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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)
Einundfünfzigste Homilie. Kap. XV, V,1-20.

2.

Der Herr sagte also nicht "1 der Alten", sondern "wegen eurer" Überlieferung; und "ihr sagt", spricht er, nicht "die Alten sagten", um so seine Rede schonender zu gestalten. Denn da sie seine Jünger als Gesetzesübertreter hinstellen wollten, zeigt er, dass sie diesen Vorwurf nicht verdienen, während gerade jene selbst tun, was sie anderen vorwerfen. Denn was von Menschen bestimmt wird, und noch dazu von solchen, die so sehr selbst gegen das Gesetz verstoßen, das ist kein Gesetz2 . Und weil es nicht gegen das Gesetz war, wenn man befahl, die Hände zu waschen, so führt er eine andere Überlieferung an, die wirklich dem Gesetze zuwiderlief. Was er aber sagt, ist das: Sie lehrten die Jugend unter dem Vorwande der Gottesverehrung ihre Väter verachten. Wie? Auf welche Weise? Wenn eines von den Eltern zu dem Kinde sagte: Gib mir das Schaf, das du hast, oder das Kalb oder etwas anderes der Art, so erwiderten sie: Was du von mir haben willst, ist eine für Gott bestimmte Gabe, du kannst es daher nicht erhalten. Dadurch wurde das Böse verdoppelt: denn sie brachten es Gott nicht dar, und ihren Eltern versagten sie es ebenfalls, unter dem Vorwand, es sei ein Opfer; so frevelten sie an den Eltern, indem sie sich auf Gott beriefen, und an Gott, indem sie sich auf die Eltern beriefen. Er sagt das aber nicht ohne weiteres, sondern führt zuerst das Gesetz an, durch welches er zeigt, es sei sein ausgesprochener Wille, dass die Eltern geehrt werden. Er sagt: "Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass du lange lebst", ferner: "Wer seinem Vater oder seiner Mutter flucht, der soll des Todes sterben." Er übergeht jedoch den Lohn, der denen verheißen ist, die ihre Eltern ehren, und hebt dafür das Schreckenerregende hervor, nämlich die Strafe, die den Verächtern ihrer Eltern angedroht ist; er will sie dadurch erschüttern und die Vernünftigen an sich ziehen; auch zeigt er damit, dass jene des Todes schuldig sind. Wenn schon derjenige gestraft wird3 , der die Eltern mit einem Worte verunehrt, wieviel mehr ihr, die ihr es im Werke tut, die ihr sie nicht bloß selber verunehrt, sondern auch noch andere dazu anleitet. Ihr solltet demnach nicht einmal mehr am Leben sein; wie dürftet ihr da meine Jünger anklagen? Indes, was darf man sich wundern, wenn ihr gegen mich so frevelt, der ich euch bisher unbekannt geblieben bin, da man euch sogar gegen den eigenen Vater so handeln sieht? Überall sagt und zeigt er nämlich, dass daher ihre Frechheit rühre. Den Satz: "Ein Geschenk, was dir zum Nutzen sein soll", legen manche anders aus, nämlich: Ich schulde dir keine Ehrfurcht, sondern ich erweise dir einen Gefallen, wenn ich dich ehre. Aber eine solche Frechheit hätte Christus gar nicht erwähnt. Markus legt diese Sache klarer dar, indem er sagt: "Corban ist, was immer dir von mir her zum Nutzen sein soll"4 . Corban heißt nämlich nicht Gabe oder Geschenk schlechthin, sondern im eigentlichen Sinne Opfergabe.

Nachdem er also gezeigt, dass sie nicht berechtigt waren, die Übertreter der Überlieferung der Alten anzuklagen, weil sie ja selbst das Gesetz übertraten, beweist er dasselbe auch aus den Propheten. Nachdem er sie gründlich überführt hat, geht er jetzt einen Schritt weiter. So macht er es übrigens jedesmal: Er führt die Hl. Schrift an und beweist durch sie, dass er mit Gott übereinstimmt. Was sagt nun der Prophet?

V.8: "Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, ihr Herz aber ist weit von mir5 .

V.9: Umsonst aber verehren sie mich, indem sie6 Lehren lehren, Menschengebote." Siehst du, dass die Weissagung genau zu dem paßt, was Christus gesagt hatte, und dass ihre Bosheit schon lange zuvor vorausgesagt worden? Denn was Christus ihnen jetzt vorhält, das hat Isaias schon früher gesagt, nämlich, dass sie die Gebote Gottes verachten. Denn "umsonst verehren sie mich", spricht er; ihre eigenen Satzungen halten sie hoch, denn "sie lehren Gebote, Lehren der Menschen". Mit vollem Rechte braucht man sie daher nicht zu beobachten. Da er ihnen so einen tödlichen Schlag versetzt und seine Anklage gegen sie aus den Tatsachen, aus ihrem eigenen Urteile und aus den Propheten erhärtet hat, so richtet Jesus das Wort nicht weiter an sie, da sie ja doch unverbesserlich waren, sondern wendet sich an die Volksscharen, um eine Lehre vorzutragen, die erhaben und groß und voll tiefer Weisheit ist. Er nimmt den vorliegenden Fall zum Anlaß, um etwas Größeres daran anzuknüpfen: er hebt das Speisegebot auf. Beachte zunächst, wann er dies tut. Nachdem er den Aussätzigen gereinigt, nachdem er den Sabbat aufgehoben, sich selbst als König der Erde und des Meeres gezeigt, Gesetze gegeben, Sünden nachgelassen, Tote erweckt und viele andere Beweise seiner Gottheit ihnen gegeben, da spricht er über die Speisen.

1: wegen der Überlieferung
2: darum heißt er es auch nur Überlieferung
3: so will er sagen
4: Mk 7,11
5: Jes 29,13
6: ihre eigenen

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger