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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Sechzigste Homilie. Kap. XVIII, V.15-20.

1.

V.15: "Wenn aber dein Bruder wider dich gesündigt hat, gehe und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder gewonnen."

Nachdem der Herr mit so scharfen Worten sich gegen die Ärgernisgeber gewandt und ihnen Furcht eingeflößt hatte, wollte er doch auch verhüten, dass die Ärgernisnehmer etwa sorglos würden, in der Meinung, all sein Tadel habe nur jenen gegolten; sie wären damit nur in einen anderen Fehler, nämlich den Hochmut, verfallen. und hätten voll Selbstüberhebung geglaubt, sie müßten alle Welt zurechtweisen. Siehe darum, wie der Herr auch sie in die rechten Schranken weist durch die Anordnung, die Zurechtweisung solle nur unter vier Augen geschehen. Damit will er verhüten, dass der Tadel durch das Beisein mehrerer verschärft werde, denn dadurch könnte der Fehlende leicht gereizt und für die Besserung unzugänglich werden. Deshalb sagte er: "Zwischen dir und ihm allein. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder gewonnen." Was sollen da die Worte: "wenn er dich hört", bedeuten? wenn er sich selbst verurteilt, wenn er zugibt, dass er gefehlt hat. "Du hast deinen Bruder gewonnen." Er sagte nicht: Du hast eine gebührende Sühne, sonder: "Du hast deinen Bruder gewonnen." Er lehrt damit, dass die Feindschaft den Verfeindeten einen gleichmäßigen Nachteil bringt. Deshalb sagt er nicht: Jener hat sich selbst gewonnen, sondern: "Du hast ihn gewonnen." Es ist also offenbar, dass beide zuvor Schaden hatten, der eine an seinem Bruder, der andere an seinem Heile.

Dieselbe Forderung stellte Jesus in der Bergpredigt; denn auf der einen Seite führt er den Beleidiger zum Beleidigten durch den Befehl: "Wenn du deine Gabe zum Altare bringst und dich dort erinnerst, dass der Bruder etwas wider dich habe, so gehe zuvor, dich mit deinem Bruder zu versöhnen"1 ; anderseits fordert er auch den Gekränkten auf, seinen Nebenmenschen zu verzeihen: "Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern", lehrte er beten2 An unserer Stelle gibt der Herr noch einen dritten Weg an. Nicht der Beleidiger, sondern der Beleidigte soll zum anderen gehen. Derjenige, der Unrecht getan hat, könnte sich leicht durch Scham und Schüchternheit abhalten lassen, den ersten Schritt zu tun; deshalb heißt er dies den anderen tun, und zwar zu dem Zwecke, um das Geschehene wieder gut zu machen. Darum sagt er nicht: klage ihn an, schilt ihn, fordere Sühne oder Rechenschaft von ihm, sondern: "weise ihn zurecht". Er ist ja von Zorn und Scham wie ein Trunkener vom Schlafe befangen; du bist gesund und mußt daher zu dem Kranken hingehen, um durch Vermeidung der Öffentlichkeit ihm die Heilung zu erleichtern. Die Worte: "weise zurecht" bedeuten nichts anderes als: mache ihn auf seinen Fehler aufmerksam, sage ihm, was er dir für Leid bereitet hat. Auch das bildet, wenn es recht gemacht wird, einen Teil der Entschuldigung und trägt gar sehr zur Aussöhnung bei. Wie aber, wenn er hart bleibt und nicht hören will?

V.16: "Wenn er aber nicht auf dich hört, nimm noch einen oder zwei mit dir, damit auf die Aussage zweier oder dreier Zeugen jegliche Sache festgesetzt werde."

Je mehr der Beleidiger unzugänglich und hochfahrend ist, desto mehr muß man sich seine Heilung angelegen sein lassen und nicht Zorn und Unwillen freie Hand lassen. Auch der Arzt wird ja nicht unwillig oder läßt nach, wenn er sieht, dass das Übel tief sitzt; er verdoppelt vielmehr seine Bemühungen. Hier befiehlt uns nun der Herr, es ebenso zu machen. Wenn es sich zeigt, dass du allein zu schwach bist, so stärke deine Kräfte und ziehe noch einen anderen bei; denn zwei genügen, um den Fehlenden zurechtzuweisen. Siehst du jetzt, wie der göttliche Heiland nicht bloß um den Gekränkten besorgt ist, sondern auch um das Wohl des Beleidigers? Der eigentlich Geschädigte ist doch jener, der von der Leidenschaft befallen ist; der ist krank, schwach und siech. Deshalb will der Herr, dass der Beleidigte zu ihm gehe, bald allein, bald in Begleitung anderer; und wenn er trotzdem krank bleibt, auch mit der Kirche.

V .17: "Sage es der Kirche",

spricht er. Hätte der Herr nur das Wohl des Beleidigten im Auge gehabt, so hätte er nicht befohlen, siebzigmal siebenmal dem reumütigen Beleidiger zu verzeihen, hätte nicht an geordnet, dass so viele und dazu so oft die Heilung des Übels versuchen, sondern hätte ihn seinem Schicksale überlassen, wenn der erste Besserungsversuch erfolglos geblieben wäre. Nun aber befiehlt er, ein,zwei,dreimal seine Heilung zu versuchen, bald ohne Zeugen, bald im Verein mit zweien oder mehreren. Eine solche Forderung stellt er nicht, wenn es sich um Ungläubige handelt; da sagt er bloß: "Wenn dich einer auf deine rechte Wange geschlagen hat, biete ihm auch die andere dar"3 . Ganz anders in unserem Falle. Ähnlich predigt Paulus, wenn er schreibt: "Was habe ich nötig, über die, welche draußen sind, zu richten?"4 . Die Brüder hingegen heißt er zurechtweisen und zur Umkehr bringen, und wenn sie nicht hören wollen, befiehlt er, sie auszuschließen, damit sie in sich gehen. Denselben Grundsatz stellt der Herr auch hier auf, wo er über die Brüder handelt: Er setzt drei Lehrer und Richter ein, die ihn, den Fehlenden, belehren sollen, was er während seines Taumels getan hat. Es bedarf anderer Leute, um ihn darüber aufzuklären, wenn er auch selbst all das Ungehörige geredet und getan hat; denn er hat gleichsam im Rausche gehandelt. Leidenschaft und Sünde regen noch weit mehr auf und berauben mehr der Vernunft, als selbst die Trunkenheit. Hat es einen einsichtigeren Mann gegeben als David? Und doch empfand er seine Sünde gar nicht, weil die Leidenschaft das klare Denken gefesselt und seine Seele wie mit Rauch erfüllt hatte. Darum bedurfte es der Worte des Propheten, um ihn zu erleuchten und auf seine Tat aufmerksam zu machen. Das also ist der Grund, weshalb Christus bestimmte, dass man zu dem Fehlenden gehe und mit ihm reden solle über das, was er getan hat.

1: Mt 5,2324
2: ebd 6,12
3: Mt 5,39
4: 1 Kor 5,12

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger