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Theodoret von Cyrus († 466) - Mönchsgeschichte (Historia Religiosa)

5. Publius

Zu derselben Zeit lebte ein gewisser Publius, ein Mann von schönem Körperbau und einer Seele, die dem Körper entsprach oder vielmehr noch weit wundervoller als der Körper sich zeigte. Er entstammte einem Senatorengeschlechte; seine Vaterstadt steht an der Stelle, wo der berühmte Xerxes auf seinem Feldzuge gegen Hellas, um schnell das Heer über den Euphrat zu setzen, eine Menge Schiffe miteinander verband und so den Fluß überbrückte. Er nannte den Ort Zeugma, Verbindung. Daher hat auch die Stadt ihren Namen erhalten. Von da also stammend und solchem Geschlechte [S. 70] entsprossen, begab er sich auf eine Anhöhe, die nur dreißig Stadien von der Stadt entfernt war. Hier baute er sich eine kleine Wohnung und verkaufte alles, was er vom Vater empfangen hatte: Haus, Ländereien, Herden und Gewänder, silberne und eherne Geräte und was er sonst noch besaß. Er verteilte dies alles an jene, welchen es nach dem göttlichen Gesetze zukommt, und befreite sich selbst von jeder irdischen Sorge. Statt aller hatte er nur eine Sorge, den Dienst dessen, der ihn gerufen, und dieser beschäftigte fortwährend seine Seele, indem er Tag und Nacht betrachtete, wie er ihn vervollkommnen könnte. Deshalb nahm seine geistige Arbeit stets zu, erhielt jeden Tag einen Zuwachs; sie war ihm süß und wonnevoll, und er konnte sich nicht daran ersättigen. Auch nicht einen Bruchteil des Tages sah man ihn je der Ruhe genießen, sondern den Psalmengesang löste das Gebet und das Gebet der Psalmengesang und beide die Lesung der heiligen Schriften ab; dann kam die Sorge für die angekommenen Fremden, dann eine andere notwendige Arbeit. Indem er so sein Leben verbrachte und als ein Tugendmuster dastand für alle, die ihn nacheifern wollten, zog er wie ein lieblich singender Lockvogel viele seiner Landsleute in diese heilsamen Netze.

Anfangs wollte er keinen Hausgenossen haben, sondern ließ in seiner Nähe kleine Zellen bauen und hieß jeden, der zu ihm kam, da für sich ein Stilleben führen. Er besuchte jedoch oft die Zellen und forschte nach, ob sie etwas, was nicht notwendig war, verborgen hielten. Man erzählt, er habe auch eine Wage mitgenommen und genau das Gewicht des Brotes erforscht und seinen Unwillen kundgetan, wenn er mehr als das festgesetzte Maß gefunden, und habe diejenigen, welche darin sich verfehlt, Schwelger gescholten. Er befahl ihnen, beim Essen und Trinken nicht die Sättigung abzuwarten, sondern nur so viel zu genießen, als dem Körper zum Leben notwendig sei. Wenn er einmal aus der Kleie das Mehl ausgeschieden fand, schalt er die, die sich so vergingen, sie frönten sybaritischen Genüssen. Auch nachts kam er unverhofft an die Türe eines jeden; wenn er einen wach und Gott lobend fand, ging er schweigend vorüber, [S. 71] wenn er aber bemerkte, daß einer schlief, schlug er mit der Hand an die Türe, mit der Zunge aber tadelte er den Liegenden, daß er mehr als nötig dem Körper Pflege angedeihen lasse. Als einige der Genossen diese seine Mühen gewahrten, rieten sie ihm, eine gemeinsame Wohnung für alle zu bauen. Denn, sagten sie, die jetzt Zerstreuten würden dann genauer die Regel beobachten, und er selbst werde vieler Sorge überhoben werden. Der weise Mann nahm den Rat an, sammelte alle um sich, hob jene kleinen Zellen auf, baute eine Wohnung für alle Vereinigten und bat sie, ein gemeinsames Leben zu führen und einander anzuspornen, so daß der eine die Sanftmut des andern nachahme, der andere aber den Eifer des einen durch Sanftmut mäßige, und ein anderer die Nachtwachen lehre, dafür aber das Fasten lerne. „Indem wir so”, sagte er, „voneinander das Fehlende empfangen, werden wir die Vollendung der Tugend erreichen. Denn wie auf den weltlichen Märkten der eine Brot verkauft, der andere Gemüse, der eine Kleiderhändler ist, der andere Schuhmacher, und wie sie zwecks angenehmer Lebensführung ihren Bedarf gegenseitig tauschen ― denn der Kleider gibt, erhält dafür Schuhe, der Gemüse kauft, gibt dafür Brot ―, so müssen auch wir die kostbaren Gattungen der Tugend einander mitteilen.”

Als so die Griechen sich übten und stritten und in ihrer Sprache Gott lobten, erfaßte auch die Mönche, welche nur der Landessprache mächtig waren, ein Verlangen nach derselben Übung, und es kamen einige herbei und baten um Aufnahme in die Herde und um die Teilnahme an seiner heiligen Unterweisung. Er nahm ihre Bitte gütig an, eingedenk des Gebotes des Herrn, das er den heiligen Aposteln gab: „Gehet hin, lehret alle Völker1!” So erbaute er neben jenem Kloster ein anderes und hieß jene darin wohnen. Zugleich errichtete er eine Kirche, worin diese und jene sich versammeln sollten am Anfange und am Ende des Tages, um Morgen- und Abendgesang gemeinschaftlich Gott darzubringen, in zwei Chöre geteilt, ein jeder in seiner Sprache [S. 72] abwechselnd zu Gott Lieder emporsendend. Und diese Gewohnheit hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten, und weder die Zeit, die dieses und Ähnliches gerne ändert, noch die Nachfolger im Amte haben es über sich gebracht, die Bestimmungen, die jener erlassen, umzustoßen, und doch sind ihm nicht bloß zwei oder drei, sondern viel mehr Vorsteher gefolgt. Denn nachdem er den Kampf beendet und aus diesem Dasein geschieden und in jenes leidlose Leben hinübergegangen war, übernahm zunächst Theoteknos die Leitung der griechischen, Aphthonius die der syrischen Sprache: beide lebendige Säulen und Abbilder seiner Tugend. Diese ließen weder ihre Schüler noch auch die von außen Kommenden den Weggang des Verstorbenen empfinden, als echte Abbilder seiner Lebensart sich erweisend. Aber der gottselige Theoteknos lebte nicht lange; er übergab die Leitung dem Theodotus. Aphthonius dagegen behielt sehr lange die Sorge für die Herde bei und leitete sie nach den bestehenden Gesetzen.

Theodotus stammte aus Armenien, hatte jene aszetische Vereinigung geschaut, trat zuerst in die Reihe der Untergebenen ein und folgte dem großen Theoteknos als Führer. Nachdem aber dieser, wie gesagt, von hier geschieden war, übernahm er selbst das Vorsteheramt, glänzte durch so große Tugend, daß er fast seine Vorgänger durch seinen Ruf in Schatten stellte. Denn so hatte ihn die göttliche Liebe in Besitz genommen und mit solchen Pfeilen ihn verwundet, daß er Tag und Nacht Tränen der Zerknirschung vergoß. Er war mit so großer geistiger Gnade erfüllt, daß, wenn er betete, alle Anwesenden schwiegen und nur auf seine heiligen Worte lauschten, indem sie das Anhören für tätiges Gebet hielten. Denn wer wäre so steinhart, daß ihm bei seinen Gebetsworten die Seele sich nicht besänftigt und, in ihrer Härte und Unfolgsamkeit erweicht, sich nicht dem Dienste Gottes zugewandt hätte? So mehrte er täglich seinen Reichtum und häufte Tugend um Tugend in die diebessicheren Schatzkammern. Nachdem er fünfundzwanzig Jahre die Herde geweidet hatte, wurde er, wie die göttliche Schrift sagt, zu den Vätern versammelt in schönem Alter. Die Zügel übergab er dem [S. 73] Theoteknos, der dem Blute nach sein Brudersohn, der Lebensweise nach sein Bruder war.

Jener gottselige Aphthonius erlangte, nachdem er länger als vierzig Jahre der frommen Schar vorgestanden hatte, das hohepriesterliche Amt, legte aber den Mantel der Aszeten nicht ab, auch nicht das Gewand, aus Ziegenhaaren verfertigt; auch nahm er dieselben Speisen, die er vor seiner Erhebung genossen hatte. Und trotz Übernahme dieser großen Sorge kümmerte er sich nichtsdestoweniger um jene Herde; dort hielt er sich Tage auf, indem er bald Zwistigkeiten von Streitenden schlichtete, bald Fürsorge trug für die, welche von irgendeinem Leiden gequält wurden, ein anderes Mal den Schülern heiligen Vortrag hielt. Während er dies alles tat, flickte er dazwischen die zerrissenen Kleider der Mönche oder reinigte das Linsengemüse oder wusch das Getreide oder unterzog sich einer anderen derartigen Arbeit. Nachdem er so den Bischofsstuhl geziert und die Tugend gemehrt, lief er, mit solcher Last befrachtet, in den göttlichen Hafen ein.

Und was soll ich weiter über Theoteknos sagen und seinen Nachfolger Gregorius, von denen jener von Jugend auf jeden Grad heiliger Weisheit sich erwarb und mit dem Ruhme seiner Ahnen von hier schied, dieser aber auch jetzt noch in hohem Alter wie mit jugendlicher Körperkraft arbeitet? Völlig versagte er sich die Frucht des Weinstocks, den Genuß des Essigs und der getrockneten Weinbeeren und der Milch, sowohl der frischgemolkenen wie der geronnenen. Denn diese Lebensweise hatte der große Publius vorgeschrieben. Den Ölgenuß kannten sie nur zu Pfingsten, darnach verzichteten sie wieder darauf.

Solches habe ich über den großen Publius in Erfahrung gebracht, teils vom Hörensagen, teils dadurch, daß ich in den Schülern den Lehrer schaute und durch die Ringkämpfer den Führer kennen lernte. Ich hielte es aber für Unrecht und bösen Willen, ein so nutzbringend Vorbild der Vergessenheit zu überlassen; darum habe ich die Erzählung hierhergesetzt für alle, die nicht darum wissen, in der Absicht, ihnen daraus Nutzen zu bringen und für mich selber aus der [S. 74] Erinnerung Gewinn zu ziehen. Denn ich habe die Worte des Herrn vernommen: „Ein jeder, der mich vor den Menschen bekennt, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel bekennen2.” Und ich weiß wohl, daß, wenn ich ihr Andenken den Menschen vermittle, sie meiner bei Gott gedenken werden.

1: Matth. 28, 19.
2: Matth. 10, 32.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger