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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)
Sechzigste Homilie. Kap. XVIII, V.15-20.

3.

Nach den Worten: "von meinem Vater", fährt der Herr fort: "Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, dort bin ich in ihrer Mitte"; damit lehrt er uns, dass die Erhörung nicht allein vom Vater, sondern auch von ihm selbst abhänge. Aber wie? gibt es nicht zwei oder drei Menschen, die in seinem Namen versammelt sind? Es gibt wohl solche, aber selten. Er redet nämlich nicht von einem bloßen Zusammenkommen, er verlangt nicht, dass man einfach beisammen sei, sondern erwartet vor allem, wie ich früher schon auseinandersetzte, dass man lediglich Tugend besitze; ja gerade diese verlangt er mit großem Nachdruck. Der Sinn seiner Worte ist der: Wenn jemand seine Nächstenliebe auf die Liebe zu mir gründet, so werde ich, wenn er auch sonst tugendhaft ist, mit ihm sein. Nun finden wir aber bei den meisten ganz andere Beweggründe zur Liebe: der eine liebt, weil er geliebt wird, der andere, weil er geehrt worden ist, ein dritter, weil ihm der Nebenmensch in einer weltlichen Angelegenheit nützlich ist, ein vierter aus einer anderen ähnlichen Ursache; kaum findet sich jedoch einer, der seinen Nächsten uneigennützig und, wie es sein sollte, um Christi willen liebt. Das Band, das die meisten untereinander verknüpft, sind eben irdische Rücksichten.

Aus solchen Beweggründen ging aber bei Paulus die Liebe nicht hervor; er liebte um Christi willen. Mochte ihm darum auch seine Liebe nicht in dem Maße, wie er liebte, erwidert werden, sie erkaltete trotzdem nicht, weil sie eben aus einer kräftigen Wurzel hervorging. Heutzutage ist es ganz anders geworden. Wenn wir genau zusehen, finden wir bei der Mehrzahl eher alle anderen Beweggründe der Liebe, als diese. Wäre es mir möglich, in einer so großen Menge von Menschen die Probe anzustellen, ich würde leicht den Beweis erbringen, dass die meisten nur durch weltliche Beziehungen miteinander verbunden sind. Das kann man deutlich erkennen, wenn man die Ursache der Feindschaften ins Auge faßt. Weil ihre Freundschaft nur auf vergänglichen Verhältnissen fußt, darum ist sie weder innig noch beharrlich; ihre Liebe erstickt, sobald eine Beleidigung, Vermögensbeeinträchtigung, Neid, Eitelkeit oder dergleichen dazwischen tritt. Wäre sie in geistlichem Gebiete gewurzelt, so würde sie dauerhaft sein: denn das geistliche Band kann durch keinerlei weltliche Verhältnisse gesprengt werden. Die Liebe um Christi willen ist fest, unzerreißbar, unzerstörbar, nichts ist imstande, sie zu ersticken, weder Verleumdungen, noch Gefahren, noch der Tod, noch sonst etwas Derartiges. Wer aus solchem Grunde liebt, der erträgt alles mögliche Ungemach, ohne die Liebe aufzugeben, da er immer die Grundlage seiner Liebe im Auge hat. Wer nur liebt, weil er Gegenliebe findet, gibt die Liebe auf, sobald ihm etwas Unangenehmes widerfährt; wer aber durch ein übernatürliches Band verbunden ist, wird niemals untreu. Darum schreibt Paulus: "Die Liebe versagt nie"1 .

Was kannst du dagegen vorbringen? Dass der, den du geehrt hast, dich beschimpft? dass deiner, dem du Wohltaten erwiesen, dir nach dem Leben strebt? Mag sein, aber diese Umstände spornen dich zu noch größerer Liebe an, wenn du um Christi willen liebst. Denn was sonst die Liebe auslöscht, ist nur ein Antrieb zu größerer Liebe. Inwiefern? Erstlich, weil ein solcher Mensch Gelegenheit zu Verdiensten bietet; dann, weil einer, der so gesinnt ist, mehr Hilfe und sorgsamer Pflege bedarf. Wer aus solchem Grunde liebt, fragt dann auch nicht nach Geschlecht, Heimat, Vermögen, nicht nach Erwiderung der Liebe oder nach sonst dergleichen. Ja, auch wenn man ihn haßt, beschimpft, ihm nach dem Leben strebt, seine Liebe erkaltet nicht, weil sie in einer festen Unterlage wurzelt, in Christus. Ihn allein hat er im Auge und daher steht er fest, unerschütterlich, unwandelbar. So war auch Christi Liebe zu seinen Feinden beschaffen, zu den Undankbaren, Lästerern, Gottlosen, die ihn haßten, ihn nicht einmal mehr sehen konnten, die ihm Holz und Steine vorzogen. Seine Liebe zu ihnen war so erhaben, dass man ihresgleichen nicht findet. Er konnte sagen: "Größere Liebe als diese hat niemand, dass einer sein Leben hingebe für seine Freunde"2 . Siehe nur, wie besorgt er um die bleibt, die ihn kreuzigten, trotzdem sie ihn in ihrer Wut so entsetzlich mißhandeln. Er wendet sich sogar an den Vater mit der Bitte für sie: "Vater, verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun"3 . Später sandte er auch noch seine Jünger zu ihnen. Eine solche Liebe sollen auch wir zu besitzen trachten, nach einer solchen Liebe sollen auch wir streben, damit wir Jünger Christi werden und den Lohn hier und dort erlangen durch die Gnade und Güte unseres Herrn Jesu Christi, dem Ehre und Macht sei in alle Ewigkeit. Amen!

1: 1 Kor 13,8
2: Joh 15,13
3: Lk 23,34

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger