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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Zweiundfünfzigste Homilie. Kap. XV, V.21-31.

1.

V.21: "Und Jesus ging von dort hinweg und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon.

V.22: Und siehe, ein chananäisches Weib kam von jenem Grenzstriche her und rief ihm zu und sagte: Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem bösen Geiste arg geplagt."

Markus erzählt, Jesus habe nicht verborgen bleiben können, als er in das Haus gekommen war1 . Warum aber ging er überhaupt in diese Gegend? Nachdem er das Speisegebot aufgehoben hat, schreitet er auf dem eingeschlagenen Wege weiter und öffnet auch den Heiden das Tor. So wird auch Petrus zu Kornelius gesandt, sobald er den Auftrag erhalten hat, dieses Gesetz aufzuheben. Wenn aber jemand einwendet, wie es komme, dass Jesus zu den Jüngern sprach: "Auf den Weg zu den Heiden gehet nicht"2 , während er ihn selbst betritt, so erwidere ich erstlich, dass er selbst keineswegs an die Vorschriften, die er seinen Jüngern gab, gebunden war, dann, dass er nicht dahin ging, um zu predigen; das deutet auch Markus an, wenn er sagt, dass er sich zwar verbergen wollte, aber nicht verborgen blieb. Es lag allerdings in der Ordnung der Dinge, dass er nicht zuerst zu ihnen ging, aber anderseits widerstrebte es doch auch seiner Liebe zu den Menschen, sie abzuweisen, wenn sie sich von selbst ihm nahten. Mußte er sogar denen nachgehen, die nichts von ihm wissen wollten, so durfte er noch viel weniger jene abweisen, die nach ihm verlangten. Siehe nun, wie das Weib sich jeglicher Wohltat würdig erweist. Sie hatte es nicht einmal gewagt, nach Jerusalem zu kommen, weil sie sich scheute und sich dessen für unwürdig hielt. Sonst wäre sie wohl dahin gereist; das läßt sich daraus schließen, dass sie so beherzt ist und aus ihrer Heimat herbeieilt.

Einige erklären den Vorgang im bildlichen Sinn und sagen: Als Christus das Judenland verlassen, da habe es auch die Kirche gewagt, aus ihrem Lande herauszutreten und sich ihm zu nahen; denn es heißt: "Vergiß dein Volk und das Haus deines Vaters"3 . Christus war aus seinem Land herausgegangen und das Weib aus dem ihrigen, und so konnten sie miteinander zusammentreffen. Denn "Siehe ein chananäisches Weib kam von jenem Grenzstriche." Der Evangelist tadelt das Weib, um das Wunder hervorzuheben und sie dann um so mehr zu loben. Wenn du hier von einer Chananäerin hörst, so denke an all die gottlosen Heiden, welche die Gesetze der Natur von Grund aus verkehrten; und dazu beachte auch, wie mächtig Christus durch seine bloße Gegenwart wirkt. Diese Heiden waren vertrieben worden, damit sie die Juden nicht verführen konnten, und jetzt zeigen sie sich viel williger als die Juden und verlassen sogar ihr Land, um zu Christus zu kommen, indes jene ihn sogar abwiesen, da er zu ihnen kam. Wie nun das Weib vor ihn tritt, sagte sie nichts anders als nur: "Erbarme Dich meiner",und veranlaßt durch ihr Geschrei einen großen Auflauf. Es war auch in der Tat ein mitleiderweckender Anblick, ein Weib zu sehen, das mit solchem Schmerze rief, eine Mutter, die für ihre Tochter bat, und zwar für eine Tochter, die so elend daran war. Sie wagte es gar nicht, die Besessene vor den Meister zu bringen, sondern sie hat sie daheim gelassen und fleht selbst um Hilfe. Sie führt bloß die Leiden an, ohne selbst etwas hinzuzufügen, ohne den Arzt in ihr Haus einzuladen, wie es der Hauptmann getan hatte, der da sprach: "Komm und lege Deine Hand auf", und: "Gehe hinab, bevor der Knabe stirbt"4 . Sie berichtet nur kurz über das Unglück und über die Schwere der Krankheit, und wendet sich dann an die Barmherzigkeit des Herrn durch lautes Rufen. Auch sagt sie nicht: Erbarme Dich meiner Tochter, sondern: "Erbarme Dich meiner." Meine Tochter fühlt ja ihr Leiden nicht, ich aber habe schon unzählige Schmerzen gelitten, weil ich es empfinde, dass ich leide, weil ich weiß, dass ich5 von Sinnen bin.

V.23: "Er aber antwortet ihr nicht ein Wort."

Ist das nicht neu und befremdlich? Mit den undankbaren Juden gibt er sich ab und spricht zu ihnen trotz ihrer Lästerungen, und weist sie nicht von sich, obschon sie ihn wiederholt versuchten; sie aber, die zu ihm eilt und ruft und bittet, die weder im Gesetze noch in den Propheten unterrichtet, und dennoch eine so große Frömmigkeit an den Tag legt, sie würdigt er nicht einmal einer Antwort. Mußten nicht alle Anstoß nehmen, wenn sie jetzt das Gegenteil von dem sahen, was sie gehört hatten? Sie hatten doch gehört, dass er in den Dörfern umherging und Kranke heilte; dieses Weib aber, das sich ihm naht, weist er ab. Wen hätte nicht ihr Kummer und ihre Bitte für ihre so schwer leidende Tochter gerührt? Sie war auch nicht gekommen, als wäre sie würdig6 , oder als wollte sie etwas verlangen, das ihr gebühre, sondern sie bittet nur um Erbarmen und legt ihr Unglück mit rührenden Worten dar; dennoch wird sie nicht einmal einer Antwort gewürdigt! Viele der Anwesenden nahmen vielleicht Anstoß daran; sie jedoch nicht. Aber was sage ich "der Anwesenden"? Ich meine, auch die Jünger, die Mitleid mit dem Weibe fühlten, wurden bestürzt und entmutigt. Obschon erschüttert, wagten sie aber doch nicht zu sagen: Gewähre ihr die Gnade, sondern:

V.23: "Es traten seine Jünger heran, baten ihn und sprachen: Entlasse sie, weil sie hinter uns her schreit."

So sagen auch wir oft das Gegenteil, wenn wir jemanden überreden wollen. Christus aber spricht:

V.24: "Ich ward einzig nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt."

1: Mk 7,24
2: Mt 10,5
3: Ps 44,11
4: Joh 4,49
5: vor Schmerzen
6: einer solchen Gnade

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger