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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)
Einundfünfzigste Homilie. Kap. XV, V,1-20.

3.

Darauf beruht ja das ganze Judentum: hebt man die Speisegebote auf, so hebt man es ganz auf. Damit zeigt nämlich der Herr, dass auch die Beschneidung aufhören muß. Er selbst läßt aber vorläufig nichts davon verlauten, weil dieses Gebot älter war und in größerem Ansehen stand als alle übrigen; er trifft vielmehr diese Bestimmung durch seine Jünger. Diese Sache war nämlich so wichtig, dass auch die Jünger, als sie die Beschneidung nach so langem Bestande abschaffen wollten, sie anfangs noch anwendeten und sie dann erst aufhoben. Beachte nun, wie er das neue Speisegesetz einführt:

V.10: "Und nachdem er die Volksscharen zu sich herangerufen hatte, sprach er zu ihnen: Höret und verstehet." Er verkündet ihnen die Sache nicht so ohne weiteres, sondern macht seine Zuhörer zuerst bereitwillig für seine Worte, indem er ihnen Ehre und Aufmerksamkeit erweist1 ; ferner auch durch den Zeitpunkt, den er wählt. Denn nachdem er die Pharisäer widerlegt und zurückgewiesen, nachdem er sie aus dem Propheten überführt hat, da waren sie geneigter, seine Worte aufzunehmen, und so nimmt er jetzt die neue Gesetzgebung in Angriff. Er ruft auch die Leute nicht einfach zu sich, sondern weckt ihre Aufmerksamkeit mit den Worten: "Verstehet", d.h. gebet acht, merket auf, denn das Gesetz, das gegeben werden soll, erheischt es. Wenn die Pharisäer das Gesetz abgeschafft haben, und zwar zur unrechten Zeit, um ihrer eigenen Überlieferung willen, und ihr sie angehört habt, um wieviel mehr müsset ihr mich hören, da ich euch zur rechten Zeit zu höherer Erkenntnis führen will? Der Herr sagt auch nicht, die Beobachtung des Speisegebotes habe nichts zu bedeuten, oder Moses habe damit eine verkehrte Verordnung gegeben oder er habe es nur aus Nachsicht gestattet. Vielmehr bedeuten seine Worte eine Aufmunterung und einen Rat; er nimmt dabei ein Beispiel aus der Natur zu Hilfe und sagt:

V.11: "Nicht was eingehet in den Mund, verunreinigt den Menschen, sondern was herauskommt auf dem Munde." Er gibt also sein Gesetz und legt seine Meinung dar unter Hinweis auf die Natur. Als jene das hörten, entgegneten sie nichts; sie sagten nicht: Was redest Du da? Gott der Herr hat unzählige Speisevorschriften erlassen und Du gibst ein solches Gesetz? Nein, die gehen schweigend davon, da er sie eben gehörig zum Schweigen gebracht hatte sowohl durch seine Widerlegung, als auch dadurch, dass er ihren Betrug aufdeckte, ihr heimliches Tun an den Pranger stellte und die Geheimnisse ihres Herzens offenbarte.

Beachte aber, wie er noch nicht offen gegen das Speisegebot aufzutreten wagt. Deshalb sagte er auch nicht: Die Speisen, sondern: "Nicht was eingehet in den Mund, verunreinigt den Menschen"; Das konnte man ebensogut auch von den ungewaschenen Händen verstehen. Er redet allerdings nur von den Speisen, man konnte es aber auch auf die ungewaschenen Hände beziehen. Soviel galt nämlich bei ihnen das Speisegebot, dass Petrus nach der Auferstehung noch sprach: "Nie, o Herr, aß ich irgend etwas Gemeines oder Unreines"2 . Dies sagte er freilich nur der anderen wegen, um sich gegen etwaige Angriffe den Rücken zu decken, d.h. um zu beweisen, dass er zwar Einsprache erhoben, aber nichts damit erreicht habe; gleichwohl zeigt der Vorfall, dass man dieser Sache große Wichtigkeit beimaß. Eben deshalb redet der Herr selbst zuerst nicht offen von den Speisen, sondern sagt: "Was eingeht in den Mund", und als er dann deutlicher zu sprechen schien, verhüllt er den Sinn schließlich wieder mit den Worten: "Mit ungewaschenen Händen zu essen, verunreinigt den Menschen nicht", damit es den Anschein gewinne, als ob er davon ausgegangen sei und immer nur davon gesprochen habe. Darum sagte er nicht: Der Genuß der Speisen verunreinigt den Menschen nicht, sondern er redet so, als spräche er vom Essen mit ungewaschenen Händen, damit ja die Gegner nichts einzuwenden hätten. Als sie das hörten, heißt es, nahmen sie Anstoß, nämlich die Pharisäer, nicht das Volk. Denn:

V.12: "Darauf traten seine Jünger zu ihm hin und sagten: Weißt Du, dass die Pharisäer Ärgernis nahmen, als sie diese Rede hörten?"

Und doch war nichts gegen sie gesagt worden. Was tat nun Christus? Er beseitigte den Stein des Anstoßes nicht, sondern schalt noch mit den Worten:

V.13: "Jegliche Pflanzung, welche nicht mein himmlischer Vater gepflanzt hat, wird ausgerottet werden."

Er wußte wohl, welche Ärgernisse man mißachten dürfe, und welche nicht. Ein andermal sagte er nämlich: "Damit wir sie nicht ärgern, wirf die Angel aus"3 ; hier aber sagt er:

V.14: "Lasset sie! Blinde sind sie und Führer von Blinden! Wenn aber ein Blinder einen Blinden führt, werden beide in die Grube fallen."

Die Jünger aber hatten ihre Vorstellung nicht bloß deshalb gemacht, weil sie wegen der Pharisäer betrübt waren, sondern auch, weil sie selbst bis zu einem gewissen Grade sich beunruhigt fühlten. Da sie sich jedoch nicht getrauten, für ihre eigene Person zu reden, so reden sie von den anderen, um Belehrung zu erhalten. Dass dem so ist, kannst du daraus entnehmen, dass Petrus, der ein feuriges Temperament besaß und überall in den Vordergrund trat, hernach zu ihm kam und sagte:

V.15: "Erläutere uns dieses Gleichnis."

Er läßt die Unruhe seiner Seele durchblicken, wagt jedoch nicht offen zu sagen: Ich nehme Anstoß an der Sache, sondern bittet um eine Erläuterung, um so von seiner Unruhe befreit zu werden; deshalb erhielt er auch einen Verweis. Warum sagt nun Christus: "Eine jede Pflanzung, welche mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, wird ausgerottet werden"? Die vom Manichäismus angesteckt sind, behaupten, diese Worte bezögen sich auf das Gesetz. Allein das früher Gesagte muß sie zum Schweigen bringen. Denn wenn er das vom Gesetz gesagt hätte, wozu hätte er es da vorher verteidigt und wäre dafür eingetreten, als er sprach: "Warum übertretet auch ihr das Gebot Gottes wegen eurer Überlieferung?" Wie könnte er da den Propheten anführen? Nein, nicht dem Gesetze, sondern den Pharisäern und ihrer Überlieferung galten seine Worte. Gott hat ja gesprochen: "Ehre Vater und Mutter."Wie sollte nun das, was Gott selbst gesagt hat, nicht eine Pflanzung Gottes sein?

1: das will nämlich der Evangelist andeuten durch die Worte: Er rief sie zu sich
2: Apg 10,14
3: Mt 17,26

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger