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Theodoret von Cyrus († 466)
Mönchsgeschichte
(Historia Religiosa)

 [S. 21] Prolog

Schön ist es, die Kämpfe der trefflichsten Männer und Tugendstreiter zu sehen und mit dem Blicke des Auges daraus Nutzen zu ziehen. Denn wird das Lobenswerte geschaut, so erscheint es des Besitzes wert und liebenswürdig und drängt die Betrachter zur Erwerbung. Aber auch die Erzählungen solcher Großtaten bringen nicht geringen Nutzen, wenn sie von Wissenden den Ohren Nichtwissender übermittelt werden. Zuverlässiger wohl, sagen manche, denn das Gehör sei das Gesicht, aber auch das Gehör wird glaubwürdig, wenn es das Erzählte nach der Wahrhaftigkeit der Erzähler beurteilt. Denn wie der Zunge und dem Gaumen die Aufgabe zufällt, über bitter und süß und dergleichen Eigenschaften zu entscheiden und darnach das Urteil zu fällen, so ist das Gehör mit der Beurteilung der Reden betraut und weiß die nutzbringenden von den schädlichen zu unterscheiden. Wenn nun das Gedächtnis die nutzbringenden Erzählungen ungetrübt festhielte und nicht die schädigende Vergessenheit, die wie ein Dunkel sich darauf legt, schwächend an ihm arbeitete, so wäre es überflüssig und Zeitverlust, derlei Dinge niederzuschreiben, da ihr Wert ja so leicht von Generation zu Generation weiterginge. Wie aber die Zeit dem Leibe schadet, indem sie ihm Alter und Tod bringt, so setzt sie den herrlichen Taten durch Vergessenheit zu, indem sie die Erinnerung schwächt. Darum wird es uns sicherlich niemand verübeln, wenn wir es unternehmen, das Leben gottseliger Männer aufzuzeichnen. Denn wie die, welche den Beruf haben, den Körper zu heilen, im Kampfe gegen die Krankheit Arzneien bereiten und damit den Leidenden Hilfe bringen, so gleicht auch die Liebesmühe einer derartigen Schrift einem übelwehrenden Medikamente, das wider das Vergessen ficht und helfend zum Gedächtnisse steht. Wäre es nicht ungereimt, daß Dichter und Geschichtschreiber die Heldentaten im Kriege niederschrieben, Tragöden die besser verheimlichten [S. 22] Unfälle vor dem Volke sängen und ihr Andenken schwarz auf weiß vererbten, daß andere die Worte vergeudeten zu Komödien und Gelächter, wir aber geringschätzig Männer der Vergessenheit übergäben, welche in sterblichem und leidenschaftsfähigem Leibe Leidenschaftslosigkeit gezeigt und mit der Natur der Engel gewetteifert? Verdienten wir da nicht gerechte Strafe, wenn wir das Gedächtnis dieser bewunderungswürdigen Kämpfe unbekümmert Nacht und Finsternis überwiesen? Sie selbst haben die hohe Tugend1 der früheren Heiligen nachgeahmt, nicht in Erz und Buchstaben ihr Andenken eingrabend, sondern ihr ganzes Tugendstreben im eigenen Ich abformend, lebendige Bilder und Statuen gleichsam geworden. Welche Entschuldigung gäbe es da für uns, wenn wir nicht einmal durch das geschriebene Wort ihr ruhmvolles Leben ehrten? Empfangen doch solche Ehrung die Fechter und Kämpfer in den olympischen Spielen, die man durch Standbilder auszeichnet, und die Wagenlenker, die als Sieger aus dem Pferderennen hervorgehen. Und nicht bloß diese. Sogar verweichlichte Halbmänner, von denen man nicht weiß, sind sie Mann oder Weib, die bei solchen Schaustellungen ständige Gäste sind, malen sie auf Tafeln und suchen ihr Andenken so lange als möglich zu erhalten. Zwar bringt ihr Gedächtnis für die Seelen nur Unheil und nicht Nutzen. Aber desungeachtet ehren die Freunde hier wie dort die Verderbenstifter in Bildnissen. Da der Tod Zerstörung übt an der sterblichen Natur, mischen sie Farben und bringen ihr Bild auf das Getäfel. So sinnen sie das Andenken zu verlängern weit über das Leben hinaus.

Wir aber stellen eine Lebensart dar, die die Tugend lehrt und dem Wandel im Himmel nachstrebt. Wir malen nicht körperliche Züge, noch zeigen wir unsere Bildnisse Leuten, die sie nicht fassen. Wir zeichnen die Gestalten unsichtbarer Seelen und schildern Kriege und Kämpfe, die man nicht sehen kann. Mit solcher [S. 23] Vollrüstung hat der Führer und Vorkämpfer in diesem Heere, Paulus, sie bekleidet. „Ergreifet die Vollrüstung Gottes,” spricht er, „damit ihr widerstehen könnt am bösen Tage und, alles bezwingend, feststehen könnet2.” Und wiederum: „Stehet und umgürtet euere Hüften mit Wahrheit und leget an den Panzer der Gerechtigkeit und bekleidet die Füße mit Bereitwilligkeit für das Evangelium des Friedens, in allem ergreifet den Schild des Glaubens, mit dem ihr alle feurigen Geschosse des Bösewichtes löschen könnt, und leget an den Helm des Heiles und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes3.” In dieser Vollrüstung führte er sie zum Kampfe. Derart ist auch die Natur der Feinde: unkörperlich, unsichtbar, im Dunkeln angreifend, heimlich nachstellend, aus dem Hinterhalt plötzlich hervorbrechend. Auch dieses lehrte wieder der Heerführer: „Uns ist nicht Kampf gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Herrschaften, gegen die Gewalten, gegen die Beherrscher der Finsternis dieser Welt, gegen die Geisterwelt der Bosheit in der Luft4.”

Aber obgleich die Schar dieser Heiligen solche Widersacher hatte oder vielmehr ein jeder aus ihnen von so vielen und so gearteten Feinden umringt war ― denn sie pflegten nicht alle zusammen anzugreifen, sondern überfielen bald diesen, bald jenen ―, so errangen sie dennoch einen glänzenden Sieg, so daß die Feinde flohen und sie dieselben kraftvoll verfolgten und ungehindert ihre Trophäen errichteten. Den Sieg verschaffte ihnen nicht die Natur, denn die ist sterblich und voll von Leiden, sondern der starke Wille, der die Gnade auf sich herabzog. Denn heiß war ihre Liebe zur göttlichen Schönheit, und freudig wollten sie alles für den Geliebten tun und leiden. So ertrugen sie heldenmütig den Ansturm der Leiden, schlugen kraftvoll den Hagel der teuflischen Geschosse ab und züchtigten, um mit dem Apostel zu reden, ihren Leib und brachten ihn in Knechtschaft5. Sie besänftigten die Glut des [S. 24] Zornes, die Wut der Begierden zügelten sie. Durch Fasten und Schlafen auf der Erde stillten sie die Leidenschaften, brachten deren Anfälle zur Ruhe und zwangen den Körper, mit der Seele ein Bündnis zu schließen. So beendeten sie den der Natur eingepflanzten Krieg und schlugen durch solchen Friedensschluß den Haufen der Widersacher in die Flucht. Da diese auf rein geistigem Wege ihre Gedanken nicht übermitteln können, der Beihilfe der menschlichen Organe aber beraubt waren, so war es mit dem Kriege aus. Denn als Waffe gegen uns bedient sich der Teufel unserer Organe. Läßt sich das Auge nicht ködern und das Ohr sich nicht berücken und das Gefühl sich nicht betören und vernimmt der Geist so keine bösen Ratschläge, so sind ihre eifrigen Nachstellungen vergeblich. Denn wie eine Stadt, die auf der Höhe erbaut, mit starken Wällen befestigt und von tiefen Gräben umgeben ist, kein Feind zu erobern vermag, wenn nicht einer von innen Verrat übt und das oder jenes Pförtchen öffnet, so ist es den von außen angreifenden Dämonen unmöglich, Herr zu werden über eine Seele, die der Wall der göttlichen Gnade beschützt, wenn nicht das Entgegenkommen eines Gedankens das Türchen eines unserer Sinne aufschließt und den Feind so hereinläßt.

Da dies unsere Helden sehr wohl aus der göttlichen Schrift gelernt und das Wort Gottes durch den Propheten vernommen hatten: „Der Tod stieg durch die Fenster ein6”, verschlossen sie wie mit Riegeln und Schlössern ihre Sinne mit den göttlichen Geboten und übergaben die Schlüssel dazu dem Verstande. Zunge und Lippen wurden nicht geöffnet, wenn nicht der Verstand es befahl; dem Auge wurde nicht gestattet, aus den Lidern zu blicken, und das Ohr, das den Zugang nicht versperren kann wie Augenlider und Lippen, wies die törichten Reden ab und ließ nur die zu, an denen der Verstand seine Freude hatte. Und so erzogen sie auch den Geruchsinn, nicht nach lieblichen Düften zu verlangen, da diese ihrer Natur nach verweichlichen und erschlaffen. Sie bannten des Bauches Sättigung und [S. 25] lehrten ihn Speisen nehmen, die nicht Lust bereiten, sondern das Bedürfnis stillen, und hiervon nur so viel, was den Hungertod fernzuhalten vermochte. Sie brachen die süße Tyrannei des Schlafes und befreiten die Augenlider von dessen Knechtschaft und erzogen sie zum Herrschen und nicht zum Dienen. Und in ihre Dienste sollten sie ihn nehmen, nicht wenn er kommen wolle, sondern wenn sie ihn herbeiriefen zu einer kleinen Unterstützung der Natur.

Indem sie so sorgsam Wache hielten über die Mauern und die Tore und den Gedanken im Innern Eintracht geboten, konnten sie über die von außen andringenden Feinde lächeln. Sie vermochten dank der Sicherung durch die göttliche Gnade mit Gewalt nicht einzubrechen. Auch ein Verräter fand sich nicht, der die Unholde hätte einlassen wollen. Und dem sichtbaren Körper, der den Gesetzen der Natur unterliegt, konnten die Feinde bei ihrer unsichtbaren Natur nichts anhaben. Sein Lenker und Dirigent und Steuermann führt trefflich die Zügel und treibt die Pferde zu geordnetem Laufe und läßt rhythmisch die Saiten der Sinne zu vollharmonischem Klange ertönen. Indem er kundig das Steuerruder bewegt, überwindet er den Drang der Wellen und den Ansturm der Winde.

Männer also, die in unzähligen Mühen den Lebensweg gegangen, in Schweiß und Mühen den Körper gebändigt, die Lachen nicht kannten, sondern in Trauer und Tränen ihr ganzes Leben verbrachten, für sybaritische Lust das Fasten erachteten, für süßesten Schlaf die beschwerlichen Nachtwachen, für weiches Lager den harten Boden, für unermeßliche und unfaßbare Wonne die Beschäftigung mit Gebet und Psalmengesang ― sie, die alle Arten von Tugend in sich vereinigten ―, wer sollte sie nicht billig bewundern, oder vielmehr, wer könnte sie nach Gebühr preisen? Ich weiß nun wohl, daß an ihre Tugend kein Wort heranreicht, aber gleichwohl muß die Arbeit unternommen werden. Denn es wäre unbillig, wenn sie dafür, daß sie im Vollmaße Freunde der wahren Philosophie gewesen, nicht wenigstens das mögliche kleine Lob bekommen sollten.

[S. 26] Ich werde aber nicht ein gemeinsames Lob für alle schreiben; denn verschiedene Gaben sind ihnen von Gott verliehen, wie der selige Paulus lehrt: „Dem einen ist vom Geiste das Wort der Weisheit gegeben, einem andern das Wort der Wissenschaft nach demselben Geiste, einem andern die Gaben der Heilungen nach demselben Geiste, einem andern Wirken von Kräften, einem andern Prophetie, einem andern Erklärung von Sprachen7.” Und indem er die Quelle von allen angibt, fährt er fort: „Dieses alles wirkt der eine und derselbe Geist, der insbesondere jedem zuteilt, wie er will.” Da sie also verschiedene Gaben erlangt haben, müssen wir naturgemäß in gesonderten Erzählungen berichten, freilich nicht auf alles, was sie geleistet haben, eingehend, denn zu einer solchen Schrift würde ein ganzes Leben nicht hinreichen. Wir wollen nur Weniges aus dem Leben und Tun des einzelnen Helden mitteilen und in diesem Wenigen die Richtung seines Lebens klar legen. Dann wollen wir zu einem anderen übergehen.

Wir versuchen nun nicht, die Lebensweise aller Heiligen, die auf dem ganzen Erdkreise sich ausgezeichnet haben, der Geschichte zu überliefern; denn wir kennen ja nicht alle, die irgendwo geglänzt haben. Auch ist es nicht möglich, daß sie von Einem beschrieben werden. Nur das Leben der Leuchten werde ich beschreiben, welche im Morgenlande geglänzt und deren Strahlen die Enden des Erdkreises erreicht haben.

Erzählend wird die Darstellung fortschreiten, nicht nach den Gesetzen der Lobrede, sondern kunstlos werde ich einiger Weniger Lebensgeschichte geben. Ich bitte aber den Leser dieser „Religiösen Geschichte” oder „Aszetischen Lebensweise” (es nenne die Schrift jeder, wie er wolle), dem Erzählten den Glauben nicht zu versagen, wenn er hört, was über seine Kräfte geht, und nicht nach sich die Tugend jener zu bemessen. Man muß darüber sich klar sein, daß Gott nach dem Eifer der Frommen die Gaben des Heiligen Geistes zu bemessen pflegt: den Vollkommeneren verleiht er Größeres. Das sage ich jenen, die nicht sehr tief in die göttlichen [S. 27] Dinge eingeweiht sind. Denn die in die Tiefen des Geistes eingeweiht sind, kennen die Großmut des Geistes. Sie wissen, was für Wunder er für Menschen durch Menschen wirkt, um durch die Großartigkeit der Wunderwerke die Ungläubigen zur Gotteserkenntnis heranzuziehen. Wer aber unseren Erzählungen den Glauben versagt, der muß offenbar auch das, was von Moses, Josue, Elias und Elisäus vollbracht worden ist, bezweifeln, ja sogar die von den Aposteln gewirkten Wunder für Fabeln erklären. Wenn er aber jenen die Wahrheit zuerkennt, so soll er auch diese nicht für erlogen halten. Denn die Gnade, die in jenen wirkte, hat auch durch diese sich betätigt. Die Gnade ist unversieglich, sie wählt sich die Würdigen aus und ergießt durch sie wie aus Quellen die Ströme der Wohltaten.

Von manchem des Erzählten war ich Augenzeuge. Was ich nicht selbst gesehen habe, hörte ich von denen, die sie gesehen hatten, von Männern, Liebhabern der Tugend, welche des Anblicks und der Lehren jener Helden gewürdigt worden waren. Glaubwürdig als evangelische Berichterstatter sind nicht bloß Matthäus und Johannes, die ersten und großen Evangelisten, welche Augenzeugen der Wunder des Herrn waren, sondern auch Lukas und Markus, welche Augenzeugen von Anbeginn und Diener des Wortes genau belehrten über alles, was der Herr gelitten und gewirkt und bis ans Ende gelehrt hatte. Und Lukas, der kein Augenzeuge gewesen, erklärt im Anfange seiner Schrift, daß er berichte über das, worüber er vollkommen vergewissert sei. Und wir, die wir von ihm vernehmen, daß er kein Augenzeuge des von ihm Erzählten sei, sondern von andern die Belehrung erhalten habe, glauben ihm und dem Markus nicht weniger als dem Matthäus und Johannes. Denn beide Gruppen sind glaubwürdig in ihren Berichten, da sie beide von Augenzeugen belehrt wurden. So werden auch wir einiges erzählen als Augenzeuge, anderes im Vertrauen auf die Berichte von Augenzeugen, Männern, die das Leben jener nachgeahmt haben.

Ich habe mich hierüber ausführlicher ausgesprochen, um die Leser zu überzeugen, daß ich Wahrheit rede. So beginne ich nun die Erzählung.

1: Im Griechischen φιλοσοφία, was in diesem Zusammenhange in der frühchristlichen Sprechweise das durch das Mönchtum verkörperte christliche Lebensideal bedeutet.
2: Eph. 6, 13.
3: Ebd. (Eph.) 6, 14―17.
4: Ebd. (Eph.) 6, 12.
5: 1 Kor. 9, 27.
6: Jer. 9, 21 [Jer. 9, 20].
7: 1 Kor. 12, 8―10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger