Chrysostomus († 407) - Briefe an Olympias und Papst Innocentius An Olympias Zweiter Brief.
1. Du mußt in deiner Trauer um fremde Sünden Maß halten. Es sollte zwar schon der erste Brief an dich genügen, um das Geschwür deines Kummers zu heilen. Da dir aber die tyrannische Herrschaft der Traurigkeit sehr zugesetzt hat, habe ich für nöthig gehalten, dem frühern noch einen zweiten hinzuzufügen, damit du daraus Trost in reicher Fülle schöpfest und deine Gesundheit für die Zukunft sicher gestellt sei. Nun wohlan, ich will auch von einer andern Seite aus die Überreste deiner Trauer zu zerstreuen versuchen; aber ich hoffe, daß von der bedenklichen Wunde und Entzündung nur noch etwas Staub zurück geblieben ist. Doch darfst du dich auch wegen diesen nicht gleichgiltig verhalten, da ja auch ein wenig Staub, wenn man ihn nicht sorgfältig entfernt, an dem vorzüglichsten unter allen Gliedern diese Vernachläßigung rächen kann, indem er die Sehkraft schwächt und das Auge des Unvorsichtigen ganz in Unordnung bringt. Damit nicht in unserm Falle etwas Ähnliches geschehe, laßt uns mit großer Sorgfalt auch den Rest des Übels hinwegräumen. Richte dich aber auf und reiche mir die Hand. Denn wenn die Ärzte zwar ihre Sache thun, die Kranken es aber an ihrem Theil fehlen [S. 479] lassen, wird der Vortheil für den Gesundheitszustand wieder zerstört; so pflegt es bei den Krankheiten des Leibes, so auch bei den Krankheiten der Seele zu gehen. Damit Dieß nun nicht eintrete, suche auch deinerseits recht vernünftig, wie man von dir erwarten darf, deine Pflichten in diesem Falle gegen mich zu erfüllen, damit wir gemeinsam großen Nutzen erzielen. Doch du sagst vielleicht: ich möchte wohl, aber ich kann nicht; ich bin trotz der größten Anstrengung nicht im Stande, das dichte und düstere Gewölk der Niedergeschlagenheit zu zerstreuen. Das ist ein Vorwand und eine leere Entschuldigung; denn ich kenne ja die edle Art deiner Gesinnung, die Stärke deiner Frömmigkeit, die Größe deiner Einsicht, die Kraft deiner vernünftigen Überlegung; ich weiß, du brauchst nur dem aufgeregten Meere deiner entmuthigenden Gedanken zu gebieten, so wird Alles still und ruhig sein; damit dir Das aber leichter werde, will ich auch das Meinige dazu thun. Wie kannst du Das nun leicht zu Stande bringen? Indem du einerseits den Inhalt meines vorigen Briefes wieder erwägst (denn Vieles habe ich darin gerade um dieses Zweckes willen gesagt) und andererseits zugleich Dasjenige thust, was ich dir jetzt auflegen will. Nämlich: Wenn du hörst, daß hier eine Kirchengemeinde zu Grunde gegangen, dort eine im Wanken ist, eine andere von drohenden Fluthen umwogt wird, wieder eine andere an unheilbarer Krankheit leidet, indem der eine ein Wolf statt des Hirten, der andern ein Seeräuber statt des Steuermanns, der dritten ein Scharfrichter statt des Arztes zu Theil geworden: dann sollst du dich zwar betrüben (denn dergleichen darf und soll man nicht ohne schmerzliche Bewegung ertragen), aber du sollst in deiner Traurigkeit Maß halten. Denn nicht einmal über unsere eigenen Sünden, über die wir doch Rechenschaft abzulegen haben, sollen wir uns gar so heftig betrüben; Das wäre weder nothwendig noch ungefährlich, sondern sehr schädlich und verderblich; und nun gar wegen fremder Vergehen sich entmuthigen und fast aufreiben vor Schmerz — , Das ist noch weit mehr überflüssig und thöricht, überdieß [S. 480] aber eine Eingebung des Teufels und das Verderben der Seele.
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