Chrysostomus († 407) - Briefe an Olympias und Papst Innocentius An Olympias Vierter Brief.
1. Je mehr Leiden, desto mehr Siege, desto mehr neue Kräfte. Eure Bedrängnisse haben sich gemehrt, die Kämpfe dauern fort, das ersehnte Ende ist in die Ferne gerückt und heftiger lodert die Flamme des Zornes eurer Verfolger empor. Allein ihr müßt nicht verwirrt und unruhig werden, sondern eben deßhalb euch von Herzen freuen, ja vor Freude hüpfen, euch bekränzen und einen Tanz aufführen. Denn die Schläge, die ihr bei den frühern Leiden dem Teufel versetzt, haben ihn tödtlich getroffen; sonst wäre dieses Ungethüm nicht so wild geworden, daß es noch weiter gegen euch vorgeht. Daß er nun noch heftiger gegen euch anrennt und losfährt, größere Frechheit an den Tag legt und reichlicher sein Gift ausspritzt, Das ist ein Zeichen eurer Tapferkeit, eures Sieges und seiner gründlichen Niederlage. Hat er doch auch bei dem frommen Job dadurch verrathen, wie schwer er verwundet war, daß er die Leiden bis auf die höchste Spitze trieb. Als er dem frommen Dulder sein Hab und Gut geraubt, seine Kinder getödtet hatte und sich gleichwohl besiegt sah, da suchte er ihn mit den aller- [S. 545] schwersten Peinen heim. Denke nur an den Sturmlauf gegen seinen Leib, an die Brutstätte der Würmer, an die Menge der Wunden! (Das kommt mir vor wie ein fröhlicher Tanz, eine Siegeskrone und tausend Kampfpreise in langer Reihe.)1 Und auch dabei blieb er nicht stehen; als ihm von Waffen dieser Art Nichts mehr übrig war (denn jene Krankheit hatte er als härteste Prüfung hinzugefügt), da ersann er wieder andere Mittel, ihn zu quälen: er schickt das Weib in den Kampf, stachelt die Freunde auf, hetzt das Gesinde gegen ihn und erfüllt es mit Haß und reißt so die Wunden weiter auf in jeder Weise. Ähnliches versucht er unaufhörlich auch jetzt, aber gegen sein eigenes Haupt. Denn gerade daher steht es mit euch jeden Tag besser, schöner und glänzender. Es mehrt sich euer Reichthum, der Handel wird einträglicher, die Siegeskränze reihen sich an einander in großer Zahl. Gerade durch diese Leiden erhält euer Muth und eure Ausdauer neuen Zuwachs, und die Nachstellungen eurer Feinde dienen zur Stärkung eurer Standhaftigkeit. Denn so ist es mit den Bedrängnissen überhaupt. Diejenigen, welche sie geduldig und starkmüthig aushalten, kommen dadurch so weit, daß sie über die Leiden erhaben sind, für die Geschoße des bösen Feindes zu hoch stehen, die Nachstellungen verachten lernen. Es werden ja auch die Bäume, die man im Schatten zieht, schwächlicher und bringen weniger Frucht; die aber dem Wechsel der Witterung preisgegeben, dem Anprall der Stürme und der Hitze der [S. 546] Sonnenstrahlen ausgesetzt sind, die werden kräftiger, sind mit Blättern reich bewachsen und mit Früchten schwer belastet. Etwas ähnliches findet man auch bei der Schifffahrt auf dem Meere. Die zuerst ein Schiff besteigen, mögen sie noch so herzhaft sein, gerathen ausser sich, verlieren die Fassung und unterliegen einem gewaltsamen Schwindel, weil ihnen die Sache eben neu und ungewohnt ist. Diejenigen aber, welche viele Meere durchfahren, viele Stürme mitgemacht, die mit verborgenen Klippen und Felsenriffen, mit Meerungeheuern, mit Freibeutern und Seeräubern und mit beständigen Unwettern gekämpft haben, die bringen es schließlich dahin, daß sie sich zuversichtlicher auf dem Schiff geberden, als Andere auf dem festen Lande, — und zwar nicht bloß drinnen auf dem Schiffsboden, sondern auch, indem sie auf den Seitenwänden sitzen oder ohne Angst auf dem Vorder- oder Hintertheil des Schiffes stehen. Vordem hatte schon der bloße Anblick sie mit Furcht und Zittern erfüllt; nach der langen Bekanntschaft mit den Stürmen tragen sie kein Bedenken, das Tau aufzuziehen, die Segel auszuspannen, das Ruder zu handhaben, und sie können alle Räume des Schiffes ohne Mühe durcheilen. Laßt euch also durch kein Mißgeschick ausser Fassung bringen! Denn eure Feinde haben euch gegen ihren Willen dazu gebracht, daß ihr eigentlich nichts Schlimmes mehr leiden könnt. Sie haben alle ihre Pfeile verschossen und haben dadurch nichts Anderes erreicht, als daß sie verspottet und verlacht und allenthalben als Feinde der ganzen Welt angesehen werden. Das ist für die Verfolger selbst die Belohnung, Das ist das Ende der Feindseligkeiten. O fürwahr, eine herrliche Sache ist es um die Tugend und die Verachtung des gegenwärtigen Lebens! Sie gewinnt durch Verfolgungen, wird gekrönt durch die Verfolger, erglänzt heller nach Mißhandlungen, macht ihre treuen Verehrer durch die, welche sie wegzuschleppen suchen, stärker, erhabener, unerreichbar und unbezwinglich, und zwar ohne Schild und Speer, ohne Mauern und Gräben und Thürme, [S. 547] ohne Geld und Bemannung nöthig zu haben; sie bedarf nur eines festen Sinnes, eines standhaften Herzens, dann macht sie alle Verfolgungen der Menschen zu Schanden. 1: Der Zusammenhang zwischen diesem und dem vorigen Satz wird im Griechischen durch ein Wortspiel vermittelt, das sich schlecht wiedergeben läßt: τόν τῶν τραυμάτων χορόν. Χορὸν γὰρ αὐτὸν ἐγὼ καὶ στέφανον καλῶ, κτλ „den Chor (=Menge) der Wunden. Denn einen Chor (=Tanzchor, Tanz) und eine Siegeskrone nenne ich“ u. s. w.
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