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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Fünfundfünfzigste Homilie. Kap. XVI, V.24-27.

1.

V.24: "Dann sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn mir jemand nachfolgen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir!"

"Dann". Wann war das? Als Petrus gesagt hatte: "Ferne sei es von Dir, nimmer wird Dir solches begegnen", und die Worte hatte hören müssen: "Weiche zurück hinter mich, Satan." Jesus begnügte sich nicht mit dem bloßen Tadel; er wollte überdies noch darauf hinweisen, wie töricht die Rede des Petrus gewesen sei und was für ein Nutzen aus seinen Leiden erwachsen würde; darum sprach er: Du sagst zu mir: "es sei ferne von Dir", ich aber sage dir, es ist nicht bloß ein Schaden und Unglück für dich, wenn du mich vom Leiden abhältst und es mißbilligst, sondern du kannst nicht einmal gerettet werden, wenn du nicht auch selbst völlig bereit bist, zu sterben. Damit wir nämlich nicht meinen, es sei seiner unwürdig, zu leiden, so belehrt der Herr die Apostel über den Nutzen der Sache nicht nur durch die vorausgegangenen Worte, sondern auch durch die folgenden. Denn bei Johannes sagt er: "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, so bleibt es allein, wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht"1 . Um aber die Sache noch völlig klar zu machen, bezieht er hier die Worte nicht bloß auf seinen eigenen Tod, sondern spricht auch davon, dass die Apostel ebenfalls sterben müssen. So groß ist der Nutzen des Sterbens, dass es auch für euch gefährlich ist, wenn ihr nicht sterben wollt; ein Glück aber, wenn ihr dazu bereit seid. Das legt er aber erst im folgenden klar; hier behandelt er die Sache nur von der einen Seite. Beachte auch, wie seine Worte keinerlei Nötigung enthalten. Denn er sagte nicht:"Ob ihr wollet oder nicht, ihr müßt leiden, sondern: "Wenn mir jemand nachfolgen will." Ich zwinge nicht, ich nötige nicht, ich lasse jedem freie Wahl, deshalb sage ich: "Wenn jemand will." Ich lade ja zu etwas Gutem ein, nicht zu etwas Bösem oder Widerwärtigem, nicht zu Züchtigung und Strafe, so dass ich Zwang anwenden müßte. Die Natur der Sache selbst ist derart, dass sie hinlänglich zu locken vermag. Durch diese Worte übte er nur um so mehr Zugkraft aus. Wer Gewalt anwendet, stößt oft ab; wer aber dem Zuhörer Freiheit läßt, lockt ihn eher an. Rücksichtsvolle Behandlung wirkt stärker als Zwang. Deshalb sprach er: "Wenn jemand will." Er will damit sagen: Große Güter sind es, die ich euch anbiete, und derart, dass man gerne darnach streben sollte. Wenn jemand Gold anböte oder einen Schatz in Aussicht stellte, würde er kaum zu Gewalt greifen müssen. Wenn es nun bei solchen Dingen keiner Nötigung bedarf, dann gewiß um so weniger, wenn es sich um himmlische Güter handelt. Denn wenn dich die Sache selbst nicht anspornt, so bist du auch nicht wert, sie zu erhalten, und selbst wenn du sie erlangtest, würdest du sie nicht zu würdigen verstehen. Das ist der Grund, weshalb Christus uns nicht nötigt, sondern nur einladet; er nimmt eben Rücksicht auf uns.

Da also seine Zuhörer, bestürzt über seine Worte, viel darüber hin und her zureden schienen, so sagte er: Ihr habt keinen Anlaß, bestürzt zu sein oder euch zu beunruhigen. Wenn ihr glaubet, dass das erwähnte Leiden, wenn es euch trifft, euch nicht viel Gutes bringt, so zwinge und nötige ich nicht, sondern lade nur den ein, der etwa folgen will. Meinet aber ja nicht, dass das mir nachfolgen heiße, wenn ihr, wie ihr jetzt tut, bloß mit mir geht. Ihr müßt auch noch viele Mühen und Gefahren bestehen, wenn ihr mir nachfolgen wollt. Nicht darum schon, dass du bekannt hast, dass ich der Sohn Gottes bin, darfst du, Petrus, dir die Krone versprechen und glauben, das sei zu deinem Heile genügend, so dass du dich fürderhin in Sicherheit wiegen könntest, als hättest du schon alles getan. Da ich der Sohn Gottes bin, könnte ich dir allerdings die Prüfung durch Leiden ersparen, aber ich will es nicht, und zwar deinetwegen, damit du auch selbst etwas beitragest, um würdig zu werden. So würde auch ein Kampfrichter einem geliebten Kämpfer den Preis nicht bloß aus Gnade zuerkennen wollen, sondern vielmehr auf Grund seiner Leistungen, eben weil er ihn liebt. Gerade so handelt auch Christus. Er will, dass gerade diejenigen, die er am meisten liebt, nicht allein durch seine Hilfe, sondern auch durch ihre eigene Anstrengung zu Ehren gelangen. Beachte auch, wie er seine Worte annehmlicher zu machen sucht. Er stellt das Leiden nicht ihnen allein in Aussicht, sondern stellt es als allgemeinen Grundsatz für die gesamte Menschheit auf, indem er sagt: "Wenn jemand will." Ob Weib oder Mann, ob Vorgesetzter oder Untergebener, jeder soll diesen Weg einschlagen. Es hat zwar den Anschein, als sei dies nur ein Satz, in Wirklichkeit sind es aber drei: "Er verleugne sich selbst", und: "er nahm sein Kreuz auf sich", und: "er folge mir"; und zwar sind zwei miteinander eng verbunden, der dritte schließt sich lose an.

Zuerst wollen wir sehen, was es heißt "sich selbst verleugnen". Vorher aber wollen wir noch erwägen, was es heißt, einen anderen verleugnen; dann werden wir verstehen, was es heißt, sich selbst verleugnen. Was heißt also, einen anderen verleugnen? Wer einen anderen verleugnet, sei es ein Bruder, ein Angehöriger oder sonst jemand, sieht es ruhig an, wenn er gegeißelt oder gefangen genommen oder fortgeschleppt wird oder sonst etwas leidet; er nimmt sich seiner nicht an, er hilft ihm nicht, er hat kein Mitleid und kein Gefühl für ihn; er hat sich eben einmal von ihm losgesagt. In gleicher Weise nun verlangt der Herr, dass wir unseren Leib preisgeben, dass wir gegen ihn keine Schonung kennen, mag man ihn geißeln oder fortschleppen oder brennen oder was immer sonst ihm zufügen. Denn gerade das heißt eigentlich ihn schonen. Auch die Väter, die ihren Kindern wohlwollen, bitten ja die Lehrer, denen sie ihre Kinder übergeben, diese nicht zu schonen. Gerade so handelt auch Christus. Seine Worte lauten nicht etwa: er schone seiner nicht, sondern schärfer: "Er verleugne sich selbst", das soll heißen: er habe keinen Teil mehr an sich selbst, sondern liefere sich den Gefahren und den Kämpfen aus und verhalte sich dabei so, als würde das alles einem Fremden widerfahren. Er sagte auch nicht: versage, sondern: "verleugne"; damit deutet er den höchsten Grad an; denn verleugnen ist weit mehr als versagen.

1: Joh 12,2425

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger