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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Einundfünfzigste Homilie. Kap. XV, V,1-20.

1.

V.1: "Dann traten die Schriftgelehrten und Pharisäer aus Jerusalem zu Jesus hin und sagten: V.2: Warum übertreten deine Jünger die Überlieferungen der Alten?"

Wann: "dann"? Damals als Jesus unzählige Wunder gewirkt, als er die Kranken durch die Berührung des Saumes seines Gewandes geheilt hatte. Gerade aus dem Grunde gibt nämlich der Evangelist den Zeitpunkt an, um zu zeigen, dass ihre unvergleichliche Bosheit vor gar nichts zurückschrecke. Was sollen aber die Worte bedeuten: "Die Schriftgelehrten und Pharisäer aus Jerusalem"? Sie lebten nämlich überall unter den Stämmen zerstreut und waren so in zwölf Teile geteilt; nur waren diejenigen, die in der Hauptstadt lebten, noch schlechter als die übrigen, da sie mehr Ehre genossen und sich ungemein viel einbildeten. Beachte nun aber, wie sie in ihrer eigenen Frage gefangen werden. Ihre Frage lautet nicht: Warum übertreten Deine Jünger das Gesetz des Moses, sondern "die Überlieferungen der Alten?" Daraus ist es ersichtlich, dass die Priester viele Neuerungen eingeführt hatten, obschon Moses unter vielen und furchtbaren Drohungen verboten hatte, zum Gesetze etwas hinzuzufügen oder davon wegzunehmen. "Zu dem Gesetze, das ich euch heute gebe, sollt ihr nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen"1 . Trotzdem führten sie Neuerungen ein, so zum Beispiel die, nicht mit ungewaschenen Händen zu essen, desgleichen die Becher und ehernen Gefäße zu reinigen und selbst auch eine Waschung vorzunehmen. Während sie aber dann im Verlaufe der Zeit diese Vorschriften hätten aufheben sollen, stellten sie vielmehr noch andere auf aus Furcht, man könnte ihnen die Herrschaft entreißen, und in der Absicht, sich als Gesetzgeber noch mehr Ansehen zu verschaffen. Soweit waren sie nun schon in ihrer Gesetzwidrigkeit gegangen, dass sie ihre eigenen Satzungen beobachteten, die Gebote Gottes dagegen übertraten, und solchen Einfluß hatten sie, dass die Übertretung ihrer Satzung sogar Gegenstand einer Anklage wurde. Ihr Unrecht war darum ein doppeltes, einerseits dass sie Neuerungen einführten, und andererseits, dass sie ihre eigenen Vorschriften so sehr betonten, während sie sich um die Gebote Gottes nicht kümmerten. Da wußten sie von nichts anderem zu reden, als von Krügen und Töpfen2 ; das schien ihnen wichtiger als alles andere; davon reden sie. Ich glaube, sie taten dies in der Absicht, den Herrn zum Zorn zu reizen. Deshalb tun sie auch der Alten Erwähnung, damit er sich, wenn er geringschätzig von ihnen redete, eine Blöße gäbe.

Zuerst jedoch ist es der Mühe wert zu untersuchen, weshalb die Jünger überhaupt aßen, ohne vorher die Hände zu waschen? Weshalb aßen sie also ohne Waschung? Nicht absichtlich, sondern weil sie es als etwas Überflüssiges unbeachtet ließen und dafür das Notwendige im Auge hatten. Es galt ihnen weder als Vorschrift, die Hände zu waschen, noch als Verbot, sie nicht zu waschen; sie taten beides, wie es sich gerade traf. Da sie sich nicht einmal sonderlich um den notwendigen Unterhalt kümmerten, wie hätte ihnen an solchen nebensächlichen Dingen etwas gelegen sein sollen? Da nun dieses oft ganz unabsichtlich vorkam, wie z.B. damals, als sie in der Wüste aßen und als sie Ähren abstreiften, so machten es ihnen diejenigen zum Vorwurf, die am Wichtigen stets achtlos vorübergingen und auf Nichtigkeiten ein großes Gewicht legten. Was antwortet nun Christus? Er übergeht den Vorwurf, ohne sich zu verteidigen, und tritt sofort mit einer Gegenklage hervor, um ihre Dreistigkeit zu dämpfen und zu zeigen, dass derjenige, welcher sich selber große Vergehen zuschulden kommen läßt, es bei anderen in geringfügigen Dingen nicht so genau nehmen dürfe. Euch sollte man anklagen, so sagt er gleichsam, und ihr bringt Anklagen vor? Beachtet da, wie der Herr es in Form einer Entschuldigung tut, wenn er ein Gebot des Gesetzes aufheben will. Denn er befaßt sich nicht sofort mit der Übertretung, noch sagt er, es hat nichts auf sich; denn dadurch hätte er sie nur noch kühner gemacht; vielmehr weist er zuerst ihre Keckheit zurück, indem er eine weit stärkere Anklage vorbringt und sie auf ihr eigenes Haupt zurückschleudert. Auch sagt er nicht, die Jünger hätten recht getan mit der Übertretung3 , um ihnen keine Handhabe zu bieten; er tadelt aber auch das Vorgefallene nicht, um nicht jenes4 Gesetz zu bestätigen. Er beschuldigt ferner auch die Alten nicht der Gesetzesübertretung und des Frevels; denn dann hätten sie ihn als verleumderisch und hochmütig gemieden. Alle diese Möglichkeiten läßt er beiseite und schlägt einen anderen Weg ein. Es hat zwar den Anschein, als tadle er die Anwesenden; jedoch greift er nur diejenigen an, welche diese Satzungen aufgestellt hatten; ohne die Alten auch nur zu erwähnen, trifft er sie doch auch in seiner Anklage gegen diese, indem er zeigt, dass deren Verfehlung eine doppelte ist; denn einerseits gehorchen sie Gott nicht, andererseits halten sie diese Satzung nur um der Menschen willen. Der Herr sagt gleichsam: Das, gerade das hat euch ins Verderben gestürzt, dass ihr in allen Stücken den Alten gehorchet, Doch spricht er dies nicht aus; aber darauf spielt er an, wenn er ihnen antwortet:

V.3: "Warum übertretet auch ihr das Gebot Gottes wegen eurer Überlieferung? Denn Gott hat gesprochen:

V.4: Ehre den Vater und die Mutter! und: Wer verfluchet Vater oder Mutter, soll des Todes sterben"5 .

V.5: Ihr aber saget: Wer immer zum Vater oder zur Mutter spricht: Ein Geschenk ist es6 , was du von mir haben willst7 , der ehret auch nicht seinen Vater oder seine Mutter,

V.6: und das Gebot Gottes habt ihr aufgehoben wegen eurer Überlieferung."

1: Dtn 4,2
2: das waren ja ganz lächerliche Dinge
3: dieser Vorschriften
4: Sonder
5: Ex 20,12 u.21,27
6: für Gott bestimmt
7: so nach der unten folgenden Erklärung von Chrysostomus

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger