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Theodoret von Cyrus († 466) - Mönchsgeschichte (Historia Religiosa)

Rede über die göttliche und heilige Liebe

Welche Kämpfer um die Tugend gestritten und welch herrliche Kronen diese zieren, lehren klar und deutlich die von uns geschriebenen Erzählungen. Sind darin auch nicht alle Kämpfe aufgezeichnet, so reicht [S. 180] das Wenige hin, die Art und Weise ihres Gesamtlebens ins Licht zu stellen. Nicht alles zu prüfende Gold verzehrt der Lydische Stein, sondern an kleiner Probe schon zeigt er, ob es echt oder unecht ist. Ebenso kann man an wenigen abgeschossenen Pfeilen genau den Bogenschützen erkennen, ob er gut das Ziel trifft oder ob er, ungeübt in der Kunst, danebenschießt. In gleicher Weise mag man auch die anderen Künstler erproben, die ich nicht einzeln aufzuzählen brauche, die Wettläufer, die Schauspieler, die Erbauer und Lenker von Schiffen, die Ärzte, die Ackerbauern und so alle, welche ein Gewerbe betreiben. Eine kleine Probe reicht hin, die Kunst der Kundigen zu erweisen und die Ungeschicklichkeit derer darzutun, welche nur den Namen tragen. So genüge auch an meinem Buche die Auswahl, die ich unter den Taten der Gottesstreiter getroffen, und die deren ganzes Leben klar erschauen läßt.

Wir wollen nun nachforschen und untersuchen und genau ergründen, was ihnen Antrieb zu dieser Lebensweise ward, durch welche Überlegungen sie zu dem Gipfel der Vollkommenheit geführt wurden. Daß sie nicht auf Körperstärke vertrauend so begeistert unternahmen, was die menschliche Natur übersteigt und die ihr auferlegten Gesetze überbietet und die Kämpfer der Frömmigkeit über die gezogenen Schranken hinausträgt, dafür ist die Erfahrung klare Lehrmeisterin. Denn kein Mensch, der nicht dieser Lebensweise sich beflissen, konnte jemals solchen Starkmut betätigen. Auch die Hirten werden beschneit, aber nicht immer. Sie haben ihre Höhlen und kehren in ihre Häuser heim und bekleiden ihre Füße mit Schuhwerk und mit warmen Kleidern die übrigen Teile des Körpers. Zweimal, dreimal, auch viermal des Tages nehmen sie Nahrung. Und Fleisch und Wein wärmt den Körper besser denn Herdfeuer. Wenn solche Nahrung den Verdauungsprozeß erfahren und, wie durch ein Sieb geläutert und in die Leber gedrungen, zu Blut sich gewandelt, so dringt sie durch die Hohlader ins Herz. Hier wird sie erwärmt und geht durch die zerstreuten Adern wie durch Kanäle in alle Teile des Körpers. Wo immer sie aber hingelangt, bewässert sie nicht bloß, sondern erwärmt wie [S. 181] Feuer und tut dem Körper wohler als weiche Kleider. Denn nicht Unterkleider, Oberkleider, Mäntel liefern dem Körper die Wärme, wie manche glauben. Sonst müßten auch Hölzer und Steine warm werden, wenn man sie bekleidet. Aber noch niemand hat je beobachtet, daß Holz oder Stein durch Kleider wärmer würden. Also verleihen sie auch dem Körper keine Wärme, sondern bewahren die Wärme des Körpers und halten das Eindringen der kalten Luft ab. Sie nehmen auch die vom Körper ausgehenden Dünste auf, werden durch sie erwärmt und wirken, nun wärmer geworden, auf den Körper zurück. Das bezeugt die Erfahrung. So oft wir uns ins kalte Bett legen, machen wir das Lager, das kurz vorher kühl war, durch die Berührung mit dem Körper warm. Die Nahrung also erwärmt den Leib besser als jegliches Kleid. Demnach haben die Menschen, welche sie bis zur Sättigung zu sich nehmen, den besten Schutz gegen das Eindringen des Winterfrostes. Sie wappnen damit den Leib und machen ihn widerstandsfähig gegen diese Jahreszeit.

Jene Streiter aber genießen nicht jeden Tag Speise und Trank. Und wenn sie solche nehmen, tun sie es nicht bis zur Sättigung und zügeln die drängende Gier. Ihr Tisch vermag auch Körperwärme nicht zu erzeugen. Essen sie doch nach Art der vernunftlosen Tiere nur Pflanzen oder aufgeweichte Hülsenfrüchte. Welche Wärme könnten sie aus solcher Nahrung gewinnen? Wie sollte ihr eine Quelle des Blutes entspringen? In nichts gleichen so die Lebensgewohnheiten der Weltmenschen denen der Aszeten. Verschieden ist die Gewandung. Sie tragen Kleider, die gar rauh sind und ohne wärmenden Schutz. Auch die Kost ist nicht die gleiche. Welch ein Unterschied! Den Hirten und den Weltleuten überhaupt ist jede Stunde Essenszeit. Sie bestimmen die Tischzeit nach dem Hunger. Und stellt solcher beim Morgengrauen sich ein, sofort heißen sie Speise bringen. Auch essen sie, was ihnen eben unterkommt. Da gibt es keine Bestimmung über erlaubte und unerlaubte Speisen. Was immer sie wollen, genießen sie sonder Scheu. Hier aber sind Tage und Zeiten und Art und Maß der Nahrung festgelegt, und Sättigung ist ganz ausgeschlossen. [S. 182] Kein Tadelsüchtiger komme uns da mit Landarbeitern und Hirten und Schiffern und versuche damit die Kämpfe dieser Streiter zu verkleinern. Hat der Bauersmann tagsüber sich abgemüht, so hat er nachts seine häusliche Bequemlichkeit, und in treuer Sorge nimmt die Gattin sich seiner an. Und all das Angenehme, dessen wir gedachten, ist auch dem Hirten zu eigen. Der Schiffer muß zwar der Sonne Strahl auf den Körper sich brennen lassen, pflegt aber dem Leibe im Wasser Erfrischung zu geben. So oft es ihm beliebt, schwimmt er in den Fluten und setzt deren Kühle der sengenden Glut abwehrend gegenüber. Diese aber erfreuen sich von keiner Seite einer Pflege. Frauen, die den Männern mannigfache Erquickung zu bieten wissen, wohnen nicht bei ihnen. Auch gönnen sie sich keine Erfrischung durch Wasser, so heiß auch die Sonnenstrahlen einfallen. Zur Winterszeit bannen sie nicht durch Nahrung den Frost, und die Arznei der Nachtruhe gebrauchen sie nicht wider des Tages Mühen. Ja sie nehmen da noch größere und drückendere Lasten auf sich als am Tage. In der Nacht ringen sie mit dem Schlafe und lassen von seiner süßen Gewalt sich nicht besiegen. Sie suchen Herr zu bleiben über dessen liebliche Tyrannei und loben durch alle Stunden den Herrn. Niemand von den Menschen, die außerhalb dieser Tugendschule stehen, zeigt solchen Starkmut.

Wenn also kein anderer Mensch solchen Mühen gewachsen, so ist klar, daß die Liebe Gottes sie in den Stand setzt, die Grenzen der Natur zu überschreiten. Durch das Feuer von oben entzündet, ertragen sie freudig die Heftigkeit des Frostes, und durch den Tau von dorten mildern sie das Feuer der Sonnenstrahlen. Die Liebe ist es, welche sie nährt, sie benetzt, sie bekleidet. Sie gibt Flügel und lehrt fliegen; sie befähigt, über den Himmel zu dringen; sie läßt nach Können den Geliebten schauen und entflammt durch das Schauen die Sehnsucht, erweckt Liebeswonne und facht mächtiger die Flamme an. Denn wie irdische Liebhaber durch den Anblick der Geliebten die Neigung schüren und die Sehnsucht heftig steigern, so machen auch die, welche die Stacheln der göttlichen Liebe empfunden, durch die [S. 183] Betrachtung jener göttlichen und lauteren Schönheit die Stacheln der Liebe noch wirksamer; und je mehr sie dieselbe zu genießen streben, um so mächtiger wächst das Hungergefühl. Der leiblichen Lust folgt Übersättigung, die göttliche Liebe aber kennt keine Grenzen der Sättigung.

So erging es Moses, dem großen Gesetzgeber. Oft ward er, soweit es Menschen möglich, der Gottschauung gewürdigt; oft hörte er die selige Stimme; vierzig Tage weilte er im Wolkendunkel, das göttliche Gesetz empfangend. Aber er wurde nicht satt, und sein Begehren gestaltete sich heißer und heftiger. Wie betäubende Trunkenheit war der Liebe Macht über ihn gekommen, und in bacchantischem Drange vergaß er die eigene Natur und verlangte zu sehen, was zu sehen nicht verstattet ist. Gleich als dächte er nimmer an Gottes Majestät, rief er, nur der Liebe folgend, zum Herrn des Alls: „Sieh, du sagst mir: du hast Gnade vor mir gefunden, und ich kenne dich vor allen. Wenn ich nun Gnade vor dir gefunden habe, zeige mir dich selbst. Durch Schauen möchte ich dich erkennen1.” Solche Trunkenheit überkam ihn aus der göttlichen Liebe, und die Trunkenheit löschte den Durst nicht, sondern machte ihn nur heftiger. Je mehr er trank, je brennender wurde das Sehnen, und der Genuß bot dem Verlangen neue Nahrung. Und wie das Feuer um so mehr Kraft entfaltet, je mehr Nahrung man ihm zuführt ― diese wird nämlich durch Hinzufügung von Brennstoff gemehrt, nicht gemindert ―, so flammt die Liebe zu Gott auf durch das Schauen des Göttlichen und erhält dadurch starke und sengende Glut. Je mehr sich jemand mit dem Göttlichen beschäftigt, um so mehr facht er die Flamme der Liebe an.

Das hat uns nicht bloß der große Moses gelehrt, sondern auch die heilige Braut, von welcher der göttliche Paulus sagt: „Ich habe euch einem Manne vermählt, euch als keusche Jungfrau Christus darzustellen2.” Diese ruft im Hohenliede dem Bräutigame zu: „Zeige mir dein Antlitz, laß mich deine Stimme hören, [S. 184] denn deine Stimme ist süß, und dein Antlitz ist schön3.” Sie hat aus dem, was über ihn gesagt wird, Liebe zu ihm gefaßt, aber mit dem Gesagten begnügt sie sich nicht, sie verlangt seine Stimme selbst zu hören. Durch die Erzählung von seiner Schönheit gehoben, begehrt sie nach seinem Antlitz und gibt durch jene Lobsprüche ihrer Liebesglut Ausdruck. „Zeige mir”, sagt sie, „dein Antlitz, und laß mich deine Stimme hören, denn deine Stimme ist süß und dein Antlitz schön.”

Von dieser Schönheit bezaubert, ließ ihr Werber und Brautführer, Paulus meine ich, jenen Liebesruf vernehmen: „Wer wird uns von der Liebe Christi scheiden? Bedrängnis oder Elend oder Hunger oder Verfolgung oder Entblößung oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: deinetwegen werden wir den ganzen Tag ertötet, wurden wir wie Schlachtschafe erachtet4.” Dann gibt er auch die Ursache dieses Starkmutes an: „In diesem allem überwinden wir um Gottes willen, der uns geliebt hat5.” Bedenken wir, wer wir sind und welche Güter uns beschert wurden! Nicht wir haben zuerst geliebt. Wir wurden geliebt und lieben nur wieder. Als Hassende wurden wir geliebt und als Feinde versöhnt, nicht um Versöhnung bittend, sondern den Eingebornen als Mittler erhaltend und als Beleidiger von dem Beleidigten getröstet. Und so wollen wir betrachten das lebenspendende Kreuz, den für uns Gekreuzigten, das heilsame Leiden, die Überwindung des Todes, die Hoffnung auf die Auferstehung.

Mit solchen Gedanken überwinden wir die uns zustoßenden Widerwärtigkeiten, und indem wir die Erinnerung an die Wohltaten den zeitweiligen Leiden des Körpers entgegenhalten, ertragen wir leicht den Ansturm von Betrübnissen. Denn wenn wir mit der Liebe des Herrn alle Übel des Lebens vergleichen, finden wir sie gar leicht. Und wenn wir alles Ergötzliche und scheinbar Erfreuliche zusammenfassen und mit Gottes Liebe abwägen, so erscheint es nichtiger denn Schatten und [S. 185] vergänglicher als Frühlingsblumen. Das erklärt Paulus deutlich in dem Gesagten und in dem Folgenden: „Denn”, fährt er fort, „ich bin überzeugt, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Herrschaften noch Kräfte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Höhe noch Tiefe noch ein anderes Geschöpf uns trennen wird von der Liebe Gottes, die ist in Christus Jesus, unserem Herrn6.” Während er oben nur Betrübendes nannte und zum Vergleich heranzog: Bedrängnis und Elend und Verfolgung und Hunger und Entblößung und Gefahr und Schwert, das heißt gewaltsamen Tod, fügt er hier billig dem Schmerzlichen das Erfreuliche bei, dem Tod das Leben, das Geistige dem Sinnlichen, den sichtbaren die unsichtbaren Kräfte, dem Gegenwärtigen und Vergangenen das Zukünftige und Bleibende und dazu der Tiefe der Hölle die Höhe des Himmelreichs. Nachdem er all das miteinander verglichen und gefunden hat, daß Sämtliches der Liebe nachsteht, Trauriges wie Erfreuliches, und daß der Mangel an Liebe bitterer sei als die Höllenstrafe, und nachdem er gezeigt hat, er wolle, wenn es möglich wäre, lieber die angedrohte Strafe mit der Liebe Gottes, als ohne sie das verheißene Himmelreich wählen, sucht er, trunken von Liebesverlangen, nach Unwirklichem und müht sich, mit der göttlichen Liebe es zu vergleichen. „Weder Höhe”, spricht er da, „noch Tiefe noch ein anderes Geschöpf wird uns von der Liebe Gottes trennen können, die in Christus Jesus, unserem Herrn, ist.” Ich ziehe, will er sagen, nicht nur allem Sichtbaren und Unsichtbaren zusammen die Liebe zum Heiland und Erlöser vor, auch wenn eine andere Schöpfung noch existierte, größer und schöner als diese, sie wird mich nicht bewegen, die Liebe zu vertauschen. Böte man mir Köstliches ohne sie, ich nähme es nicht an. Schickte man Trauriges ihretwegen, es erschiene mir gar begehrenswert und lieblich. Hunger, ihretwegen gelitten, ist mir erfreulicher als Vergnügen, Verfolgung süßer als Friede, Entblößung annehmlicher als Purpur und goldgestickte Kleider, Gefahr köstlicher als alle Sicherheit, gewaltsamer Tod wünschenswerter [S. 186] als alles Leben. Denn die Ursache der Leiden ist mir Erquickung. Um des Liebenden und Geliebten willen geharre ich ihrer Stürme. „Denn der keine Sünde kannte, den machte er für uns zur Sünde, damit wir Gerechtigkeit Gottes in ihm würden7.” „Der reich war, ist unsertwegen arm geworden, damit wir durch seine Armut reich würden8.” Und „er erkaufte uns von dem Fluche des Gesetzes, indem er für uns zum Fluche wurde9”. Und „er erniedrigte sich selbst, indem er untertänig wurde bis zum Tode, bis zum Tode am Kreuze10”. Und „da wir noch Sünder waren, ist Christus für uns gestorben11”. Das und Ähnliches bedenkend, nähme ich nicht das Himmelreich an ohne die Liebe, fürchtete ich nicht die Strafe der Hölle, wenn es ginge, mit der Liebe sie zu erdulden.

Das lehrt er auch deutlich anderen Orts: „Denn die Liebe Gottes drängt uns, wenn wir das bedenken, daß einer für alle starb, damit die, welche leben, nicht sich leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist12.” Die aber nicht sich leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist, tun und leiden alles willig für ihn. Denn er vergleicht die Leiden, die der Natur groß und schwer erscheinen, mit der Liebe und nennt sie klein und leicht erträglich. „Denn was an unserer Trübsal zur Zeit kurz und leicht ist, bewirkt über die Maßen überschwenglich eine ewige Fülle von Herrlichkeit in uns13.” Dann lehrt er auch, wie man den Vergleich anstellen müsse: „Indem wir nicht das Sichtbare im Auge haben, sondern das Unsichtbare, denn das Sichtbare ist zeitlich, das Unsichtbare ist ewig14.” Man muß, will er sagen, mit dem Gegenwärtigen das Zukünftige zusammenhalten, mit dem Zeitlichen das Ewige, mit der Trübsal die Herrlichkeit. Jene ist augenblicklich, diese ist ewig; darum ist jene leicht und leicht erträglich, diese kostbar und reich an Ehren. Darum ist das Wörtchen „überschwenglich” auf beide [S. 187] bezogen, auf die Leichtigkeit der Trübsal und die Fülle der Herrlichkeit. Jene, meint er, ist überschwenglich gering und leicht und zeitlich, diese ebenso überschwenglich ruhmvoll und kostbar und ehrenreich und ewig. Und ein anderes Mal ruft er ähnlich: „Ich gefalle mir in Schwachheiten, in Schmähungen, in Nöten, in Verfolgungen, in Bedrängnissen für Christus. Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark15.”

Von dieser Liebe verwundet, wollte auch der große Petrus, obgleich über die Verleugnung vorausbelehrt, sich nicht verbergen, sondern erachtete es für besser, dem Herrn zu folgen und ihn zu verleugnen, als zu fliehen und ihn zu bekennen. Daß er aus Liebe folgte und nicht aus Vermessenheit, bezeugte sein Verhalten. Denn nach der Verleugnungstat brachte er es nicht über sich, den Meister zu verlassen, sondern weinte bitterlich, wie das Evangelium lehrt, und bejammerte die Niederlage. Von den Banden der Liebe gefesselt, blieb er fest an seiner Seite. Da er die frohe Botschaft von der Auferstehung erhalten hatte, war er der erste am Grabe. Und als er wiederum in Galiläa mit Fischfang beschäftigt war und erfuhr, daß es der Herr sei, der am Ufer stand und sie anredete, da durchschnitt ihm die Barke allzu langsam des Meeres Rücken, und er wünschte sich Flügel, um, von ihnen durch die Lüfte getragen, in Schnelle die Küste zu erreichen. Da ihm die Natur die Flügel versagt, bedient er sich statt der Luft des Wassers, statt der Flügel der Hände. Schwimmend erreicht er den Geliebten, und als Siegespreis für den Lauf erhält er den Vorzug vor den andern.

Nachdem der Herr sie zum Essen geladen und die vorgefundenen Speisen verteilt hatte, begann er mit ihm die Unterredung. Er wurde von ihm geliebt und er kannte auch den Grad dieser Liebe. Aber um den übrigen Jüngern die Liebe des großen Petrus zu offenbaren, sprach er: „Simon Petrus, liebst du mich mehr als diese16?” Dieser rief ihn zum Zeugen seiner Liebe an. „Herr,” sagt er, „du weißt, daß ich dich [S. 188] liebe.” Denn du dringst in die Seelen der Menschen ein und kennst genau die Regungen des Verstandes, und nichts, was im Menschen ist, bleibt dir verborgen. Du kennst alles, das erste und letzte. Darauf erwiderte der Herr: „Weide meine Lämmer!” Ich, will er sagen, benötige nichts. Für größte Wohltat erachte ich die Sorge um meine Schafe, und ihre Betreuung beziehe ich auf mich. So ist es billig, daß du die Fürsorge, die du genießest, deinen Mitknechten zuteil werden lassest und daß du weidest, wie du geweidet wirst, und leitest, wie du geleitet wirst, und den Dank, den du mir schuldest, in jenen mir abstattest. Und zweimal wiederholte der Herr die Frage, und zweimal antwortete der große Petrus, und zweimal empfing er die Bestellung zum Hirten. Als aber die Frage zum dritten Male gestellt wurde, da entgegnet der selige Petrus nicht mit demselben Mute und derselben Zuversicht, sondern Furcht erfaßt ihn, seine Seele gerät in Verwirrung, er schwankt in seinem Urteile und bangt in der Vermutung, der Herr könnte eine zweite Verleugnung voraussagen und die Versicherungen seiner Liebe verlachen. Sein Geist eilte zurück zur Vergangenheit und erinnerte ihn, daß er schon früher wiederholt dem Meister versichert, er werde ihn bis in den Tod nicht verlassen, aber dafür hören mußte: „Bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben.” Und er hatte erfahren, daß sein Versprechen sich nicht erfüllt, die Voraussagung des Herrn sich aber bestätigt hatte. Diese Erinnerung schreckte ihn und hemmte ihn, frohgemut die zustimmende Antwort zu geben. Aber trotz solch scharfer und bitterer Stacheln fügte er sich dem Herrn, der alles weiß, und widersprach nicht wie früher mit den Worten: „Wenn ich auch mit dir sterben müßte, werde ich dich nicht verleugnen17”, sondern erklärte, daß er den Herrn zum Zeugen seiner Liebe habe, und daß dem Schöpfer des Alls allein die Kenntnis von allem eigne: „Herr,” sprach er, „du weißt alles, du kennst alles, du weißt auch, daß ich dich liebe.” Denn daß ich dich liebe, weißt du und bezeugst du. Ob ich aber in der Liebe verharren [S. 189] werde, ist deutlich nur dir kund. Über die Zukunft will ich nicht sprechen und nicht streiten über das, was ich nicht kenne. Ich habe durch Erfahrung gelernt, daß man dem Herrn nicht widersprechen dürfe. Du bist die Quelle der Wahrheit, der Abgrund der Weisheit; an deine Bestimmungen mich zu halten, wurde ich gelehrt. Diese Furcht schaute der Herr und erkannte deutlich seine Liebesglut. Darum benimmt er ihm die Furcht durch die Voraussage seines Endes, bezeugt seine Liebe und bestätigt das Bekenntnis des Petrus. Die Wunde der Verleugnung heilt er durch die Arznei des Bekenntnisses. Denn darum, glaube ich, hat er ein dreifaches Bekenntnis verlangt, um den Wunden mit der gleichen Zahl von Arzneien zu begegnen und den gegenwärtigen Jüngern die Flamme seiner Liebe zu offenbaren. Diese Voraussage des Endes tröstete den Petrus und belehrte die andern, daß die Verleugnung ein Werk der Vorsehung, nicht seiner Gesinnung war. Auch das hat unser Herr und Heiland angedeutet, wenn er zu ihm sprach: „Simon, Simon, der Satan hat verlangt, euch wie Weizen zu sieben, und ich habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht wanke, aber du, einst bekehrt, stärke deine Brüder18.” Denn wie ich dich nicht verließ, da du wanktest, so werde auch du Stütze deinen gefährdeten Brüdern und leih ihnen die Hilfe, die dich gerettet, und verstoße nicht, die ausgeglitten, und hebe auf, die am Boden liegen. Denn darum ließ ich dich straucheln, aber nicht fallen, weil ich durch dich den Wankenden Sicherheit verschaffen will.

So stützte den bebenden Erdkreis diese gewaltige Säule und ließ ihn nicht ganz zusammenstürzen, sondern richtete ihn auf und festigte ihn. Mit dem Weiden der Schafe betraut, ließ er sich dafür schmähen und freute sich, wenn er geschlagen wurde. Aus dem gottlosen Synedrium mit den Gefährten heraustretend, „freute er sich, daß er gewürdigt worden war, für den Namen Jesu Schmach zu leiden19”. In Gefängnisse geworfen, jubelte er und war fröhlich. Und als er von Nero für den [S. 190] Gekreuzigten zum Kreuzestode verurteilt wurde, da bat er die Henker, daß sie ihn nicht nach der Weise des Herrn an den Pfahl nagelten, aus Besorgnis, es möchte die Gleichheit der Leidensart ihm bei den Unverständigen auch gleiche Ehre einbringen. Darum wünschte er, daß man ihm die Hände unten und die Füße oben anhefte. Denn er hatte gelernt, den letzten Platz nicht bloß in der Ehre, sondern auch in der Schmach zu erwählen. Und wenn es möglich wäre, den Tod zehnmal und fünfzigmal zu erleiden, er hätte es mit aller Freude getan, von der Liebe entzündet.

Das verkündet auch der göttliche Paulus, indem er sagt: „Täglich ersterbe ich zu euerem Ruhm, den ich habe in Christus Jesus20”, und: „Mit Christus bin ich gekreuzigt. Ich lebe, aber nicht ich, sondern in mir lebt Christus21.”

Wer also die göttliche Liebe in sich aufgenommen hat, der verachtet alles Irdische zumal, tritt mit Füßen alle Lüste des Körpers, sieht hinweg über Reichtum und Ruhm und alle Ehre von Seiten der Menschen. Königlicher Purpur ist ihm feil wie Spinngewebe, und Edelsteine erachtet er dem Kiese am Meeresufer gleich. Die Gesundheit des Körpers hält er nicht für Glück und nicht für Unglück die Krankheit. Er nennt die Armut nicht Unheil und bemißt das Glück nicht nach Reichtum und Wohlleben. Er weiß gar gut, daß das alles dem Flusse des Wassers gleicht, das an den Bäumen am Ufer vorbeifließt, bei keinem Halt macht. So verhält es sich mit Armut und Reichtum, Gesundheit und Krankheit, Ehre und Verachtung und allem anderen, was an der menschlichen Natur vorbeizieht, nicht bei derselben verbleibt, sondern stetig die Besitzer wechselt, fortwährend von dem einen zum andern übergehend. Denn viele verfallen aus Wohlstand in äußerste Armut, und viele Arme steigen in die Zahl der Reichen hinauf. Krankheit und Gesundheit wechseln in den Körpern aller, bei den Darbenden und den Genießenden. Tugend und göttliche Weisheit sind allein ständig unter den Gütern. [S. 191] Sie überwinden die Hände des Räubers, die Zunge des Verleumders, Wolken von feindlichen Geschossen und Speeren. Sie werden keine Beute des Feuers, kein Spiel der Sturmflut, kein Opfer des Schiffbruchs. Die Zeit mindert nicht, sondern mehrt ihre Kraft. Ihr Nährstoff ist die Liebe zu Gott. Denn es ist unmöglich, daß die göttliche Weisheit jemand erlange, der nicht feurige Liebe zu Gott besitzt. Ja diese selbst ist Weisheit. Denn Gott ist und wird die Weisheit genannt. Sagt doch von dem Gott des Alls der selige Paulus: „Dem Unsterblichen, dem Unsichtbaren, dem allein weisen Gott22.” Von dem Eingebornen aber sagt er: „Christus Gottes Macht und Gottes Weisheit23.”

Und wiederum: „Gegeben ist uns von Gott Weisheit, Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung24.” Wer also wirklich die Weisheit liebt, wird billig Liebhaber Gottes genannt. Der Gottliebende verachtet alles andere, schaut einzig auf den Geliebten und zieht seinen Dienst allem insgesamt vor. Er spricht und tut und denkt nur, was dem Geliebten gefällt und ihn ehrt, und verabscheut alles, was dieser verbietet.

Diese Liebe achtete Adam gering, wurde unerkenntlich gegen den Wohltäter und erntete als Lohn für die Undankbarkeit Mühsal und Elend. Abel bewahrte sie unerschütterlich dem Geber aller Güter. Er verachtete die Lüste des Bauches, zog den Dienst Gottes vor und wurde mit unverwelklichen Kronen geziert und lebt in allen Geschlechtern fort und erntet in der Erinnerung der Menschen herrliches Lob. Sie erwarb wahr und echt Henoch. Er säte gut aus und erntete besser. Als Belohnung für den Dienst Gottes trug er die Versetzung ins Paradies davon und unsterbliches Leben und durch alle Zeiten ein ruhmvolles, unsterbliches Andenken. Was soll ich von der Gottesliebe Noes sagen, die auch das Verderben der Gottlosen nicht irre zu machen vermochte? Während alle abwichen und den verkehrten Pfad wählten, verharrte er allein auf dem [S. 192] rechten Wege und zog den Schöpfer allem vor. Darum wurde er allein mit seinen Kindern gerettet, wurde in ihm der Natur ein Samen belassen und ein Funke dem Geschlechte bewahrt. So verabscheute Melchisedech, der große Hohepriester, den Wahn der Götzendiener und weihte dem Schöpfer aller Dinge sein Priestertum. Dafür erhielt er den großen Lohn, Vorbild und Schattenriß dessen zu werden, der in Wahrheit ohne Vater, ohne Mutter, ohne Genealogie ist, weder Anfang seiner Tage noch Ende seines Lebens hat25.

Hiermit gelangt unsere Rede zu dem, welcher den Namen Freund Gottes erhalten, der die Gesetze der Freundschaft beobachtet und gelehrt hat. Denn wer nur wenig in göttlichen Dingen unterrichtet ist, weiß, wie Abraham, der große Patriarch, dem Rufe Gottes folgte, wie er sein väterliches Haus verließ und die Fremde vor das Vaterland stellte. Einmal von Liebe zu dem Rufenden erfaßt, setzte er alles dieser Freundschaft nach und ließ, heimgesucht von vielen Unglücksfällen, den Geliebten nimmer. Hatte doch dieser seinen Verheißungen keine Grenze gesetzt. Auch in Durstesqual und behindert, aus den Brunnen zu trinken, die er gegraben hatte, wurde er nicht unwillig gegen den, der ihn gerufen, noch rächte er sich an denen, welche ihm Unrecht getan. Er ertrug die Pein des Hungers und löschte nicht das Feuer der Liebe. Es wurde ihm die Gattin geraubt, die durch Schönheit glänzte und mit Züchtigkeit geziert war und ihm in allem ein frohes Leben bereitete. Aber mit der Gattin wurde ihm nicht die Liebe zu Gott geraubt. Mit der Hilfe Gottes, der seinen Starkmut prüfen wollte und darum den Ansturm der Ungerechtigkeit zuließ, beharrte er in der Liebe. Er wurde Greis, wurde aber nicht Vater. Dennoch bewahrte er die gleiche Gesinnung gegen den, der ihm Vaterglück verheißen, bis dahin aber es nicht eingelöst. Nachdem er endlich spät das Verheißene erlangt, Sara die Natur besiegt und die Schranken des Alters durchbrochen und er so Vater des Isaak geworden war, durfte er nur kurze Zeit des Trostes an ihm genießen. Als das [S. 193] Kind zum Knaben herangewachsen, wurde ihm befohlen, es dem Geber zu opfern, das Geschenk dem Spender zurückzuerstatten, Opferpriester der Frucht der Verheißung zu werden, die große Quelle der Völker hinzugeben und mit dem Blute des Eingebornen die Hände zu röten. Aber obgleich das Opfer all das und noch vieles mehr in sich schloß, widerstrebte der Patriarch nicht, schützte nicht die Rechte der Natur vor, kam nicht mit der Verheißung, erinnerte nicht an die Alterspflege und das Begräbnis, sondern wies alle menschliche Überlegung zurück, setzte der Liebe die Liebe entgegen, dem Gesetze das Gesetz, der Natur das Göttliche, eilte zu dem heiligen Dienste und hätte ohne Bedenken den Schlag ausgeführt, hätte nicht der großmütige Spender in Hinnahme der Bereitheit schnell den tödlichen Stoß verhindert. Aber ich weiß nicht, ob Worte hinreichen, eine solche Liebe gebührend zu schildern. Da er nicht einmal seines eingebornen Sohnes schonte, weil der Geliebte es befahl, was würde er für ihn nicht geopfert haben? Aber auch der große Isaak besaß dieselbe Liebe zum Herrn, und Jakob, dessen Sohn, der Patriarch. Ihre Gottesliebe feiern die heiligen Schriften, und der Gott des Alls scheidet nirgends die Schößlinge von der Wurzel, sondern nennt sich Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

Eine fromme Frucht dieser Dreien ist auch Joseph, der unter Jünglingen ein Greis und unter Greisen ein Edler war. Seine Gottesliebe konnte nicht Neid, nicht Sklaverei, nicht Schmeichelei der Herrin, nicht Drohung, nicht Furcht, nicht Verleumdung, nicht Gefängnis bezwingen. Länge der Zeit machte sie nicht altersschwach. Gewalt und Herrschaft, Vergnügen und Reichtum beirrten nicht seinen Sinn. Er blieb fest, schaute nur auf den Geliebten und erfüllte seine Gebote.

Diese Liebe besaß Moses, der das Leben in Palästen verschmähte und lieber mit dem Volke Gottes dulden, als vergänglichen Genuß von der Sünde haben wollte26.

[S. 194] Aber wozu soll ich die Rede über das Maß ausdehnen? Denn die ganze Schar der Propheten war mit der göttlichen Liebe geschmückt und übte so die vollendetste Tugend und hinterließ unsterblichen Ruhm. Und gar der Chor der Apostel und die Reihen der Martyrer! Von diesem Feuer entzündet, haben sie alles Sichtbare mißachtet und dem angenehmsten Leben tausend Todesarten vorgezogen. Im Banne der göttlichen Schönheit und die Liebe Gottes gegen uns erwägend und seine unzähligen Wohltaten beherzigend, erachteten sie es für schimpflich, nach dieser unaussprechlichen Schönheit nicht zu verlangen und gegen den Wohltäter undankbar zu werden. Darum hielten sie fest an dem Bündnisse mit ihm bis zum Tode.

Von dieser Schönheit entzückt, sind auch diese neuen Tugendstreiter, deren Leben wir kurz beschrieben haben, in die großen, die menschliche Natur übersteigenden Kämpfe eingetreten. Das haben klar und deutlich die heiligen Schriften sie gelehrt. Diese singen mit dem großen David: „Herr, mein Gott, du bist überaus groß, du hast dich bekleidet mit Herrlichkeit und Zierde, hast angelegt das Licht als Kleid, ausgespannt den Himmel wie ein Fell27.” Und all das Übrige, was seine Weisheit und seine Macht verkündet. Und wiederum: „Der Herr ist König, Schmuck hat er angelegt, mit Macht hat er sich bekleidet und umgürtet; denn er hat gefestigt den Erdkreis, der nicht erschüttert wird28.” Hier wird Weisheit und Macht zusammen verkündet. Und anderswo: „Schön an Gestalt vor den Söhnen der Menschen29.” Hier preist er auch die menschliche Schönheit des göttlichen Wortes. Er besingt da auch die Weisheit: „Ausgegossen ist Anmut auf deinen Lippen.” Seine Macht lehrt er: „Umgürte mit dem Schwerte deine Hüften, Gewaltigster. In deiner Wohlgestalt und Schönheit beginne, schreite glücklich voran und herrsche wegen Wahrheit und Milde und Gerechtigkeit30.” Das sind nämlich seine [S. 195] Vorzüge: Schönheit und Reichtum und Macht. Und Isaias ruft aus: „Wer ist der, welcher kommt von Edom? Gerötet sind seine Kleider aus Bosor. Dieser Schöne in seinem Gewande, Gewalt mit Kraft31.” Denn das menschliche Gewand hat die göttliche Schönheit nicht verdeckt, sondern, auch von ihm bekleidet, sendet sie Strahlen ihres Glanzes aus, so daß sie die, welche sie betrachten, zur Liebe nötigt und ergötzt. So spricht auch die heilige Braut im Hohenliede zu ihm: „Ausgegossenes Salböl ist dein Name. Deshalb liebten dich die Mädchen. Sie zogen dich; nach dem Dufte deiner Salben liefen sie32.” Die jungen Seelen, die deinen Wohlgeruch atmen, laufen verlangend, dich zu fassen, und vom Dufte wie an einer Kette gebunden, vermögen sie die Fessel nicht zu sprengen. Denn diese ist süß, und gerne trägt man sie.

Damit stimmen auch die Worte des göttlichen Paulus zusammen: „Wir sind ein Wohlgeruch Christi sowohl denen, welche gerettet werden, als auch denen, die verloren gehen, den einen Geruch des Todes zum Tode, den andern Geruch des Lebens zum Leben33.”

Sie waren also von der göttlichen Schrift belehrt, daß er schön sei, daß er unaussprechlichen Reichtum besitze, daß er Quelle der Weisheit sei, daß er alles vermöge, was er wolle, daß er unbegrenzte Menschenfreundlichkeit übe, Ströme seiner Barmherzigkeit ergieße und in allem den Menschen nur Wohltaten erweisen wolle. Und von den gottbegeisterten Männern hatten sie die unzähligen, allen Verstand übersteigenden Arten von Wohltaten erfahren. Darum wurden sie von den Pfeilen dieser Liebe verwundet, und als Glieder der Braut rufen sie mit dieser aus: „Wir sind von Liebe verwundet34.” Und der große Johannes ruft: „Sieh das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt35.” Und der Prophet Isaias, der das Zukünftige wie [S. 196] Geschehenes vorausverkündet, sagt: „Er wurde verwundet wegen unserer Sünden, er ist schlaff geworden wegen unserer Übertretungen; die Zucht unseres Friedens ist über ihm; durch seine Beulen sind wir geheilt worden36”, und alles Übrige, was er über das heilbringende Leiden ausführt. Das verkündet auch Paulus: „Der seines eigenen Sohnes nicht schonte, sondern ihn für uns alle hingab, wie hat er nicht mit ihm uns alles geschenkt37?” Und wiederum: „Für Christus sind wir Bevollmächtigte, indem Gott durch uns ermahnt. Für Christus bitten wir: Versöhnt euch mit Gott; denn den, der keine Sünde kannte, hat er zur Sünde für uns gemacht, damit wir Gerechtigkeit Gottes würden in ihm38.”

Indem sie dieses und vieles andere bei den Dienern des göttlichen Wortes finden, nehmen sie von allen Seiten her die Stacheln der göttlichen Liebe in sich auf und denken, alles verachtend, nur an den Geliebten und geben schon vor der erhofften Unsterblichkeit ihrem Leibe die Geistigkeit. Mögen auch wir diese Liebesglut in uns einziehen lassen und, von der Schönheit des Bräutigams bezaubert, nach den verheißenen Gütern verlangen, die Menge der Wohltaten beherzigen, die Rechenschaft wegen Undanks fürchten und Liebhaber und Beobachter seiner Gebote werden! Denn das ist das Gesetz der Freundschaft, dasselbe zu lieben und dasselbe zu hassen. Deshalb sprach er zu Abraham: „Ich werde segnen, die dich segnen, und die dir fluchen, denen werde ich fluchen39.” Und David spricht zu ihm: „Mir sind sehr geehrt deine Freunde, o Gott40.” Und wiederum: „Habe ich nicht, Herr, gehaßt, die dich hassen, und über deine Feinde mich sehr betrübt? Denn mit vollkommenem Hasse habe ich sie gehaßt, Feinde sind sie mir geworden41.” Und anderswo: „Die Übertreter des Gesetzes habe ich gehaßt, dein Gesetz aber [S. 197] geliebt42.” Und an anderer Stelle: „Wie habe ich dein Gesetz geliebt, o Herr! Den ganzen Tag ist es meine Sorge43.” Ein deutlicher Erweis der göttlichen Liebe ist die Beobachtung seiner Gebote. Denn „wer mich liebt, wird meine Gebote halten44”, spricht der Herr. ― Mit ihm sei dem Vater Ehre und Anbetung zugleich mit dem ganz heiligen und lebenspendenden Geiste jetzt und immer und in die Ewigkeiten der Ewigkeiten! Amen.

1: Exod. 33, 12―13.
2: 2 Kor. 11, 2.
3: Hohel. 2, 14.
4: Röm. 8, 35―36.
5: Ebd. [Röm.] 8, 37.
6: Röm. 8, 38―39.
7: 2 Kor. 5, 21.
8: Ebd. [2 Kor.] 8, 9.
9: Gal. 3, 13.
10: Phil. 2, 8.
11: Röm. 5, 8.
12: 2 Kor. 5, 14―15.
13: Ebd. [2 Kor.] 4, 17.
14: Röm. 5, 8. 9 [korr.: 2 Kor. 4, 18].
15: 2 Kor. 12, 10.
16: Joh. 21, 3―17.
17: Matth. 26, 34―35.
18: Luk. 22, 31―32.
19: Apg. 5, 41.
20: 1 Kor. 15, 31.
21: Gal. 2, 19. 20.
22: 1 Tim. 1, 17.
23: 1 Kor. 1, 24.
24: Ebd. [1 Kor.] 1, 30.
25: Hebr. 7, 3.
26: Hebr. 11, 25.
27: Ps. 103, 1. 2 [hebr. Ps. 104, 1. 2].
28: Ebd. [Ps.] 95, 10 [hebr. Ps. 96, 10].
29: Ebd. [Ps.] 44, 3 [hebr. Ps. 45, 3].
30: Ebd. [Ps.] 44, 4―5 [hebr. Ps. 45, 4-5].
31: Is. 63, 1.
32: Hohel. 1, 2. 3.
33: 2 Kor. 2, 15. 16.
34: Hohel. 5, 8.
35: Joh. 1, 29.
36: Is. 53, 5.
37: Röm. 8, 32.
38: 2 Kor. 5, 20. 21.
39: Gen. 12, 3.
40: Ps. 138, 17 [hebr. Ps. 139, 17].
41: Ebd. [Ps.] 138, 21―22 [hebr. Ps. 139, 21-22].
42: Ps. 118, 113 [hebr. Ps. 119, 113].
43: Ebd. [Ps.] 118, 97 [hebr. Ps. 119, 97].
44: Joh. 14, 23.

 

 

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Allgemeine Einleitung zu Theodoret
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger