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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Dreiundfünfzigste Homilie. Kap. XV, V.32-Kap XVI, V.12.

1.

V.32: "Jesus aber rief seine Jünger zu sich und sprach: Es erbarmt mich der Leute; denn drei Tage schon harren sie aus bei mir und haben nichts zu essen; und sie ungespeist entlassen will ich nicht, damit sie nicht etwa auf dem Wege verschmachten."

Als Jesus früher einmal ein derartiges Wunder zu wirken im Begriffe stand, heilte er zuerst die leiblich Kranken. Auch hier geht er so vor. Nachdem er die Blinden und Lahmen geheilt, kommt er wieder auf dasselbe Wunder zurück. Warum aber hatten wohl seine Jünger damals gesagt: "Entlasse die Volksscharen"1 ,während sie es jetzt nicht sagen, obgleich doch schon drei Tage verflossen waren? Entweder waren sie bereits besser geworden, oder sie sahen, dass die Leute nicht allzusehr unter dem Hunger litten, weil sie ja Gott wegen dessen, was geschehen war, priesen. Beachte jedoch, wie der Herr auch dieses Mal das Wunder nicht so ohne weiteres wirkt, sondern sie dazu herausfordert. Die Volksscharen waren herbeigeeilt, um geheilt zu werden, und wagten deshalb nicht, um Brot zu bitten. Er aber in seiner Liebe und Fürsorge gibt, auch ohne gebeten zu sein, und deshalb sagt er zu seinen Jüngern: "Es erbarmt mich der Leute, ich will sie nicht ungespeist fortlassen." Damit man nämlich nicht sage, sie seien schon mit Nahrungsmitteln versehen gewesen, setzt er hinzu: "Drei Tage schon harren sie bei mir aus"; wenn sie daher auch etwas mitgebracht hatten, war es längst aufgezehrt. Darum wirkte er das Wunder auch nicht schon am ersten oder zweiten Tage, sondern nachdem sie alles verbraucht hatten; sie sollten zuerst in Not kommen, damit sie dann das Wunder mit um so größerem Verlangen aufnähmen. Deshalb sagt er: "Damit sie nicht verschmachten auf dem Wege"; er wollte damit andeuten, dass sie noch weit nach Hause hätten und nichts zu essen übrig hatten. Aber wenn du sie nicht ungespeist fortlassen willst, warum wirkst du das Wunder nicht? Er wollte die Jünger durch seine Frage zur Antwort auffordern und dadurch ihre Aufmerksamkeit wecken; zugleich sollten sie ihren Glauben offenbaren, nämlich zu ihm kommen und sagen: Schaffe Brot. Aber sie kamen doch nicht darauf, was er mit seiner Frage bezweckte, weshalb er auch nach dem Berichte des Markus zu ihnen sprach: "Sind eure Herzen noch immer so verblendet? Habet Augen und sehet nicht, und habt Ohren und höret nicht"?2 . Wenn das nicht seine Absicht war, warum hat er dann das Wort an die Jünger gerichtet und ihnen gezeigt, dass die Scharen dieser Wohltat gar wohl würdig seien, und noch hinzugefügt, er habe Mitleid mit ihnen? Matthäus aber erzählt, der Herr habe darnach auch getadelt: "Ihr Kleingläubigen, sehet ihr noch nicht ein und denket auch ihr nicht an die fünf Brote für die Fünftausend und wieviel Körbe ihr aufhobet? Noch auch an die sieben Brote für die Viertausend und wieviel Körbe ihr aufhobet?"3 . So stimmen also die Evangelisten miteinander überein.

Was tun nun die Jünger? Sie bleiben noch immer am Boden haften. Der Herr hatte fürwahr alles Erdenkliche getan, damit sie dieses Wunder nicht vergessen sollten: deshalb hatte er jene Frage an sie gerichtet, hatte sie die Antwort geben lassen, sich ihrer als Gehilfen bedient, ihnen die Körbe ausgeteilt; aber nichtsdestoweniger entsprachen sie seiner Absicht noch nicht. Das bezeugen ihre Worte:

V.33: "Wo sollen wir in der Wüste Brot hernehmen für so viele?"

Wie das erste Mal. so erwähnen sie auch dieses Mal die Wüste; sie reden so infolge ihrer schwachen Urteilskraft; stellen aber gerade dadurch das Wunder über jeden Verdacht. Damit nämlich, wie ich schon sagte, ja niemand einwenden könne, sie hätten das Brot aus einem benachbarten Dorfe geholt, so wird der Ort des Wunders ausdrücklich genannt, damit es so beglaubigt würde. Das war der Grund, weshalb er beide Wunder, das erste und dieses, in der Wüste wirkte, weit entfernt von jeder Ortschaft. Von all dem verstanden jedoch die Jünger nichts, daher ihre Rede: "Wo sollen wir in der Wüste soviel Brot hernehmen?" Sie meinten nämlich, er habe die Frage an sie gerichtet, um ihnen den Auftrag zu geben, sie sollten die Nahrung für die Leute besorgen, wahrlich eine sehr törichte Meinung.

Das erste Mal hatte er zu ihnen gesagt: "Gebet ihr ihnen zu essen"4 , um ihnen nahezulegen, ihn zu bitten. Dieses Mal sagte er nicht: "Gebet ihnen zu essen", sondern wie? "Ich habe Mitleid mit ihnen, und ich will sie nicht ungespeist fortlassen"; er wollte es ihnen damit noch mehr nahelegen und sie noch mehr anspornen und es durchblicken lassen, sie sollten ihn darum bitten. Denn das bezweckten ja seine Worte: er wollte zeigen, dass er die Leute nicht ungespeist entlassen könne, und zugleich auf seine Macht hinweisen. Die Worte: "Ich will nicht" deuten das an. Die Jünger haben also der großen Zahl, der Örtlichkeit und der Wüste Erwähnung getan.

V.33: "Woher sollen wir denn in der Wüste so viele Brote nehmen", sagten sie, "dass wir eine so große Schar damit sättigten?"

und weil sie seine Worte auch so nicht verstanden hatten, geht er nun selbst unaufgefordert ans Werk, indem er zu ihnen spricht:

V.34: "Wie viele Brote habt ihr? Sie aber sprachen: Sieben und wenige Fischlein."

Sie erwidern jetzt nicht mehr wie früher: "Doch was ist dies für so viele?"5 . So gewannen sie, wenn sie auch noch nicht alles erfaßt hatten, doch allmählich an Erkenntnis. Denn um sie aufmerksam zu machen, richtet er selbst auch die gleiche Frage wie das erste Mal an sie, um sie auch durch die gleiche Fragestellung an das damalige Wunder zu erinnern. Wenn du einerseits daraus ersiehst, wie unvollkommen sie waren, so sieh doch auch zugleich, wie gelehrig sie waren, und bewundere ihre Wahrheitsliebe, da sie in ihren Berichten ihre eigenen Schwächen, mochten diese auch noch so groß sein, nicht verbergen. Denn es war doch kein gewöhnlicher Fehler, dass sie jenes vor nicht allzu langer Zeit geschehene Wunder so bald wieder vergessen hatten. Deshalb wurden sie auch getadelt.

1: Mt 14,15
2: Mk 8,1718
3: Mt 16,910
4: Mt 14,16
5: Joh 6,9

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger