Chrysostomus († 407) - Briefe an Olympias und Papst Innocentius An Olympias Zweiter Brief.
3. Um deine Trauer zu mäßigen, denke an das Weltgericht! Paulus also erlaubte nicht, daß der Sünder sich wegen seines eigenen — und wie großen! — Vergehens gar zu großer Trauer hingäbe, sondern er läßt es sich sehr angelegen sein und thut alles Mögliche und Erdenkliche, um ihn von der erdrückenden Last dieser Betrübniß zu befreien, indem er ihr Übermaß auf den Teufel zurückführt und des Teufels überwältigenden Einfluß, des Teufels List und seiner bösen Anschläge Werk darin erkennt: wenn es sich nun um fremde Sünden handelt, die Andere verantworten müssen, wie sollte es nicht Thorheit, ja vollendeter Wahnsinn sein, sich so sehr von Schmerz und Trauer niederdrücken zu lassen, daß sie die Seele mit dichter Finsterniß umhüllen, in Unruhe und Verwirrung stürzen, durch heftigen Sturm und Unwetter ängstigen? Wenn du mir aber wieder das Nämliche sagst: Ich will, aber ich kann nicht, — so sage ich dir auch wieder das Nämliche: Das ist ein Vor- [S. 483] wand, ist eine leere Entschuldigung; denn ich kenne die Stärke deiner christlich frommen Seele. Damit ich dir aber noch von einem andern Gesichtspunkte aus die Bekämpfung und Überwindung dieser unmäßigen und verderblichen Trauer leichter mache, so thue wiederum, was ich dir jetzt auflege. Wenn du Jemand dieses schreckliche Unheil schildern hörst, so gehe schnell von diesen Gedanken über zu der Vorstellung von jenem furchtbaren Tage [des Gerichtes] und betrachte bei dir den Richterthron, zu dessen Füßen die Sünder zitternd stehen, den unbestechlichen Richter, die feurigen Ströme, die vor seinem Throne sich hinziehen und aufsprudeln in mächtigen Flammen, die wohlgeschärften Schwerter, die harten Strafen, die endlose Züchtigung, die äusserste, keinem Lichte zugängliche Finsterniß, den vergiftenden Wurm, die unzerreißbaren Bande, das Zähneknirschen, das trostlose Heulen, den Schauplatz unserer Erde oder vielmehr beider Welten: der Welt dort oben und der Welt hier unten. „Denn auch die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden,“1 sagt der Herr. Wenn sie [die Kräfte als Engel aufgefaßt] sich auch keiner Sünde bewußt sind und keine Rechenschaft abzulegen haben, stehen sie gleichwohl beim Anblick des Gerichtes über das ganze Menschengeschlecht und die unzähligen Völker nicht ohne Furcht: so groß wird dann die Bestürzung sein. Daran also denke, und wie Alles auf unwiderlegliche Weise offenbar wird. Denn jener Richter hat weder Kläger noch Zeugen noch Beweise noch Belege vonnöthen, sondern er bringt Alles, so wie es verübt worden, an’s Licht und vor die Augen der Schuldigen. Dann wird Niemand uns Schutz oder Befreiung von der Strafe erwirken können, sei es Vater oder Sohn oder Tochter oder Mutter oder sonst ein Verwandter, sei es Nachbar oder Freund oder Anwalt; noch können Geldspenden oder die Menge des Reichthums oder angesehene Stellung etwas helfen; Das alles ist wie Staub von den Füßen abge- [S. 484] schüttelt; und nur die Person des zu Richtenden hat einzig von ihrem Thun und Lassen das günstige oder verdammende Urtheil zu erwarten. Dann wird von Niemandem über Dasjenige Rechenschaft gefordert, was ein Anderer verbrochen, sondern von Jedem nur über seine eigenen Sünden. Das alles zusammen stelle dir vor; und indem du dieser Furcht Nahrung zuführst und dadurch gegen die verderbliche, vom Teufel herstammende Trauer eine feste Burg errichtest, stehe ihr also kampfgerüstet gegenüber; und durch dein bloßes Erscheinen wirst du sie leichter als Spinngewebe zerreissen und zerstören können. Denn diese Trauer ist nicht nur nutzlos und überflüssig, sondern auch sehr schädlich und unheilvoll; jene Furcht dagegen ist nothwendig, nützlich, heilsam und bringt großen Gewinn. Doch ich habe mich unvermerkt im Flusse der Rede zu weit fortreissen lassen und eine Aufforderung an dich gerichtet, die bei dir nicht an der Stelle ist. Mir freilich und Denen, die gleich mir sich schon mit vielen Sünden bedeckt haben, thun dergleichen Gedanken noth: sie schrecken und regen auf; dir aber, die in ihrem Tugendschmuck schon an den Himmel rührt, werden sie schwerlich auch nur die geringste Erschütterung verursachen können. Ich will also andere Saiten aufziehen und mich zu einer andern Weise anschicken, da jene Furcht an dich nicht kommen kann — nur allenfalls, soweit sie auch die Engel trifft. Laß uns also auch nach dieser Seite schauen, folge auch du meinen Gedanken und denke an den Lohn, der deinen Tugenden werden soll; denke an die glänzenden Siegeszeichen, die strahlenden Kronen, der Reigen der Jungfrauen, die heiligen Hallen und das Brautgemach im Himmel, den Antheil mit den Engeln, den traulichen Verkehr mit dem Bräutigam, den wunderbaren Lichtglanz, die Herrlichkeit, die alle Rede und allen Begriff übersteigt. Und nun nimm an meinen Worten nur keinen Anstoß, [S. 485] wenn ich dich auch in den Chor jener heiligen Jungfrauen eingereiht habe, obgleich du im Wittwenstande lebest. Du hast mich ja oft, sowohl im Zwiegespräch als in öffentlicher Rede, auseinandersetzen hören, welche eigentlich unter den Begriff der Jungfrauen fallen, und es stehe Nichts im Wege, daß Diejenigen, welche sich im Übrigen durch christliche Tugend und Weisheit ausgezeichnet, einst in den Chor der Jungfrauen eintreten und diesen sogar bei Weitem vorgezogen werden. Deßhalb hat auch Paulus, indem er die Jungfrauschaft näher erklärte, nicht schlechthin diejenigen Personen Jungfrauen genannt, die unvermählt bleiben und sich der ehelichen Gemeinschaft des Mannes enthalten, sondern die auf Das denken, was des Herrn ist. Und Christus selbst deutet uns an, wie sehr die Jungfräulichkeit der Wohlthätigkeit nachsteht — in dieser Tugend aber stehst du oben an, diese Krone hast du dir schon längst aufgesetzt. Er weiset ja von dem Chore der Jungfrauen die halbe Zahl zurück, weil sie ohne jene Tugend kommen oder dieselbe vielmehr nicht eifrig geübt haben: denn sie haben ja Öl, aber nicht genug. Diejenigen aber, die ohne die Jungfräulichkeit erscheinen, dagegen mit dieser Tugend bekleidet sind, nimmt er mit großen Ehren auf, nennt sie die Gesegneten seines Vaters, ruft sie zu sich, schenkt ihnen die Erbschaft des Himmelreiches und rühmt sie inmitten der ganzen Welt; und er nimmt keinen Anstand, vor den Engeln und aller Welt zu verkünden, daß sie ihn gespeis’t und als Fremden beherbergt haben. Diese beseligende Anrede wirst auch du alsdann vernehmen, dieser Vergeltung in überaus reichem Maße dich erfreuen. Schon für deine Almosen hast du also so reichen Lohn zu erwarten, so schöne Kronen, so großen Glanz. Ehre und Herrlichkeit; wie erst, wenn ich auch noch deiner andern Tugenden gedenken wollte? Müßtest du nicht bei so bewandten Umständen schon jetzt Feste feiern, vor Freude aufhüpfen und tanzen und dein Haupt bekränzen? Ist es deßhalb nicht unverzeihlich, wenn du dich von Gram aufreiben läßt, weil Dieser sich wahnsinniger Bosheit hingegeben, Jener sich kopfüber in sein Verderben [S. 486] gestürzt hat? wenn du so den Kampf gegen deine geheiligte Seele dem Teufel leicht machst, den du bis heute nicht aufgehört hast zu zerfleischen? Denn was soll man erst von deiner vielfältigen und oft bewährten Geduld im Leiden sagen? Wie weit würde es mich führen, und wie umfangreich müßte die Erzählung werden, wenn man aufzählen wollte die Widerwärtigkeiten, die du von früher Jugend an bis jetzt zu ertragen hattest: von Hausgenossen und von Fremden, von Freunden und von Feinden, von Verwandten und von Nichtverwandten, von Vornehmen und von Menschen aus dem gemeinen Volke, von Gewalthabern und von Menschen ohne Amt und Würden, und endlich von Solchen, die zum Klerus zählten! Wollte man davon jedes Einzelne durchgehen, so könnte jedes Einzelne den Stoff zu einer vollständigen Geschichte liefern. Wollte man überdieß noch der Beweise anderer Art gedenken, durch die du diese Tugend bewährt hast, und die Leiden aufzählen, die dir nicht von andern Menschen, sondern von dir selbst sind angethan worden: man würde finden, daß du dich stärker und ausdauernder als Stein und Erz und Stahl bewiesen hast. Deinem Leibe, der von Natur so zart und wehleidig und unter Verweichlichungen jeder Art großgezogen war, hast du durch vielfache Züchtigungen so zugesetzt, daß es kaum besser mit ihm steht, als wenn er schon ganz ertödtet wäre; und du hast dir eine solche Menge von Krankheiten aufgeladen, daß weder die Kunst der Ärzte noch die Kraft der Arzneien noch die sorgfältigste Pflege dagegen ankommen kann, und daß du beständig von Schmerzen geplagt wirst.
1: Matth. 24, 29.
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