Chrysostomus († 407) - Briefe an Olympias und Papst Innocentius An Olympias Zweiter Brief.
11. Du mußt die Trennung von mir nicht übermäßig beklagen, sondern mit Geduld ertragen. Das ist sehr verdienstlich, weil schwierig. Das alles bedenke, halte es beständig deiner Seele vor, so wirst du den Staub, [der von deiner Wunde noch zurückgeblieben war], zerstreuen können. Da aber, wie ich glaube, noch ein Anderes dich recht sehr quält, so laß uns auch gegen diesen bösen Gedanken ein Heilmittel bereiten, aus dem schon Gesagten und dem, was ich jetzt sagen werde. Ich denke mir nämlich, daß du nicht bloß aus den oben besprochenen Ursachen trauerst, sondern dich auch wegen der Trennung von meiner Wenigkeit fortwährend betrübest und zu Jedermann sagst: Ich darf jene Stimme nun nicht mehr hören, der gewohnten Belehrungen mich nicht mehr erfreuen, und werde vom Hunger geplagt; und was Gott einst den Juden angedroht hat, Das muß ich jetzt ertragen: „Nicht Hunger nach Brod, oder Durst nach Wasser, sondern Hunger nach der göttlichen Lehre.“1 Was soll ich nun darauf sagen? Vor Allem, daß du auch in meiner Abwesenheit mit mir verkehren kannst, nämlich durch Das, was ich geschrieben habe; und ich werde mir angelegen sein lassen, wenn mir Überbringer zu Gebote stehen, dir viele und ausführliche Briefe zu übersenden. Wenn du aber meine Gedanken durch das lebendige Wort von mir zu vernehmen wünschest — auch Das wird vielleicht geschehen, und du wirst mich, so Gott will, wiedersehen; nicht vielleicht, nein sicherlich, zweifle daran nur nicht. Ich werde dich schon erinnern, daß ich Dieß nicht in den Wind hinein gesprochen habe und nicht um dich zu täuschen und zu hintergehen; nein, was dir jetzt schriftlich mitgetheilt wird, Das wirst du auch durch das lebendige, gesprochene Wort vernehmen. Wenn aber das Warten dir so schwer fällt, so bedenke, daß auch Dieses seinen Nutzen hat und dir [S. 502] großen Lohn einträgt, wenn du nur geduldig bleibst und kein bitteres Wort dazu sagst, sondern auch hievon Anlaß nimmst, Gott zu verherrlichen — was du ja auch fortwährend thust. Denn die Trennung von einer geliebten Person zu ertragen, Das erfordert nicht geringen Kampf und verlangt eine heldenmüthige, in christlicher Weisheit erstarkte Seele. Wer sagt uns Das? Wer treu zu lieben weiß, und wer die Macht der Liebe kennt, Der versteht, was ich sage. Allein damit wir nicht umherzuirren brauchen, um solche Menschen mit aufrichtiger Liebe zu finden, — denn sie ist etwas Seltenes, — laß uns zum heiligen Paulus eilen; der wird uns sagen, wie schwer dieser Kampf ist und wie stark die Seele sein muß, die ihn zu führen hat. Erinnere dich, daß dieser Paulus sich so zu sagen der fleischlichen Natur entkleidet, den Leib abgelegt hatte und so, gleichsam zum reinen Geiste geworden, den Erdkreis durchwanderte, daß er von seiner Seele jede Leidenschaft ausgeschieden hatte, in seiner heiligen Gleichgültigkeit den körperlosen Mächten glich und die Erde so bewohnte wie sie den Himmel, daß er dort oben unter den Cherubim gestanden und mit ihnen an jenem geheimnißvollen Gesange Theil genommen hatte. Alles vermochte dieser heilige Paulus, als ob er es an einem fremden Leibe erduldete, zu ertragen: Kerker und Bande, Verbannung, Geißelstreiche, Drohungen, Tod, Steinigung, Ertränkung, Strafen aller Art: aber als er einmal sich von einem geliebten Freunde hatte trennen müssen, da war er so voll Sorge und Angst, daß er sogleich die Stadt verließ, in welcher er den Geliebten zu sehen erwartete und nicht fand. Das mag Troas bezeugen; er kehrte deßhalb dieser Stadt den Rücken, weil sie ihm den Freund damals nicht ausweisen konnte. Er sagt: „Als ich um des Evangelium’s Christi willen nach Troas gekommen war, und im Herrn das Thor mir offen stand, hatte ich keine Ruhe in meinem Innern, weil ich den Titus, meinen Bruder, nicht vorfand, sondern ich nahm von ihnen Abschied und ging hinweg nach Mazedonien.“2 [S. 503] Was ist Das Paulus? Als du in das Holz gespannt warst, das Gefängniß bewohntest, noch wund von den Geißelstreichen und auf dem Rücken von Blut überronnen warest, da unternahmest du es, zu unterrichten, zu taufen, das Opfer zu feiern und verschmähtest nicht eine einzige Seele, die zu retten war; jetzt nach Troas gekommen, siehst du den Acker gereinigt, zur Aufnahme des Samens bereit, siehst die Scheuer gefüllt, siehst dein Werk sehr erleichtert — und nun läßt du diesen unschätzbaren Gewinn fahren, obgleich du gerade zu diesem Werke gekommen bist („ich hin nach Troas gekommen um des Evangeliums willen“), und obgleich Nichts in den Weg tritt („ich fand das Thor geöffnet“), und eilest alsbald von dannen? Ja, sagt er, Traurigkeit beherrschte mich übermächtig und mein Herz betrübte sich gar sehr wegen der Abwesenheit des Titus; und die Trauer hat mich dermaßen bewältigt und übermannt, daß sie mich zur Abreise gezwungen hat. Denn daß er durch seine Betrübniß dazu kam, Das brauchen wir nicht etwa zu muthmaßen, sondern wir erfahren auch Dieß von ihm selbst; er fügt ja die Ursache seines Weggehens hinzu mit den Worten: „Ich hatte keine Ruhe in meinem Innern, weil ich meinen Bruder Titus nicht vorfand, sondern ich nahm von ihnen Abschied und ging hinweg.“
1: Amos 8, 11. 2: II. Kor. 2, 12. 13.
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