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Theodoret von Cyrus († 466) - Mönchsgeschichte (Historia Religiosa)

30. Domnina

Das Leben des göttlichen Maron, dessen wir früher gedacht, eiferte die wundervolle Domnina nach. Im Garten ihres mütterlichen Hauses errichtete sie eine kleine Hütte aus Hirsehalmen. Darin hält sie sich auf und benetzt mit ständigen Tränen nicht nur ihre Wangen, sondern auch die härene Gewandung. In solche nämlich hüllt sie den Körper. Gegen die Zeit des Hahnenschreies begibt sie sich mit den andern Frauen und Männern in die nahe Kirche und bringt dem Herrn des Alls den Lobgesang dar. Das tut sie aber nicht allein beim Beginn des Tages, sondern auch am Schlusse desselben. Sie ist überzeugt, daß der Gott geweihte Ort verehrungswürdiger als jeder andere ist, und belehrt so auch ihre [S. 177] Umgebung. Deshalb wendet sie ihm große Sorgfalt zu und sucht Mutter und Brüder zu bereden, daß sie ihr Vermögen ihm zuwiesen.

Als Nahrung dienen ihr im Wasser erweichte Linsen. Und all den Mühen unterzieht sie sich, obgleich ihr Körper abgezehrt, halb erstorben ist. Eine Haut, dünn wie Gewebe, legt sich um die zarten Knochen, da Fett und Fleisch durch die Abhärtungen aufgezehrt sind. Sie zeigt sich allen, die sie sehen wollen, Männern wie Frauen. Dabei schaut sie aber niemanden ins Gesicht und setzt auch ihr Gesicht den Blicken nicht aus. Sorgfältig ist sie in den Mantel gehüllt und steht gebeugt bis zu den Knien. Sie spricht sehr leise und undeutlich, die Worte immer mit Tränen begleitend. Oft ergriff sie meine Hand und legte sie auf ihre Augen. Und wenn sie die Hand wieder losließ, hingen an ihr Tränen. Welche Worte könnten sie würdig preisen, sie, die bei solchem Reichtum an Tugend weint und jammert und seufzt, wie Menschen, die in äußerster Seelennot leben? Die heiße Liebe zu Gott preßt diese Tränen aus, sie entflammt den Geist zur Gottschauung, verwundet mit ihren Strahlen und drängt zum Weggang aus dieser Welt.

So Tag und Nacht beschäftigt, vernachlässigt sie die anderen Tugendarten nicht. Nach Kräften versorgt sie die trefflichsten Kämpfer, die wir erwähnt und die wir übergangen haben. Sie versorgt auch die Pilger, welche sie besuchen. Diese heißt sie beim Hirten des Dorfes Herberge nehmen, all das Nötige hierfür ihm überweisend. Denn es steht ihr das Vermögen der Mutter und der Brüder zur Verfügung, das durch sie Segen empfängt. Auch mir schickt sie, so oft ich in jene Gegend komme, die südlich von unserem Lande liegt, Brot, Obst und aufgeweichte Linsen.

Doch zu weit führte es, wollte ich all ihre Tugend schildern. Auch das Leben anderer Frauen, welche sie oder die vorher erwähnten Streiterinnen nachahmen, verdiente der Aufzeichnung. Viele haben das Einsiedlerleben erwählt. Andere ziehen das Leben in Gesellschaft vor, so daß zweihundertfünfzig oder mehr oder weniger zusammenleben, dieselbe Nahrung genießen, auf [S. 178] Binsenmatten schlafen, ihre Hände mit Wollarbeiten beschäftigen, die Zunge aber dem Lobe Gottes widmen.

Solche Stätten der Tugend gibt es Tausende, ja unzählige, nicht nur bei uns, sondern im ganzen Morgenlande. Voll von ihnen ist Palästina, Ägypten, Asien, Pontus und ganz Europa. Seitdem nämlich Christus der Herr, von einer Jungfrau geboren, die Jungfräulichkeit geehrt hat, grünen die Auen der Jungfräulichkeit und bringen ihrem Schöpfer diese duftenden und unverwelklichen Blumen dar, ihm, der keinen Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Geschlechte macht, die Tugend nicht auf zwei Klassen von Menschen verteilt. Das ist ein Unterschied der Leiber, nicht der Seelen. Denn nach dem göttlichen Apostel „gibt es in Christus Jesus nicht Mann und Weib1”, denn ein Glaube ist Männern und Weibern verliehen. „Denn ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über alle, durch alles und in uns allen ist. Und einem jeden von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maße der Schenkung Christi2.” Aber auch ein Himmelreich hat der Kampfrichter den Siegern in Aussicht gestellt; der Kampfpreis ist für die Kämpfer gemeinsam bestimmt.

Viele Kampfplätze der Frömmigkeit gibt es, wie ich sagte, von Männern und von Frauen, nicht nur bei uns, sondern in ganz Syrien und in Palästina und in Kilikien und in Mesopotamien. In Ägypten sollen gegen fünftausend Männer einige Klöster bewohnen. Sie arbeiten und singen abwechselnd dem Herrn und beschaffen mit ihrer Hände Werk nicht nur für sich die nötige Nahrung, sondern helfen damit auch den ankommenden Fremden und den Notleidenden.

Aber alles zu erzählen, ist nicht nur mir, sondern allen Geschichtschreibern unmöglich. Und wäre es möglich, so hielte ich es für überflüssig und für Ehrgeiz, der zu nichts nütze. Wem daran gelegen ist, Förderung zu finden, für den genügt das Gesagte. Es vermag sein Begehren zu stillen. Darum haben wir auch verschieden geartete Lebensweisen vorgeführt und den Viten [S. 179] der Männer Frauenleben angefügt. Alte und Junge und Weiber sollen Tugendvorbilder haben, und ein jeglicher möge für die von ihm erwählte Lebensform in unserem Buche seine Norm und Vorlage finden. Und wie die Maler, auf das Urbild blickend, die Augen nachbilden und Nase und Mund und Wangen und Ohren und Stirne, selbst die Haare des Hauptes und des Kinns, dazu das Sitzen und Stehen, auch den Ausdruck der Augen, ob freudig oder drohend, so soll jeder, der diese Schrift liest und sich vornimmt, eine der gebuchten Lebensweisen nachzuahmen, sein Tun ordnen nach dem Typ, den er erwählt. Und wie die Baumeister die Bretter nach der Schnur zurichten und so lange das Überschüssige absägen, bis das Brett mit dem angelegten Richtscheit sich deckt, so muß der Mensch, der eine Lebensart nachahmen will, diese zum Gesetze sich nehmen und der Bosheit Wucherung abschneiden und der Tugend Mangel ergänzen.

Deshalb haben wir die Mühe dieser Niederschrift auf uns genommen, um denen, die gewillt sind, Gelegenheit zu innerer Förderung zu bieten. Ich bitte aber die Leser, welche an fremder Arbeit Genuß haben, meine Mühen durch Gebet zu vergelten. Ich flehe aber auch jene an, deren Leben ich beschrieben habe, mich nicht zu vergessen, der ich weitab von ihrem geistigen Chor wandle, und mich, der ich am Boden liege, hinaufzuziehen und zur Höhe der Tugend zu führen und mit ihrem Chore zu vereinigen. Möge ich nicht bloß fremden Reichtum loben, sondern bescheidenen Grund auch zu eigenem Lobe bieten, in Worten, Werken und Gedanken Christus den Erlöser, unseren aller Gott verherrlichend, mit welchem dem Vater die Ehre sei zugleich mit dem Heiligen Geiste jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

1: Gal. 3, 28.
2: Eph. 4, 5. 6. 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger