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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Einundsechzigste Homilie. Kap. XVIII, V.21-35.

1.

V.21: "Dann trat Petrus zu ihm heran und sprach: Herr, wie oft darf mein Bruder wider mich sündigen, und muß ich ihm verzeihen? bis sieben mal?

V.22: Jesus sagte ihm: Nein, nicht bis siebenmal sage ich dir, sondern bis siebenzig siebenmal."

Petrus meinte etwas Großes zu sagen, deshalb setzte er auch mit einer gewissen Genugtuung hinzu:"etwa siebenmal?" Er will sagen; Wie oft soll ich wohl tun, was du befiehlst? Wenn einer immer wieder fehlt, aber auch infolge einer Zurechtweisung immer wieder Reue empfindet, wie oft gebietest Du das zu ertragen? Denn wenn er keine Reue zeigt oder sich selbst nicht schuldig findet, da hast Du selbst die Grenze gezogen durch Deine Worte: "Er sei dir wie ein Heide und Zöllner." In unserem Falle ist es nicht so, vielmehr lautet Dein Geheiß, den Beleidiger nicht abzustoßen. Wie oft also soll ich mit ihm Geduld haben, wenn er auf Zureden hin in sich geht? Ist es genug mit siebenmal? Was sagt nun Christus, der liebevolle und gütige Gott? "Ich sage dir, nicht siebenmal, sondern siebenzigmal siebenmal." Hiermit will er aber nicht eine genaue Zahl bestimmen, sondern vielmehr ausdrücken, dass man unbeschränkt oft, jedesmal, allezeit vergeben soll. Wie nämlich der Ausdruck "tausendmal" soviel besagt wie "häufig", so ist es auch hier mit siebenzigmal siebenmal". Auch die Hl. Schrift drückt eine große Zahl ähnlich aus in dem Satze: "Die Unfruchtbare gebart sieben"1 . Der Herr wollte also die Verzeihung nicht auf eine bestimmte Zahl beschränken, sondern bloß bedeuten, dass man immer, jedesmal verzeihen soll. Dasselbe spricht sich auch in dem folgenden Gleichnis aus. Damit man nämlich nicht etwa glaube, er lege durch das Gebot, siebenzigmal siebenmal zu verzeihen, eine große und schwere Bürde auf, so fügte er dieses Gleichnis hinzu; er wollte dadurch zur Erfüllung seines Gesetzes aufmuntern, diejenigen, die sich darauf etwas einbildeten, demütigen und zugleich zeigen, dass die Sache nicht so drückend, sondern ganz leicht sei. Er weist auf seine eigene Liebe hin, damit du durch die Vergleichung zur Einsicht kommest, dass deine Liebe, wenn du auch siebenzigmal siebenmal vergibst, ja wenn du einfach in jedem Falle deinem Nebenmenschen alle Fehler verzeihest, dennoch hinter der unendlichen Liebe Gottes, deren du bei dem Gerichte und der Rechenschaft so sehr bedarfst, soweit zurückbleibst wie ein Tropfen hinter dem grenzenlosen Meere und noch viel weiter. Darum also fuhr der Herr fort:

V.23: "Deshalb ist das Himmelreich gleich einem Manne, einem Könige, welcher Abrechnung halten wollte mit seinen Knechten.,

V.24: Und nachdem er angefangen hatte abzurechnen, wurde ihm einer gebracht, welcher ihm zehntausend Talente schuldete.

V.25: Da er jedoch nichts hatte, womit er hätte zurückerstatten können, befahl sein Herr, ihn zu verkaufen und dessen Weib und Kinder und alles, was er hatte."

Als ihm dann Barmherzigkeit zuteil geworden war, ging er hinaus und würgte einen Mitknecht, der ihm hundert Denare schuldete. Darüber empört, ließ ihn sein Herr in den Kerker werfen, bis er alles abgebüßt hätte. Siehst du nun, wie groß der Abstand ist zwischen den Sünden gegen Menschen und jenen gegen Gott? Ebenso groß wie zwischen zehntausend Talenten und hundert Denaren; ja noch viel größer. Dieser Abstand hat seinen Grund in dem Unterschiede der Personen und in der Häufigkeit der Sünden. Wenn uns ein Mensch sieht, so scheuen wir uns und stehen von der Sünde ab; durch Gott hingegen, der uns doch Tag für Tag sieht, lassen wir uns nicht abhalten, sondern tun und reden alles ohne Scheu. Aber nicht allein durch diesen Umstand wird die Sünde erschwert, sondern auch dadurch, dass wir so viele Wohltaten und Auszeichnungen erhalten haben. Wenn ihr es lernen wollt, wie die Sünde gegen Gott ebensoviel ist wie zehntausend Talente und noch mehr, so will ich es in Kürze zu zeigen versuchen. Ich fürchte allerdings, jene, die zum Laster neigen und an häufige Sünden gewöhnt sind, noch gottloser zu machen, oder die Zartfühlenden in Verzweiflung zu stürzen, so dass sie mit den Jüngern sprechen: "Wer kann selig werden?"2 . Nichtsdestoweniger will ich doch reden, um die Willigen sicherer und sorgsamer zu machen. Denn diejenigen, welche unverbesserlich und gefühllos sind, geben ihren Leichtsinn und ihre Bosheit nicht auf, auch wenn ich schweige; nehmen sie aber von meinen Worten neuen Anlaß zur Nichtswürdigkeit, so liegt die Schuld nicht an meinen Worten, sondern in ihrer Herzenshärte, da ja unsere Predigt wohl imstande sein könnte, die Willigen zu ergreifen und zu erschüttern. Die Zugänglichen werden die Macht der Reue einsehen und beim Anblick ihrer zahllosen Sünden sich der Buße hingeben. Deshalb sehe ich mich genötigt zu reden. Ich werde also sprechen und aufzählen, wie viele Sünden gegen Gott und wie viele gegen die Menschen begangen werden; hierbei werde ich jedoch nicht von einzelnen bestimmten Sünden handeln, sondern von den Sünden im allgemeinen; die eigenen besonderen Sünden mag dann jeder aus seinem Gewissen beifügen. Zuerst will ich auf die Wohltaten Gottes hinweisen. Welche sind die? Er hat uns aus Nichts erschaffen, und hat alles, was wir sehen, unseretwegen gebildet: Himmel, Meer und Erde samt allem, was darauf ist, Tiere, Pflanzen, Saaten. Ich muß mich ganz kurz fassen bei der grenzenlosen Zahl seiner Werke. Er hat uns Menschen, und zwar uns allein auf der Welt, eine unsterbliche Seele eingehaucht, hat ein Paradies gepflanzt,3 eine Gehilfin gegeben, ihn über alle Geschöpfe gesetzt und mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt. Und als der Mensch gegen seinen Wohltäter undankbar geworden war, hat er ihm doch noch größerer Gaben gewürdigt.

1: 1 Kön 2,5
2: Mt 19,25 u. Mk 10,26
3: dem ersten Menschen

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger