Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Theodoret von Cyrus († 466) - Mönchsgeschichte (Historia Religiosa)

6. Symeon der Ältere

Wer mit Absicht Symeon den Älteren überginge und das Andenken an seine hohe Tugend der Vergessenheit überlieferte, der könnte dem Vorwurfe der Ungerechtigkeit und des bösen Willens nicht entgehen, da er das äußerst Lobenswerte nicht lobte und denen, die daraus Nutzen ziehen wollen, Nachahmenswertes vorenthielte. Ich aber will, nicht aus Furcht vor Tadel, sondern aus Verlangen, ihn zu loben, seinen Wandel erzählen.

Dieser pflegte sehr lange Zeit das Einsiedlerleben und wohnte in einer kleinen Höhle ohne jeden menschlichen Trost, denn er wollte allein sein und redete unaufhörlich mit dem Gott des Alls. Als Nahrung dienten ihm eßbare Kräuter. Die Anstrengung verschaffte ihm reiche Gnaden von oben, so daß er auch den stärksten und mutigsten wilden Tieren gebot. Dies wurde nicht bloß den Christen, sondern auch ungläubigen Juden kund. Geschäftehalber reisten solche nach einer der Festungen, die außerhalb unseres Gebietes liegen. Da ein starker Regen fiel und ein Sturmwind dazu kam, verfehlten sie den Weg, weil sie den Boden vor sich nicht sehen konnten. So irrten sie in der Wüste umher und konnten kein Dorf, keine Höhle, keinen Wanderer finden. Mitten auf dem Festlande wie Schiffer vom Sturme umhergetrieben, stießen sie wie auf einen Hafen auf die Höhle des göttlichen Symeon und sahen da einen verwilderten und schmutzigen Menschen mit einem kurzen Flaus über den Schultern. Der erblickte sie und grüßte, denn er war sehr leutselig und fragte sie nach der Ursache ihres Kommens. Als sie ihr Geschick erzählt hatten und ihn baten, ihnen den Weg nach der Feste zu zeigen, sagte er: „Bleibet, und alsbald werde [S. 75] ich euch Führer geben, die den verlangten Weg zeigen werden.” Diese waren damit einverstanden und ruhten etwas aus. Wie sie nun dasaßen, kamen zwei Löwen herbei, nicht grimmig dreinblickend, sondern wie einem Herrn ihm schmeichelnd und ihren Dienst ihm anbietend. Diesen nickte er zu und befahl ihnen, die Fremden zu geleiten und auf den Weg zurückzuführen, von dem sie abgeirrt waren. Niemand möge diese Geschichte für Fabel halten. Sind doch die gemeinsamen Feinde der Wahrheit hier Zeugen für die Wahrheit. Denn sie, denen die Wohltat zuteil wurde, hören nicht auf, sie laut zu verkünden. Und dieses hat mir der große Jakobus berichtet, der sagte, er sei zugegen gewesen, da sie das Wunder dem gottseligen Maron erzählten. Wer nun den Juden, die ein Wunder der Christen bezeugen, keinen Glauben schenken will, muß man den nicht für ungläubiger als die Juden erachten? Feinde geben sich gefangen und beugen sich den Strahlen der Wahrheit. Die aber als Freunde und Genossen im Glauben gelten, glauben nicht den Feinden, welche die Kraft der Gnade bezeugen.

Durch diese Wundertaten wurde der gottselige Mann berühmt und zog viele Barbaren der Nachbarschaft heran. Es bewohnen jene Wüste, die sich Ismaels als ihres Stammvaters rühmen. Da er aber die Ruhe suchte, sah er sich genötigt, seine Höhle zu verlassen, und nachdem er einen langen Weg zurückgelegt hatte, gelangte er an einen Berg, Amanos genannt. Diesen Berg, der ehedem strotzte von unsinnigem Götzendienst, kultivierte er durch viele und mannigfache Wunder und pflanzte dort die Frömmigkeit, die jetzt noch geübt wird. Alle aufzuzählen, wäre mühsam, vielleicht mir auch unmöglich. Ein Begebnis jedoch muß ich erwähnen, das ich gleichsam als Kennzeichen seiner apostolischen und prophetischen Wunderkraft vorlege. Den Lesern aber überlasse ich es, daraus zu erkennen, welche Kraft der Gnade er empfangen hatte.

Es war Sommer und die Erntezeit, und die Garben wurden auf die Tenne gebracht. Ein Mann, mit dem rechtmäßigen Arbeitsertrage nicht zufrieden und gierig nach fremdem Gute, stahl einige Garben des [S. 76] Nachbarn und versuchte den eigenen Haufen dadurch zu vergrößern. Aber sogleich traf ihn für den Diebstahl das Gericht Gottes. Es fiel ein Blitz, und die Scheune brannte nieder. Jener Elende kam zu dem Manne Gottes, der nicht weit von dem Dorfe wohnte, und erzählte ihm den Vorfall, suchte aber den Diebstahl zu verheimlichen. Als ihm jedoch geboten wurde, die Wahrheit zu sagen, gestand er den Diebstahl, denn sein Unglück zwang ihn, sich selbst anzuklagen. Der gottselige Mann befahl ihm, durch Beseitigung der Ungerechtigkeit die Strafe aufzuheben. „Denn”, sagte er, „wenn du jene Garben zurückerstattest, wird das gottgesandte Feuer erlöschen.” Da hätte man sehen sollen, wie der lief, dem Geschädigten die Ähren zu bringen. Der Brand aber erstarb ohne Wasser auf das Gebet und die Fürsprache des göttlichen Greises hin. Das erfüllte mit Furcht nicht bloß die Nachbarschaft, sondern die ganze Stadt Antiochien, unter deren Herrschaft das Dorf stand, und es veranlaßte sie, dorthin zu eilen, die einen um Befreiung von teuflischer Anfechtung, andere um Heilung des Fiebers, andere um Erlösung von sonstigem Übel. Er aber teilte reichlich die Ströme der in ihm wohnenden Gnade aus.

Wieder nach Ruhe sich sehnend, wünschte er nach dem Berge Sinai sich zu begeben. Als dies viele der Besten, welche dasselbe aszetische Leben mit ihm befolgten, hörten, kamen sie herbei und verlangten mit ihm die Wanderschaft zu teilen. Nachdem sie nun mehrere Tage lang gegangen und in die sodomitische Wüste gelangt waren, sahen sie von weitem Hände eines Mannes, die aus der Tiefe in die Höhe sich reckten. Da sie zuerst einen Betrug des Teufels befürchteten, beteten sie gar eifrig. Als aber das Schauspiel nicht verschwand, gingen sie auf den Platz zu und gewahrten da eine kleine Grube, wie sie sich die Füchse als Schlupfwinkel zu graben pflegen, sahen aber niemand, der sich daselbst gezeigt hätte. Als nämlich der Mann, der die Hände emporstreckte, die Fußtritte hörte, hatte er sich in das Innere des Schlupfwinkels versteckt. Der Greis bückte sich hinein und bat den Insassen gar sehr, sich doch sehen zu lassen, wenn er menschliche Natur [S. 77] besäße und nicht ein trügerischer Teufel wäre, der solches vorspiegele. „Denn”, sagte er, „auch wir pflegen das aszetische Leben, und nach Ruhe verlangend, irren wir in dieser Wüste umher, um auf dem Berge Sinai den Gott des Alls zu verehren, wo er dem Diener Moses sich zeigte und mit ihm sich unterhielt und ihm die Tafeln des Gesetzes übergab. Nicht weil wir glaubten, daß Gott auf einen Ort eingeengt sei; denn wir hören, wie er erklärt: ‚Himmel und Erde erfülle ich, spricht der Herr1’, und ‚den Umkreis der Erde hat er inne und die auf ihm wohnen wie Heuschrecken2’, sondern weil die heiß Liebenden nicht bloß nach den Geliebten sehnlichst verlangen, sondern auch die Orte ihnen liebenswert sind, die sich ihrer Gegenwart und ihres Verkehrs erfreuten.” Da der Greis dies und Ähnliches redete, kam der in dem Schlupfwinkel verborgene Mann hervor. Er war wild anzusehen, mit struppigem Haar, das Gesicht runzelig, alle Glieder des Körpers ausgedörrt, gehüllt in ärmliche Lumpen, die mit Palmschößlingen zusammengenäht waren. Nachdem er sie begrüßt und den Frieden gewünscht, fragte er, wer sie seien und woher sie kämen und wohin sie gingen. Diese beantworteten die Frage und erkundeten nun ihrerseits, woher er gekommen und warum er doch diese Lebensweise ergriffen habe. Er aber: „Auch ich hatte dasselbe Verlangen wie ihr bei eurer Reise und hatte als Weggenossen einen gleichgesinnten Freund gewählt, der dasselbe Ziel mit mir teilte. Wir verpflichteten uns gegenseitig unter Eid, daß nicht einmal der Tod unser Zusammensein lösen sollte. Auf der Reise nun begab es sich, daß jener an diesem Orte starb. Ich aber, durch den Eidschwur gebunden, machte so gut ich konnte eine Grube und übergab den Leib dem Grabe. Neben diesem Leichnam habe ich mir ein anderes Grab gegraben und erwarte da das Ende meines Lebens und bringe dem Herrn den gewohnten Dienst dar. Als Nahrung dienen mir die Früchte der Palme, welche mir ein Bruder bringt, dem es von meinem Fürsorger aufgetragen ist.” [S. 78] Während er so sprach, zeigte sich von ferne ein Löwe. Die Begleiter des Greises wurden von Todesschrecken befallen. Da dies der Bewohner der Höhle merkte, stand er auf und winkte dem Löwen, auf die andere Seite sich zu begeben. Dieser gehorchte sogleich und kam mit einer Traube Datteln. Dann wandte er sich um und lief wieder fort und legte sich abseits der Männer schlafen. Nachdem der Alte die Datteln an alle verteilt hatte, verrichtete er gemeinsam mit ihnen das Gebet und den Psalmengesang. Dann entließ er sie liebevoll gegen Morgen, sie, die voll des Staunens waren über das neue Wunder.

Wenn jemand dem Gesagten keinen Glauben schenken will, der denke an die Lebensgeschichte des Elias und den Dienst, den ihm die Raben leisteten, die ihm in der Frühe Brot, gegen Abend aber regelmäßig Fleisch brachten. Leicht ist es dem Schöpfer der Welt, mannigfache Wege für die Versorgung der Seinigen zu finden. So bewahrte er in dem Bauche des Fisches den Jonas drei Tage und drei Nächte und bewirkte, daß die Löwen in der Grube den Daniel anstaunten und machte, daß das leblose Feuer vernünftig handelte, die drinnen erleuchtete und die draußen verbrannte. Doch ich halte es für überflüssig, Beweise für die göttliche Macht vorzubringen.

Nachdem der wunderbare Greis nun den ersehnten Berg erreicht hatte, soll er an dem Orte, wo Moses Gott zu schauen gewürdigt wurde ― zu schauen insoweit es einer sterblichen Natur möglich ist ―, in die Knie gesunken und nicht eher aufgestanden sein, bis er eine göttliche Stimme vernahm, die ihm das Wohlgefallen des Herrn kündete. Wie er so eine ganze Woche in gebeugter Stellung verbracht, ohne die geringste Nahrung zu nehmen, befahl ihm eine Stimme, das Vorgesetzte zu nehmen und bereitwillig zu essen. Und er streckte die Hand aus und fand drei Äpfel und aß sie, wie ihm geboten. Und er wurde mit aller Kraft erfüllt, und freudig, wie natürlich, begrüßte er seine Gefährten. Froh und frohlockend kam er zurück. Hatte er doch eine göttliche Stimme vernommen und abermals von Gott gegebene Speise gekostet.

[S. 79] Zurückgekehrt, baute er zwei Pflegestätten der Aszese, eine auf dem Rücken des genannten Berges, die andere unten am Fuße. In beiden versammelte er Streiter der Tugend und war in dieser wie in jener Anführer und Lehrer. Er belehrte sie über die Angriffe des bösen Feindes, verhieß ihnen das Wohlgefallen des Preisgebers, ermunterte sie, mutig zu streiten, erfüllte sie mit Einsicht; er ermahnte sie, gegen die Genossen bescheiden zu sein, aber gegen den Feind befahl er ihnen Geistesstärke zu zeigen. Solches lehrend, so lebend, so große Wunder wirkend und die vielfachen Strahlen der Tugend aussendend, kam er an das Ende seines mühereichen Daseins und ging hinüber zu dem Leben ohne Alter und Leid, unvergänglichen Ruhm und ein Andenken, das ewig bleibt, hinterlassend. Seines Segens erfreute sich, während er lebte, meine selige und dreimal selige Mutter, und sie hat mir oft vieles von ihm erzählt. Ich aber bitte, mich seiner jetzigen Macht und Fürbitte erfreuen zu dürfen, und ich weiß, daß ich dies erlangen werde: denn, die Menschenfreundlichkeit des Herrn nachahmend, wird er die Bitte erfüllen.

1: Jer. 23, 24.
2: Is. 40, 22.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Allgemeine Einleitung zu Theodoret
Bilder Vorlage

Navigation
. .  Prolog
. . 1. Jakobus
. . 2. Julianus
. . 3. Markianus
. . 4. Eusebius
. . 5. Publius
. . 6. Symeon der ...
. . 7. Palladius
. . 8. Aphraates
. . 9. Petrus
. . 10. Theodosius
. . 11. Romanus
. . 12. Zeno
. . 13. Makedonius
. . 14. Maisymas
. . 15. Akepsimas
. . 16. Maron
. . 17. Abraames
. . 18. Eusebius
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger