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Chrysostomus († 407) - Briefe an Olympias und Papst Innocentius
An Olympias

Sechster Brief.

1. Freue dich über deine Siege und deine Verdienste, und trauere nur über das Elend deiner Feinde!

Was sagst du? Hast du dir nicht ein Siegesdenkmal gesetzt, nicht einen glänzenden Sieg erfochten, nicht mit einem immer grünen Kranz dein Haupt umflochten? Erzählt Das nicht die ganze Welt, die allenthalben von deinen ruhmvollen Werken singt? Denn ist auch die Stätte deiner Kämpfe nur an einem Orte, — dort, wo die Bahn für deinen Wettlauf sich befindet, wo du die Ringkämpfe bestanden hast, die dich statt des Schweißes Ströme von Blut gekostet, — so ist doch der Ruhm und das Lob dafür bis zu den Grenzen der bewohnten Erde gedrungen. Du aber hast, um deine Verdienste zu vergrößern und dir die Kampfpreise zu vermehren, noch die Krone der Demuth dazu gefügt, durch deine Äusserung, daß du ebenso weit von diesen Siegeszeichen entfernt seiest, als die Todten von den Lebenden. Daß nämlich diese Worte in der Demuth ihre Wurzel haben, Das will ich dir gerade aus Dem, was geschehen ist, nachzuweisen versuchen. Du bist aus dem Vaterlande, aus der Heimath, aus dem Kreise deiner Freunde und Angehörigen vertrieben und über die Grenze befördert worden. [S. 557] Du hast nicht unterlassen, jeden Tag zu sterben und dem Willen nach mit großer Kraft und Entschiedenheit zu leisten, wozu deine Natur nicht im Stande war. Denn weil es einmal dem Menschen nicht möglich ist, in Wirklichkeit häufig zu sterben, hast du es wenigstens dem Willen nach gethan. Und was das Größte ist: indem du diese Leiden erduldet und jene erwartet hast, bist du nicht müde geworden, Gott den Herrn, der es zuließ, dafür zu verherrlichen und zugleich dem Teufel einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Daß er nämlich einen entscheidenden Schlag erhalten, hat er dadurch verrathen, daß er weiter vorrückte und sich noch bedeutender rüstete. Darum ist auch Das, was später erfolgte, ärger und schlimmer geworden als das Frühere. Wie nämlich ein Skorpion oder eine Natter, wenn sie eine tiefe Wunde empfangen haben, ihre Waffe ungestümer erheben und sich gegen den Angreifer aufrichten und von ihrem großen Schmerz Zeugniß ablegen durch das heftige Losstürmen auf Denjenigen, der sie verwundet hat, so ist auch jenes andere wilde Ungeheuer voll Frechheit, nachdem es von deiner bewundernswerthen und erhabenen Seele tiefe Wunden erhalten hatte, heftiger gegen dich losgefahren und hat noch mehr Anfechtungen verursacht. Denn verursacht hat sie der Teufel, nicht Gott; aber Gott hat sie zugelassen, um deinen Reichthum zu vermehren, deinen Gewinn zu vergrößern, um dir zu einem stattlichern Lohn, einer reichlichern Vergeltung zu verhelfen. Werde also nicht verwirrt und traurig! Denn wer wird es je überdrüssig, reich zu sein? Wer wird bestürzt, wenn er zu den höchsten Ehren emporsteigt? Diese irdischen Dinge sind vergänglich, sind wesenloser als Schatten, verdorren schneller als welkende Blumen; trotzdem pflegen die Menschen, denen sie reichlich zuströmen, vor Freude zu springen und zu tanzen, ja sie möchten fliegen vor Freude — eine Freude, die fast in demselben Augenblicke flieht, wo sie sich eingestellt hat, und vorbeifließt gleich den Wellen eines Stromes. Weit mehr ist es recht und billig, daß du — warst du auch vordem traurig — in den augenblicklichen Zeitverhältnissen [S. 558] eine Quelle der größten Freude findest. Denn dein Schatz, den du gesammelt hast, ist unantastbar; die Ehre, welche diese Leiden dir bereitet haben, kann auf Niemand nach dir übergehen, es wartet ihrer kein Ende; sie ist vielmehr unbegrenzt und wird weder durch Ungunst der Zeiten, noch durch Verfolgungen von Menschen, noch durch Nachstellungen von Teufeln, noch selbst durch den Tod zerstört. Wenn du aber zugleich trauern willst, so betrauere Diejenigen, die dergleichen verüben, die Urheber und Handlanger dieser Bedrängnisse, die nicht nur für die Zukunft die empfindlichsten Züchtigungen sich zuziehen, sondern auch schon hier auf Erden von den härtesten Strafen heimgesucht sind, indem nämlich so Viele sich von ihnen mit Abscheu wegwenden, sie als Feinde betrachten, sie verwünschen und verdammen. Wenn sie Das aber nicht fühlen, dann sind sie auch deßhalb ganz besonders bemitleidens- und beweinenswerth, ebenso wie die Wahnsinnigen, die ohne jeden Grund gegen die Leute, die ihnen in den Weg kommen, oft auch gegen ihre Wohlthäter und Freunde mit Händen und Füßen ausschlagen, aber von dem Wahnsinn, der sie wüthen macht, Nichts wissen. Deßhalb ist ihre Krankheit auch unheilbar; sie lassen sich weder Ärzte noch Arzneimittel gefallen, und wenn man sie heilen oder ihnen sonst etwas Gutes erweisen will, vergelten sie es mit Undank und Beleidigungen. So sind auch deine Feinde zu bedauern, wenn sie eine solche Bosheit nicht fühlen. Wenn sie sich aber auch an das verdammende Urtheil Anderer nicht kehren, so können sie doch unmöglich den Vorwürfen ihres eigenen Gewissens entgehen, vor welchem Niemand fliehen kann, das sich nicht bestechen, nicht durch Furcht einschüchtern, nicht durch Schmeichelworte oder Geldspenden irre machen, nicht durch die Länge der Zeit seiner Kraft berauben läßt.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger