Chrysostomus († 407) - Briefe an Olympias und Papst Innocentius An Olympias Siebenter Brief.
Text Also sollte ich denn nicht einmal nach meinem Abzug aus der Stadt von den Leiden befreit werden, die mein Herz zermalmen! Die Leute nämlich, die mir unterwegs begegnen — einige aus dem Orient, andere aus Armenien, wieder andere aus vielen andern Gegenden — vergießen bei meinem Anblick Ströme von Thränen, jammern dazu und begleiten mich so mit ihrem kläglichen Geschrei über den ganzen Weg. Das sage ich, damit ihr erfahret, daß Viele mit uns Mitleid haben; und Das dient nicht wenig dazu, uns zu trösten. Der Prophet klagt ja über das Gegentheil als eine harte, unerträgliche Sache: „Und ich wartete,“ sagt er, „ob Einer mit mir trauerte, und es war Niemand; ob Einer Trost spendete, und ich fand keinen.“1 Es ist also klar, daß es großen Trost gewährt, wenn man durch die ganze Welt in seiner Trauer mitleidsvolle Herzen findet. Wenn du noch einen andern Trost begehrst — ich bin, nachdem ich so viele und so große Leiden ausgestanden, gesund und ohne Sorgen und in großer Ruhe, indem ich meine verschiedenen und anhaltenden Leiden, die Drangsale [S. 568] und Verfolgungen überzähle und in der Erinnerung an sie unaufhörlich meine Freude finde. Daran denke auch du und zerreisse die Wolke der Traurigkeit, und schreibe mir unermüdlich, wie es um deine Gesundheit steht. Ich habe mich nämlich gewundert, daß du jetzt, wo mein lieber Herr Arabius einen Brief an mich geschickt, nicht geschrieben hast, obgleich (meine Herrin), seine Gemahlin, dir sehr zugethan ist. Denke auch daran, daß das Glück wie das Unglück dieses Lebens allesammt vorübergeht. Denn es heißt: „Eng ist das Thor, und schmal der Weg;“2 es ist also nur ein Weg (ich erinnere dich hier an ein Wort, worüber ich oft mit dir gesprochen habe); und wenn es andererseits heißt: „Weit ist das Thor, und breit der Weg,“3 so ist auch hier wieder nur von einem Wege die Rede. Deßhalb löse dich im Geiste von der Erde, oder vielmehr sogar von den Fesseln des Fleisches ab, schwinge dich empor auf den Flügeln christlicher Weisheit, laß sie nicht von Rauch und Schatten (denn Das sind die Dinge dieser Welt) beschwert werden, und wenn du dann jene Menschen, die so viel gegen uns gesündigt haben, im ruhigen Besitz ihrer Städte, an Ruhm und Ehren reich, von Trabanten umgeben siehst: so sprich dazu jenes Wort: „Weit ist das Thor und breit der Weg, der zum Verderben führt,“ und deßhalb solltest du sie beweinen und beklagen. Denn wer hier auf Erden Böses thut, und alsdann, statt von Strafen heimgesucht zu werden, noch obendrein von den Menschen geehrt wird, dem werden beim Tode gerade diese Ehren sehr große Züchtigungen eintragen. Deßhalb hatte auch jener Reiche ganz schrecklich vom Feuer zu leiden. Dadurch wurde er nicht nur für die Hartherzigkeit bestraft, die er gegen den Lazarus gezeigt hatte, sondern auch für seine guten Tage, deren er sich bei seiner Hartherzigkeit fortwährend erfreute, ohne dadurch [S. 569] besser zu werden. Das und ähnliches — ich habe ja nicht unterlassen, dir Das unaufhörlich vorzupredigen — überlege bei dir, meine fromme Herrin, und wirf diese schwere Last der Traurigkeit hinweg. Und dann theile es mir mit, damit ich (wie ich auch schon früher geschrieben habe) über die tröstende Wirksamkeit meiner Briefe unterrichtet, dieses heilende Mittel noch häufiger in Anwendung bringe. [S. 570] 1: Ps. 68, 21. 2: Matth. 7, 14. 3:
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