Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC) Zweiundsechzigste Homilie. Kap. XIX, V.1-15.
5. So ist eben der Neid; er untergräbt immer seinen eigenen Vorteil, verzehrt denjenigen, der sich von ihm beherrschen läßt und stürzt ihn in tausend Widerwärtigkeiten. Solange sich Saul noch nicht von David getrennt hatte, brauchte der Unselige fürwahr nicht in das erbärmliche Wehklagen auszubrechen: "Ich bin sehr bedrängt! Denn die Philister führen Krieg gegen mich und der Herr verließ mich"1 . Als David noch nicht von ihm geschieden war, wurde er in keine Kriege verwickelt, sondern lebte in Sicherheit und stand in Ansehen; denn der Ruhm des Feldherrn fiel auf den König zurück. David war auch nicht der Mann, der nach der Herrschaft strebte, oder damit umging, ihn vom Throne zu stürzen, sondern es glückte ihm alles und er war dem König äußerst ergeben. Das geht klar auf den weiteren Ereignissen hervor. Bei oberflächlicher Prüfung der Sache könnte wohl jemand meinen. David habe diese Haltung nur beobachtet, weil er durch das Verhältnis der Unterordnung dazu genötigt war. Was hielt ihn aber nach seiner Verbannung aus dem Reiche noch zurück, was konnte ihn da noch bewegen, vom Kriege gegen Saul abzustehen? Ja, war nicht vielmehr alles darnach angetan, ihn zur Ermordung Sauls zu treiben ? Hatte derselbe nicht mehr als einmal schlecht gegen ihn gehandelt, trotz aller seiner Wohltaten, trotzdem ihm derselbe nichts vorwerfen konnte? Lag nicht für David eine beständige Gefahr darin, dass Saul im ruhigen Genusse des Königtums stand? Mußte er nicht, solange derselbe am Leben und im Besitze der Herrschaft blieb, fortwährend unstet und flüchtig sein und um sein Leben fürchten? Nichts von all dem vermochte ihn indessen dazu, sein Schwert mit Blut zu beflecken. Ja, als er ihn vor sich sah, schlafend, gefangen, allein, umzingelt, als er dessen Haupt berühren konnte, als viele ihn aufmunterten und es für eine besondere Fügung Gottes erklärten, dass ihm diese Gelegenheit geboten sei, da wies er die Sprecher zurück, tötete ihn nicht, sondern ließ ihn heil und gesund gehen, und machte dem Lager des Königs den Vorwurf, ihn verraten zu haben. als wäre er dessen Leibwächter und Schildträger, nicht sein Feind. Wo findet man noch eine so edle Seele? wo eine Sanftmut gleich dieser? Läßt sich das schon aus dieser Erzählung ersehen, so geht es noch klarer hervor aus dem Vergleich mit unserem heutigen Leben . Denn wenn wir zur Einsicht unserer eigen en Verkehrtheit gelangen, werden wir um so mehr die Tugendhaftigkeit jener Heiligen würdigen. Darum bitte ich euch, eifert ihnen aus Kräften nach. Wenn du aus Ehrgeiz deinen Nächsten anfeindest, so wisse, dass du viel mehr Ruhm erntest, wen n du die Ehre verschmähst und die Feindseligkeit aufgibst. Beide Dinge stehen nämlich einander entgegen: die Habsucht dem Streben nach Reichtum. und der Ehrgeiz der Erlangung der Ehre. Wenn es euch gefällt, wollen wir diese Behauptung im einzelnen untersuchen. Wenn wir schon die Hölle nicht fürchten und den Himmel beiseite setzen, vielleicht gelingt es, euch durch den Hinweis auf irdische Vorgänge anzutreiben. Wer macht sich denn eigentlich lächerlich? Doch wohl jene, die etwas nur deshalb tun, um bei der großen Menge Ehre zu finden. Und wer findet Anerkennung? Sind es nicht jene, die auf das Lob der Menge nichts geben? Ein solches Haschen nach eitler Ehre ist aber nicht bloß tadelnswert, es kann auch vor den Menschen nicht verborgen bleiben; daher kommt es dann, dass ein Ehrgeiziger vor allem verächtlich wird und damit anstatt Ehre nur Unehre einheimst. Ist also darin schon eine Quelle der Schmach gelegen, so noch mehr darin , dass er genötigt ist, manches Entehrende und äußerst Gemeine zu tun. Es geht hierbei wie mit der Habsucht. Krankhafte Gewinnsucht verursacht den Leuten in der Regel nur Schaden. Es ist ja schon sprichwörtlich geworden: viele Enttäuschungen sind ihr Los und kleine Gewinne ziehen große Verluste nach sich. Nicht anders ergeht es dem Wollüstigen ; seine Leidenschaft wird ihm zum Hindernis im Genusse der Lust. Die Weiber pflegen ja solche Lüstlinge und Weiberknechte nur wie Sklaven zu behandeln; sie halten dieselben nicht der Behandlung von Männern für wert, schlagen sie, speien sie an, jagen sie dahin und dorthin, und halten sie zum Narren durch alle möglichen Aufträge, die sie ihnen geben. Ebenso gibt es nichts Niedrigeres und Verächtlicheres, als einen hochfahrenden, ehrsüchtigen und eingebildeten Menschen. Alle Menschen sind ja streitsüchtig, aber niemanden widerspricht man so gern als einem anmaßenden, hochfahrenden Knecht der Ehrsucht. Und er selbst, um dem Hirngespinst seines Hochmutes nachzujagen, benimmt sich gegen die meisten wie ein Sklave, schmeichelt, tut einem schön und nimmt ein schwereres Joch auf sich, als irgendein gekaufter Sklave. Das alles müssen wir nur einsehen, dann werden wir diese Leidenschaft ablegen, sonst trifft uns schon hier die Strafe und dort unendliche Pein. Lasset uns also Liebhaber der Tugend werden, dann werden wir schon im Diesseits die größten Güter ernten, noch ehe wir das Himmelreich in Besitz nehmen, und werden nach unserem Hinscheiden im Jenseits der ewigen Wonne teilhaft werden. Möchten wir sie alle erlangen durch die Gnade und Güte unseres Herrn Jesus Christus, dem Ehre und Macht sei in alle Ewigkeit. Amen!
1: 1 Kön 28,15
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