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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Neunundfünfzigste Homilie. Kap. XVIII, V.7-14.

1.

V.7: "Wehe der Welt ob der Ärgernisse! Es ist zwar notwendig, dass die Ärgernisse kommen; aber wehe dem Menschen, durch welchen das Ärgernis kommt!"

Es könnte vielleicht ein Gegner sagen: Wenn es notwendig ist, dass Ärgernisse kommen, warum ruft Christus wehe über die Welt, während er doch helfen und die Hand bieten sollte? Helfen ist doch die Aufgabe des Arztes und Anwaltes: wehklagen kann auch der erste beste. Was sollen wir wohl auf eine so unverschämte Rede erwidern? Könntest du etwas ausfindig machen, das der Fürsorge des Herrn für uns gleichkäme? Er, der Gott ist, wurde Mensch deinetwegen, kleidete sich in Knechtsgestalt, nahm alles Schimpfliche auf sich und hat nichts von dem unterlassen, was er tun konnte. Da aber die Undankbaren es sich nicht zunutze gemacht haben, nennt er sie unselig, weil sie trotz einer so ausgezeichneten Fürsorge dennoch in ihrer Krankheit verharrten. So müßte man auch einen Kranken, der mit vieler Sorgfalt behandelt wurde, aber den Weisungen des Arztes sich nicht fügen mochte, beklagen und sagen: Wehe über einen solchen Menschen, weil er durch seinen Leichtsinn seine Krankheit verschlimmert hat. Das Klagen nützt da freilich nichts. In unserem Falle dagegen kann es zur Heilung beitragen, wenn man voraussagt, was bevorsteht, und wehe ausspricht. Oft schon sind ja Leute, denen durch Raten nicht zu helfen war, dadurch, dass man sie beklagte, wieder zur Einsicht gekommen. Gerade deshalb sprach der Herr das "Wehe" aus, um die Zuhörer aufzurütteln, aufzumuntern und zur Wachsamkeit anzuspornen. Zugleich liegt hierin ein Beweis seines Wohlwollens für sie, und seiner Sanftmut, dass er sie trotz ihrer Widerspenstigkeit noch beklagt, anstatt unwillig zu werden, und sie sogar zu bessern sucht durch seinen Wehruf und durch seine Voraussage und sie so zu gewinnen trachtet. Du fragst: Wie soll dies aber möglich sein? Wenn es notwendig ist, dass Ärgernisse kommen, wie kann man sie da vermeiden? Es ist allerdings notwendig, dass Ärgernisse kommen, aber es ist keineswegs notwendig. zugrunde zu gehen. Ich will noch einmal das Beispiel vom Arzt anführen. Es ist hier aber so, wie wenn ein Arzt sagte, diese oder jene Krankheit werde notwendig auftreten, aber man müsse ihr nicht unbedingt erliegen, wenn man sich nur vorsieht.

Der Herr redete, wie schon erwähnt, in dieser Weise, um nebst den anderen namentlich seine Jünger aufzurütteln. Sie sollten sich nämlich nicht der Bequemlichkeit überlassen, als wären sie zu friedlichem und ungestörtem Leben berufen; deshalb stellt er ihnen Kampf in Aussicht, von außen und von innen. Darauf weist auch Paulus hin, wenn er sagt: "Von außen Kämpfe, von innen Befürchtungen", und: "Gefahren unter falschen Brüdern"1 , und zu den Milesiern sagte er in einer Ansprache: "Aus euch selber werden Männer aufstehen, welche Verkehrtes reden"2 . Christus selbst aber sprach: "Die Feinde des Menschen sind seine Hausgenossen"3 .Wenn aber der Herr von einer Notwendigkeit spricht, so will er damit nicht die Freiheit des Willens in Abrede stellen, noch das Leben einem Zwange der Verhältnisse unterwerfen. Er sagt damit lediglich vorher, was jedenfalls eintreten wird. So erklärt es auch Lukas mit anderen Worten: "Unmöglich ist, dass nicht kommen die Ärgernisse"4 . Was sind dann aber "die Ärgernisse"? Das sind Fallstricke auf dem geraden Wege. Damit bezeichnet man ja auch bei den Schauspielern jene, welche besonders geschickt sind, andere zum Falle zu bringen. Also nicht des Herrn Voraussagung ist Ursache der Ärgernisse, das sei ferne, und nicht deshalb kommen sie vor, weil er sie vorhergesagt hat; sondern umgekehrt, er sagt sie voraus, weil sie unbedingt geschehen werden. Sie würden nicht vorkommen, wenn die Ärgernisgebenden nichts Böses täten, er hätte sie nicht anzukündigen brauchen, wenn sie nicht sicher eintreten würden. Weil nun diese Menschen Böses tun und sich nicht bessern wollen, deshalb kommen Ärgernisse vor, und Christus sagt es nur voraus, dass sie eintreten werden.

Würden sie sich nun bessern und niemand mehr Ärgernis geben, fragst du, müßte man da seine Worte nicht als falsch brandmarken? O nein, in diesem Falle wären sie eben nicht gesprochen worden. Wenn nämlich alle sich besserten, so hätte er nicht gesagt: "Es ist notwendig, dass sie kommen"; aber er sah voraus, dass sie von sich aus unverbesserlich seien, und so konnte er sagen, dass unbedingt Ärgernisse eintreten würden. Warum verhindert er sie aber nicht? fragst du. Ja, warum hätte er das tun sollen? Etwa derjenigen wegen, die dadurch zu Schaden kommen? Aber nicht in der ärgerlichen Handlung liegt der Grund, wenn die Geärgerten verloren gehen, sondern in ihrer eigenen Leichtfertigkeit. Beweis hierfür sind die Tugendhaften, welche, weit entfernt, dadurch Schaden zu nehmen, vielmehr den größten Vorteil daraus ziehen, so z.B. Job, Joseph, so alle Gerechten und Apostel. Wenn aber viele infolge der Ärgernisse zugrunde gehen, so kommt das daher, dass sie nicht wachsam sind. Wäre dem nicht so, wäre das Ärgernis an sich Ursache des Verderbens, so hätten alle zugrunde gehen müssen. Da es nun aber solche gibt, die dabei ohne Nachteil bleiben, so muß man es sich folgerichtig selbst zuschreiben, wenn man dabei zu Schaden kommt. Durch die Ärgernisse wird man, wie gesagt, wachsamer, behutsamer, vorsichtiger; nicht bloß, dass man sich davor in acht nimmt, sondern auch in dem Sinne, dass man alsbald aufsteht, wenn man gefallen ist. Wer nämlich gefallen ist, der ist dadurch gewitzigt, dass er nicht so leicht wieder in die Schlinge geht. Wer aber auf der Hut ist, wird zu beständiger Wachsamkeit angetrieben, und das ist kein geringer Vorteil. Wenn m an aber schon so vielen Feinden und Versuchungen gegenüber so leicht von der Wachsamkeit läßt, was müßte aus uns werden, wenn man ohne Anfechtungen leben dürfte? Betrachte nur einmal den ersten Menschen. Er hatte nur kurze Zeit, vielleicht kaum einen Tag im Paradiese gelebt und ein bequemes Dasein genossen, und schon verfiel er in solche Sündhaftigkeit, dass er sich einbildete, er könne Gott gleich werden, dass er den Betrüger für einen Wohltäter hielt und nicht fähig war, auch nur ein einziges Gebot zu beobachten; was würde er wohl noch getan haben, wenn er auch den übrigen Teil seines Lebens ohne Mühsal hätte zubringen können?

1: 2 Kor 7,5 u.11,26
2: Apg 20,30
3: Mt 10,36
4: Lk 17,1

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger