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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)
Einundfünfzigste Homilie. Kap. XV, V,1-20.

6.

Werfen wir uns also mit Leib und Seele nieder, damit er uns aus der Erniedrigung wieder aufrichte; reden wir mit ihm in aller Bescheidenheit und Demut. Du sagst: Wer wäre so nichtswürdig und unselig, dass er nicht einmal beim Beten bescheiden würde? Derjenige, der unter Verwünschungen, der voll Zorn und unter Schmähungen gegen seine Feinde betet. Willst du also jemanden anklagen, so klage dich selbst an; willst du deine Zunge schärfen und wetzen, so tue es gegen deine eigenen Sünden; erwähne nicht, was der Nächste dir Böses getan hat, sondern vielmehr, was du selbst dir angetan hast, denn das ist ganz besonders schlimm. Es kann dir ja der Nebenmensch keinen Schaden zufügen, wenn du ihn dir nicht selbst zufügst. Willst du daher gegen deine Feinde vorgehen, so gehe zuerst mit dir selbst ins Gericht, niemand wird dich daran hindern. Trittst du aber gegen deinen Nächsten auf, so wirst du nur um so größeren Schaden davontragen. Über welches Unrecht wirst du dich überhaupt zu beklagen haben? Etwa: er hat mich gröblich beleidigt, er hat mich beraubt, er hat mich in Gefahr gebracht? Aber darin liegt ja für uns gar kein Nachteil, sondern vielmehr, wenn wir es recht betrachten, der größte Vorteil. Der eigentlich Geschädigte ist ja hierbei nicht der leidende Teil, sondern der Übeltäter. Darin gerade ist der Grund alles Unheils zu suchen, dass man gewöhnlich sich nicht einmal bewußt wird, wer der Geschädigte und wer der Schädiger ist. Wären wir uns dessen immer wohlbewußt, wir würden uns nicht selbst Unrecht tun,würden dem Nächsten nichts Böses wünschen, überzeugt, dass uns vom Nebenmenschen nichts Böses widerfahren kann. Denn nicht das Bestohlenwerden ist schlimm, sondern das Stehlen.

Klage dich demnach selber an, wenn du Raub verübt hast; bist du aber beraubt worden, so bete für den Räuber, weil er dir äußerst nützlich war. Mag das immerhin der Täter nicht beabsichtigt haben, du hast doch den größten Nutzen davon, wenn du es hochherzig erträgst. Jenen erklären die Menschen und die Gebote Gottes für unselig; dich aber, der du Unrecht erlitten, krönen und preisen sie. Würde jemand in der Hitze des Fiebers einem anderen ein Gefäß mit Wasser entwenden, um sein schädliches Verlangen zu stillen, so würden wir nicht behaupten, dass der Bestohlene dabei Schaden erlitten hat, sondern der Kranke; denn er hat sein Fieber gesteigert und die Krankheit verschlimmert. So mußt du auch von einem Habsüchtigen und Geldgierigen denken. Auch er leidet an einem Fieber, einem viel heftigeren als der erwähnte Kranke, und hat durch den Raub die Flamme in seinem Innern noch mehr entfacht. Und wenn einer im Wahnsinn jemanden ein Schwert wegnimmt und sich selbst umbringt, wer ist da der Geschädigte? Der, dem es genommen wurde, oder der, der es nahm? Offenbar letzterer. Sollen wir nun aber beim Raub von Hab und Gut nicht ebenso urteilen? Denn was für den Wahnsinnigen ein Schwert ist, das ist für den Habsüchtigen der Reichtum; ja noch etwas viel Schlimmeres. Denn der Wahnsinnige, der das Schwert nimmt und sich durchbohrt, ist vom Wahnsinn befreit und versetzt sich auch keinen zweiten Hieb; der Habsüchtige hingegen empfängt jeden Tag zahllose schlimmere Wunden als jener, und wird doch von seinem Wahnsinn nicht befreit, vielmehr steigert er ihn noch; und je mehr Wunden er empfängt, desto empfänglicher macht er sich für andere schlimmere Schläge.

Wir wollen also dieses beherzigen und diesem Schwerte aus dem Wege gehen, wollen diesen Wahnsinn fliehen und, wenn auch spät, so doch endlich einmal Maß halten lernen. Denn auch diese Tugend1 muß man Mäßigkeit nennen, nicht weniger als jene, die gemeinhin so heißt. Die Mäßigkeit führt den Kampf gegen die Tyrannei einer Leidenschaft, hier aber gilt es, über viele und verschiedenartige Leidenschaften zu siegen. Denn nichts, nichts ist törichter als ein Sklave des Geldes. Er meint zu herrschen und ist beherrscht; er glaubt Herr zu sein und ist Knecht; er legt sich selbst Fesseln an und freut sich noch darüber;er macht das wilde Tier noch wilder und fühlt sich wohl dabei; er wird zum Gefangenen gemacht und jubelt und frohlopckt darüber; er sieht, wie eion toller Hund seine Seele anfällt, aber anstatt ihn zu hindern und durch Hunger zu zähmen, gibt er ihm noch reichliche Nahrung, damit er um so wütender angreife und noch fürchterlicher werde. Lasset uns also all das beherzigen, die Fesseln lösen, das wilde Tier umbringen, die Krankheit beseitigen, diesen Wahnsinn vertreiben, damit wir dann Ruhe und volle Gesundheit genießen, unter großer Freude in den Hafen des Friedens einlaufen und der ewigen Güter teilhaftig werden, die wir alle erlangen mögen durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, dem Ehre und Macht sei jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen!

1: der Genügsamkeit

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger