes, dass er dachte, es fehle ihm noch etwas, die angeführte Gesetzestreue reiche noch nicht aus, um zu erreichen, wonach er verlangte. Was erwidert nun Christus? Da er ihm etwas Großes auferlegen wollte, so stellte er ihm auch einen großen Kampfpreis in Aussicht und spricht:

V.21: "Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe, was du hast und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komme, folge mir nach!"

1: Mk 10,17,21
2: 1 Tim 6,10
3: Joh 4,22
4: Joh 5,31
5: Mt 7,11
6: denn das "ihr" sollte nicht heißen: ihr Menschen
7: Mt 23,10

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger