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Theodoret von Cyrus († 466) - Mönchsgeschichte (Historia Religiosa)

28. Thaleläus

Auch den Thaleläus dürfen wir nicht mit Stillschweigen übergehen. Er bietet ein wunderbares Schauspiel dar. Und ich habe nicht nur von andern erzählen hören, sondern war Augenzeuge dieser wundersamen Erscheinung.

Zwanzig Stadien von Gabala, einem kleinen, lieblichen Städtchen, bezog er einen Hügel, auf dem ein Dämonenheiligtum lag, in alten Zeiten von den Gottlosen durch Opfer viel verehrt. Dort baute er sich eine kleine Hütte. Der Kult an jener Stätte soll den Zweck gehabt haben, die vielfache Grausamkeit der feindseligen Götter durch Opfer zu besänftigen. Diese brachten nämlich viel Verderben Vorübergehenden und Nachbarn, und nicht nur Menschen, sondern auch Eseln, Maultieren, Rindern und Schafen. Aber nicht den unvernünftigen Tieren galt der Krieg, sie griffen in ihnen die Menschen an. Als sie nun diesen Mann ankommen sahen, versuchten sie ihn zu schrecken, richteten aber nichts aus, da der Glaube ihn schirmte und die Gnade für ihn stritt. Deswegen kehrten sie in wahnsinniger Wut ihre Angriffe gegen die dortigen Pflanzungen. Um den Hügel herum standen nämlich viele stattliche Feigen- und Olivenbäume. Von diesen sollen mehr als fünfhundert auf einmal ausgerissen worden sein. Das habe ich die benachbarten Landleute selbst erzählen hören. Diese lagen damals noch in der Finsternis des Heidentums, nahmen aber auf die Belehrung und die Wunder des Mannes hin das Licht der Gotteserkenntnis [S. 173] an. Da aber die frevelhaften Dämonen den Streiter der wahren Weisheit damit nicht einschüchtern konnten, wandten sie andere Kunstgriffe an. Sie erhoben des Nachts lautes Geheul und ließen Fackeln erscheinen und suchten ihm so Furcht einzujagen und seinen Geist in Verwirrung zu bringen. Er aber lächelte über alle ihre Angriffe. Und so ließen sie von ihm ab und ergriffen die Flucht.

Nun fertigte er zwei Räder im Durchmesser von zwei Ellen und verband sie mittels Bretter, die aber nicht geschlossen einander anlagen, sondern in Abständen sich folgten. Im Innern sitzend, hämmerte er mit Klammern und Nägeln die so in Abständen angeordneten Bretter fest und hängte sodann das Rad unter freiem Himmel auf. Zu diesem Behufe hatte er drei hohe Holzpflöcke in den Boden gerammt und ihre oberen Enden mit Querbalken verbunden. In deren Mitte band er das Doppelrad, der Erde entrückt, fest. Es hat im Innern eine Höhe von nur zwei Ellen und eine Breite von nur einer Elle. Darin sitzend oder vielmehr hängend verbrachte er nun bereits zehn Jahre. Er ist von großer Statur, so daß er nicht einmal sitzend den Nacken gerade halten kann. Er sitzt immer gebückt, mit dem Gesichte die Knie berührend.

Ich kam zu ihm und traf ihn, wie er eben Förderung in den göttlichen Evangelien suchte. Neugierig fragte ich ihn nach der Ursache dieser neuartigen Lebensweise. Er antwortete in griechischer Sprache, denn er war ein geborener Kilikier: „Ich bin mit vielen Sünden beschwert und glaube an die angedrohten Strafen. Darum habe ich diese Art des Lebens ausgedacht und für meinen Körper mäßige Züchtigungen ersonnen, um dem Übermaß der künftigen Schrecken zu entgehen. Denn diese sind schwerer nicht nur dem Grade, sondern auch der Beschaffenheit nach, denn sie sind unfreiwillig. Was aber gegen den Willen geht, ist gar schmerzlich. Das Freiwillige dagegen, mag es auch mühevoll sein, ist weniger peinlich. Hier ist die Mühe selbst erwählt, nicht gewaltsam aufgedrängt. Wenn ich also”, schloß er, „durch diese geringen Beschwerden die zu erwartenden Leiden verringere, so werde ich aus solcher [S. 174] Lebensführung großen Gewinn ziehen.” Als ich diese Worte vernommen, staunte ich über den Scharfsinn; da er nicht allein über die geläufigen Grenzen hinaus focht und aus sich selbst neue Kampfweisen ersann, sondern dafür auch die Gründe anzugeben und andere darüber zu belehren wußte.

Die Nachbarn erzählten auch, daß auf sein Gebet hin viele Wunder geschähen und nicht nur Menschen, sondern auch Kamele, Esel, Maultiere Heilung von Krankheiten erlangten. Darum schwur die ganze Bevölkerung, die vormals in den Fesseln des Heidentums gelegen, den ererbten Trug ab und nahm den Glanz des göttlichen Lichtes an. Mit ihrer Hilfe zerstörte er auch das Heiligtum der Dämonen und errichtete an der Stelle den sieggekrönten Martyrern eine Kirche und setzte so den falschen Göttern göttliche Verstorbene entgegen. Möge durch ihre Fürsprache auch er ebenso siegreich das Ziel seiner Kämpfe erreichen und wir, durch sie und ihn unterstützt, warme Liebhaber der Vollkommenheit und des Kampfes werden! Amen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger