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Theodoret von Cyrus († 466) - Mönchsgeschichte (Historia Religiosa)

21. Jakobus

Nachdem wir die Kämpfe jener Helden erzählt haben, welche bereits als Sieger in der Tugend ausgerufen wurden, wollen wir nun in Kürze auch berichten über die Tugendmühen und den Kampfschweiß und die glänzenden und ausgezeichneten Siege der Männer, welche noch leben und großartig streiten und die Vorgänger durch ihren Schweiß noch zu überbieten streben. Wenn wir so deren Leben schildern, wollen wir zugleich den künftigen Geschlechtern ein nutzbringendes Andenken an diese Großen hinterlassen. Denn wie der Wandel der Heiligen, die dereinst geglänzt, den späteren die mächtigste Förderung gebracht hat, so werden die Geschichten dieser Streiter den Leuten nach uns Norm und Vorbild sein.

Den Anfang mache ich mit dem großen Jakobus. Denn dieser geht an Zeit und an Arbeit den anderen voran, und diejenigen, welche ihm nacheifern, leisten Unglaubliches und Wunderbares. Es trifft sich, ich weiß nicht wie, daß dieser Name sowohl bei der Liste der bereits Heimgegangenen wie bei der Reihe der noch Lebenden an die erste Stelle kommt. Denn auch als ich [S. 131] den Lebenswandel jener Gruppe beschrieb, machte ich den Anfang mit jenem göttlichen Jakobus, der durch sein Gebet das persische Heer in die Flucht schlug und obgleich die Stadtmauern gefallen, die Stadt doch nicht einnehmen ließ, sondern die Feinde zur Flucht trieb, indem er Mücken und Fliegen gegen sie kämpfen hieß. Der, welcher mit ihm gleiche Ehre teilt und gleiche Tugend besitzt, soll den Reigen der noch lebenden Kämpfer eröffnen, nicht weil er seinen Namen trägt, sondern weil er in der Tugend mit ihm wetteifert und anderen Meister der Tugend ist.

Jakobus lebte mit dem ganz berühmten Maron zusammen, stellte aber den Meister, dessen Lehren er sich erfreute, durch die höhere Art seiner Tugendübungen in den Schatten. Denn während jener in dem heiligen Bezirke einer einstigen heidnischen Kultstätte eine Art Gehege zu eigen hatte und darin ein Gezelt aus behaarten Fellen errichtete, worin er sich gegen die Unbilden von Regen und Schnee schützte, verschmähte er alle diese Mittel, Zelt und Hütte und Umfriedung; er hatte den Himmel als Dach und setzte sich allen Fährnissen der Witterung aus. Bald von heftigem Regen durchnäßt, bald von Frost und Schnee erstarrt, ein anderes Mal von den Sonnenstrahlen verbrannt und gebraten, ertrug er alles standhaft, wie wenn er in fremdem Leibe stritte, bemüht, durch seinen Eifer die Natur des Körpers zu meistern. Denn obgleich von einem sterblichen und leidensfähigen Leibe umkleidet, wandelt er wie in einem leidenslosen und müht sich um ein unkörperliches Leben im Körper, so daß er mit dem gottbegeisterten Paulus ausrufen kann: „Im Fleische wandelnd, streiten wir nicht nach dem Fleische. Denn unsere Waffen sind nicht fleischlich, sondern gewaltig durch Gott zum Niederreißen von Festungen, Gedanken vernichtend und jede Hoheit, die sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und gefangen nehmend jeden Verstand zum Gehorsam Christi1.”

Aber zu diesen übermenschlichen Kämpfen hatte er sich durch weniger schwere Arbeiten vorgeübt. Er [S. 132] verschloß sich in eine kleine Hütte, rang sich los von dem Lärme der Welt, band den Geist an die Betrachtung Gottes und suchte sich so den Weg zur vollendeten Tugend zu ebnen. Und nachdem er in solcher Vorschule die Seele in edlen Mühen erprobt, wagte er größere Kämpfe. Wohnung nehmend auf jenem Berge, der von der Stadt nur dreißig Stadien entfernt ist, machte er die Höhe berühmt und ehrwürdig, die früher unbekannt und ganz unfruchtbar gewesen war. Sie hat nach dem allgemeinen Glauben einen so kräftigen Segen empfangen, daß von allen Seiten die Leute kommen und die Erde darauf abtragen, um sie als Schutzmittel nach Hause mitzunehmen.

In seinem Tun und Lassen kann er von allen, die des Weges kommen, gesehen werden. Denn wie erwähnt, hat er keine Höhle, kein Zelt, keine Zelle, keine Mauer, keinen Zaun, der ihn abschlösse. Man sieht ihn beten, ruhen, stehen und sitzen, gesund und krank, so daß er fortwährend vor Zuschauern kämpft und die Bedürfnisse der Natur zurückdrängt. Schon anderen Menschen, wenn sie auch wenig vornehm erzogen sind, fällt es nicht leicht, in Gegenwart Fremder die natürlichen Ausscheidungen vorzunehmen, geschweige denn einem Manne, der den Gipfel der Vollkommenheit erklommen hatte.

Folgendes Begebnis sage ich nicht vom Hörensagen, sondern als Augenzeuge. Vor vierzehn Jahren befiel ihn eine schwere Krankheit und erfaßte ihn, wie eben einen Menschen mit sterblicher Natur. Es war Hochsommer, und gar heftig brannten die Sonnenstrahlen, da die Winde ruhten und kein Lüftchen sich bewegte. Das Leiden war Überschuß an Galle, die nach unten drängte und quälte und die Eingeweide drückte und mit aller Gewalt nach außen trieb. Da konnte ich den Starkmut des Mannes schauen. Die ganze Umgegend hatte sich versammelt, in Erwartung, den Leichnam des Siegers im gegebenen Augenblicke an sich zu bringen. Er saß da in zwiefacher Not. Die Natur drängte zur Ausscheidung, die Scham vor der ihn umgebenden Menschenmenge forderte Beharren in seiner Lage.

[S. 133] Als ich dies bemerkte, richtete ich an die Zusammengekommenen dringende Mahnungen und Drohungen und hieß sie weggehen. Letztlich mußte ich mit kirchlichen Strafen einschreiten, aber erst spät am Abend brachte ich sie mit vieler Mühe von der Stelle. Doch der Mann Gottes ließ sich nicht einmal nach ihrem Fortgange von der Natur besiegen, sondern blieb standhaft, bis tiefe Nacht alle zwang, nach Hause zu gehen.

Als ich am folgenden Tage wieder zu ihm kam, sah ich, daß die Hitze stärker geworden war und sein Fieber durch die Sonnenglut von außen noch genährt und erhöht wurde. Da gab ich Kopfweh vor und sagte, ich könnte die Sonnenstrahlen nicht vertragen, und bat, mir doch etwas Schatten bei sich zu verschaffen. Er hieß mich drei Rohrstöcke in die Erde treiben und darüber zwei Felle legen, und so kamen wir zu dem gewollten Schatten. Auf seine Weisung, nun einzutreten, erwiderte ich: „Mein Vater, es wäre schmählich, wenn ich, jung und gesund, diese Erfrischung genießen wollte, du aber, von heftigem Fieber verzehrt und dieser Erleichterung bedürftig, draußen säßest, der Glut der Sonnenstrahlen ausgesetzt. Wenn du also”, sagte ich, „willst, daß ich den Schatten genieße, so teile mit mir dieses kleine Zelt. Ich will bei dir bleiben, ich lasse dich aber nicht unter den Strahlen der Sonne.” Als er diese Worte vernahm, gab er nach und nahm die Linderung, die ich ihm zugedacht, an. Als wir so zusammen den Schatten genossen, fing ich ein anderes Gespräch an und sagte, ich müsse mich legen, da meine Hüften das Sitzen nicht vertrügen. Da bat er mich, es zu tun. Ich aber erwiderte, es sei mir unerträglich, ihn sitzen zu sehen, während ich läge. „Wenn du also”, sagte ich, „willst, daß ich solche Ruhe genieße, müssen wir, mein Vater, beide uns legen. Allein zu rasten, müßte ich mich schämen.” Durch solche Worte überlistete ich den Standhaften und brachte ihm Erleichterung durch Liegen. Da er so auf den Boden ausgestreckt lag, redete ich ihm liebevoll zu, seine Seele freudig zu stimmen. Während ich mit der Hand unter dem Kleide den Rücken sanft ihm reiben wollte, gewahrte ich schwere Eisenmassen, die um Hüften und Nacken sich legten. Ketten gingen [S. 134] von dem Halsringe, zwei vorne und zwei rückwärts, schräg nach dem unteren Ringe, die Gestalt des griechischen Buchstaben X bildend, und verbanden die beiden Ringe miteinander. Ähnliche Fesseln trugen unter dem Gewande die Arme in der Gegend der Ellenbogen. Angesichts solcher Belastung bat ich ihn, dem kranken Körper doch Erleichterung zu bieten. Er könnte zu gleicher Zeit die freiwillig gewählte Bürde und die unfreiwillige Erkrankung nicht tragen. „Jetzt,” sagte ich, „mein Vater, tut das Fieber die Dienste des Eisens. Wenn dieses nachgelassen hat, dann werden wir dem Körper wieder die Last von Eisen auferlegen.” Er gab auch hierin nach, durch fortgesetztes Zureden dieser Art überwunden.

Er war damals nur einige Tage krank und genas rasch wieder. Aber später befiel ihn ein schwereres Leiden. Von allen Seiten kamen Leute herbei, um den Leichnam nach dem Hinscheiden an sich zu reißen. Als man dies in der Stadt erfuhr, eilte alles herbei, Soldaten und Bürger, jene in kriegerischer Rüstung, diese mit Waffen, die ihnen eben in die Hände fielen. Sie stellten sich feldmäßig zum Kampfe auf und warfen Geschosse, freilich nicht um zu treffen, sondern um zu schrecken. Damit vertrieben sie die Anwohner und hoben hierauf den siegreichen Kämpfer auf ein Tragbett. Er aber hatte gar nichts von dem Vorgefallenen gemerkt, nicht einmal gefühlt, daß ihm die Landleute die Haare ausgerissen hatten. Sie brachten ihn zur Stadt, und am Heiligtum der Propheten angelangt, setzten sie das Bett in dem nahen Kloster nieder. Ich war damals gerade in Beröa. Dorthin meldete mir ein Bote das Geschehene und zugleich, daß er im Sterben liege. Deshalb brach ich sogleich auf, reiste die ganze Nacht hindurch und gelangte in der Frühe zu dem göttlichen Mann, der nicht sprechen und niemand von den Anwesenden erkennen konnte. Als ich ihn aber ansprach und einen Gruß vom großen Akazius ihm sagte, schlug er sogleich die Augen auf, fragte, wie es mir gehe und erkundigte sich, wann ich gekommen sei. Nachdem ich darauf geantwortet hatte, schloß er wieder die Augen. Nach drei Tagen fragte er, wo er sei, und als er es erfuhr, war er sehr [S. 135] ungehalten und verlangte sogleich wieder auf den Berg gebracht zu werden. Da ich ihm in allem willfährig sein wollte, ließ ich sogleich das Tragbett an den geliebten Ort zurückbringen. Hier konnte ich beobachten, wie das ehrwürdige Haupt für alle Ehrung abgestorben war.

Am folgenden Tage brachte ich ihm gekühlten Gerstensaft. Denn Warmes nahm er nicht, und den Gebrauch des Feuers hatte er sich ganz versagt. Da er den Trank nicht nehmen wollte, sagte ich: „Erweise uns den Gefallen! Denn wir glauben, daß deine Gesundheit allgemeines Heil bedeute. Du bringst uns nicht nur als Vorbild Segen, sondern beschützest uns auch durch dein Gebet und erwirkst uns die göttliche Huld. Wenn dir das Ungewohnte zuwider ist, so zeige auch darin,” sagte ich, „mein Vater, deinen Starkmut. Denn auch das ist eine Art Tugend. Wenn du also in gesunden Tagen durch Starkmut die Begierde nach Nahrung überwandest, so zeige jetzt, wo du gar kein Verlangen darnach hast, den Starkmut durch Genuß.” Als ich dies sprach, war auch der Mann Gottes Polychronius zugegen, der meine Worte unterstützte und zuerst von dem Gerichte nehmen wollte, obgleich es noch früh am Morgen war und er oft alle sieben Tage nur seinem Leib Nahrung gestattete.

Durch diesen Zuspruch besiegt, schüttete er bei geschlossenen Augen einen Becher des Saftes hinunter, wie wir es bei bitteren Getränken zu tun pflegen. Da seine Füße so schwach geworden waren, daß er nicht mehr gehen konnte, bestimmten wir ihn, auch ein Bad zu nehmen.

Auch folgendes Begebnis, denke ich, mag den Grad seiner Tugend bekunden. Einer der dienenden Gefährten wollte den Becher, der dastand, in einem Korbe verbergen, damit ihn Ankömmlinge nicht sähen. Er aber sprach: „Was verbirgst du den Becher?” Der antwortete: „Damit er von Ankömmlingen nicht gesehen werde.” Da sagte er: „Weg, mein Sohn, verbirg nicht vor Menschen, was dem Gott des Alls offenbar ist. Denn da ich ihm allein leben will, kümmert mich menschlicher Ruhm nicht. Denn was habe ich davon, wenn Menschen mir größere Abtötung zuerkennen, Gott aber [S. 136] geringere? Nicht sie geben den Lohn für die Arbeiten, sondern Gott ist der Belohner.” Wer staunt da nicht über diese Worte und über den Geist, der diese hervorbrachte, wie er so ganz über alle menschliche Urteile erhaben war!

Ähnliches habe ich auch noch ein anderes Mal erlebt. Es war Abend, später Abend, und Zeit zum Essen. Er nahm den bereitstehenden irdenen Topf und verzehrte die wenigen eingeweichten Linsen; denn das war seine Nahrung. Da kam ein Mann aus der Stadt dazu, der eine Kriegssteuer eintreiben sollte. Er sah den Ankömmling von ferne, legte aber die Linsen nicht weg, sondern nahm seine Nahrung ein wie gewöhnlich. In der Meinung, es sei eine Gaukelei des Teufels, suchte er den vermeintlichen Widersacher mit Scheltworten zu vertreiben, und um zu zeigen, daß er sich nicht fürchte, führte er dazwischen die Linsen zum Munde. Der so Beschimpfte flehte und versicherte, daß er ein Mensch sei und daß er unter einem Schwure genötigt wurde, noch vor dem Abend die Stadt zu verlassen, und darum zu dieser Zeit hier ankomme. Er aber sagte: „Sei guten Mutes, fürchte dich nicht, sondern bete mit mir, und dann kannst du gehen. Sei mein Tischgenosse und teile mit mir die Speise.” Mit diesen Worten nahm er eine Hand voll Linsen und bot sie ihm dar.

So verbannte er die Leidenschaft eitler Ruhmsucht mit den übrigen Lastern aus seinem Geiste.

Über seinen Starkmut brauche ich nichts zu sagen. Er war mit Augen zu sehen. Denn oft lag er drei Tage und ebenso viele Nächte im Gebete hingestreckt am Boden, von gefallenem Schnee verschüttet, so daß man nichts mehr sah von den Lumpen, in die er gehüllt war. Oft mußten da die Nachbarn Schaufeln und Hacken anwenden, um den auf ihm lagernden Schnee wegzuschaffen und den Mann darunter freizulegen und aufzurichten.

Durch diese Arbeiten erntete er das Geschenk der göttlichen Gnade, die alle, die es wollten, erfahren durften. Denn durch seinen Segen wurde gelöscht und wird gelöscht die Hitze vieler Fieber. Wechselfieber ließen nach und hörten ganz auf, viele Dämonen mußten fliehen, [S. 137] Wasser, von seiner Rechten gesegnet, wird zum Unheil wehrenden Heilmittel. Wem ist die Auferweckung eines Knaben durch sein Gebet unbekannt? In der Vorstadt lebten dessen Eltern, die viele Kinder gehabt, aber alle vorzeitig dem Grabe übergeben mußten. Als nun dieser letzte Knabe geboren wurde, eilte der Vater zu dem Manne Gottes und bat, er möchte ihm ein langes Leben erflehen, mit dem Versprechen, ihn, wenn er am Leben bliebe, Gott zu weihen. Vier Jahre lebte das Kind, dann starb es. Der Vater war gerade abwesend. Da er sofort heimkehrte, mußte er sehen, wie es bereits zu Grabe getragen wurde. Er nahm es von der Bahre weg und sprach: „Ich muß mein Versprechen erfüllen und es auch tot dem Manne Gottes schenken.” Sprachs und trug das Kind fort und legte es zu des Heiligen Füßen mit denselben Worten, die er auch zu den Seinigen gesprochen. Der Mann Gottes nahm es an sich, beugte seine Knie, warf sich zu Boden und rief den Herrn über Leben und Tod an. Gegen Abend ließ der Knabe seine Stimme hören und rief den Vater. Da so der gottselige Mann gewahrte, daß der Herr sein Gebet erhört und dem Knaben das Leben wiedergegeben habe, stand er auf und betete den an, der den Willen derer tut, die ihn fürchten, und ihre Gebete erhört. Er vollendete seine Andacht und gab dem Erzeuger den Knaben zurück, Ich habe das Kind selbst gesehen und mir vom Vater das Wunder berichten lassen. Ich habe auch vielen Leuten diese apostolische Wundertat erzählt, überzeugt, daß sie allen, die sie hörten, großen Nutzen bringen würde.

Auch ich habe oftmals seine Hilfe erfahren. Nur einen oder zwei Fälle will ich anführen. Ich hielte mich für sehr undankbar, wenn ich die verschiedenen Wohltaten der Vergessenheit übergeben, sie nicht mitteilen wollte.

Der abscheuliche Markion hatte viele Dornen seiner Gottlosigkeit in der Gegend von Cyrus gesät. Sie mit der Wurzel auszureißen, setzte ich alle Kräfte in Bewegung und hörte nicht auf, mit allen Mitteln wider ihn zu kämpfen. Die aber, deren Heilung ich mir angelegen sein ließ, „statt mich zu lieben, verleumdeten sie mich, erwiesen mir statt Gutes Böses und Haß statt [S. 138] Liebe2”. Mit Zauberkünsten wandten sie sich an die Teufel als Helfershelfer und unternahmen so einen unsichtbaren Krieg gegen mich. In einer Nacht kam so ein unheilvoller Dämon und schrie in syrischer Sprache: „Was streitest du da gegen Markion? Warum hast du den Kampf gegen ihn unternommen? Was hat er dir je Übles getan? Stelle ein den Krieg, lege ab die Feindschaft, und du wirst erfahren, ein wie großes Gut die Ruhe ist. Denn wisse wohl, längst hätte ich dich getroffen, müßte ich nicht sehen, wie der Chor der Martyrer mit Jakobus dich beschützt.” Das hörte ich und fragte einen Vertrauten, der in der Nähe schlief: „Hörst du, was da gesprochen wird?” „Alles”, sagte er, „habe ich gehört. Ich wollte aufstehen und mich umschauen, um zu erfahren, wer gesprochen habe. Deinetwegen aber blieb ich ruhig, weil ich glaubte, du schliefest.” Wir standen nun beide auf, sahen uns um, konnten aber niemanden gehen oder sprechen hören. Jene Worte hatten aber auch unsere Hausgenossen gehört. Ich verstand nun, daß er mit dem Chor der Martyrer das Ölfläschchen der Martyrer meinte, welches den Segen vieler Martyrer enthielt und neben meinem Bette hing. Unter meinem Kopfe aber lag der alte Mantel des großen Jakobus, der für mich eine festere Schutzwehr war denn jeglich Gehege aus Stahl.

Da ich nun im Begriffe war, das größte jener Dörfer anzugreifen, eingetretene Hindernisse aber meiner Abreise sich in den Weg stellten, schickte ich zu meinem Isaias, mit der Bitte, die göttliche Hilfe mir zu erflehen. Er aber sprach: „Sei guten Mutes, alle diese Hindernisse sind wie Spinngewebe zerstoben. Dies hat mir Gott in der Nacht geoffenbart, nicht im Traume schattenhaft, sondern klar im wachen Zustande. Ich sah nämlich, da ich den Psalmengesang anfing, nach der Richtung, wo jene Orte liegen, eine feurige Schlange von Westen nach Osten kriechen und durch die Luft fliegen. Nach Beendigung dreier Gebete schaute ich sie wiederum, und zwar zusammengekrümmt, in der Gestalt eines Ringes den Schwanz mit dem Kopf verbunden. [S. 139] Nachdem ich acht Gebete verrichtet hatte, sah ich sie mitten entzwei geborsten und in Dunst aufgelöst.” Das sah er voraus; wir aber erfuhren, wie der Ausgang mit dem Gesichte übereinstimmte. Denn in der Morgenfrühe kamen die unter der Schlange, der Urheberin des Unheils, streitenden früheren Anhänger Markions, die jetzt zu der apostolischen Streitmacht übergetreten sind, von Westen her und zeigten uns ihre Schwerter. Gegen die dritte Stunde des Tages aber staffelten sie die Reihen tiefer, für ihre eigene Sicherheit bangend, gleich der Schlange, die mit dem Schwanze den Kopf bedeckt. Zur achten Stunde aber zerstreuten sie sich und gestatteten uns den Einzug in die Stadt. Und wir fanden als Erstes eine Schlange aus Erz, welche von ihnen angebetet wurde. Denn während sie gegen den Bildner und Schöpfer aller Dinge offen den Krieg unternahmen, verehrten sie eifrig die verfluchte Schlange als dessen Feind.

Weil aber die Rede auf die göttlichen Offenbarungen gekommen ist, will ich erzählen, was ich von jener wahrhaften Zunge gehört habe. Er erzählte nicht aus Ehrsucht, denn davon war diese göttliche Seele weit entfernt, sondern unter einem gewissen Zwange, zu sprechen, was er gerne verheimlicht hätte. Ich bat ihn, bei dem Gotte des Alls zu erwirken, daß ich die Saat ganz von Unkraut zu säubern und völlig von häretischem Gesäme zu reinigen vermöchte. Denn es betrübte mich sehr die starke Verbreitung der Irrlehre des verabscheuungswürdigen Markion. Daraufhin sagte er: „Du brauchst weder mich noch einen andern als Fürsprecher. Du hast den großen Johannes, die Stimme des Wortes, den Vorläufer des Herrn, der stets in dieser Sache für dich bittet.” Da ich erwiderte, daß ich gewiß auch auf dessen Fürsprache baute und auf die Fürsprache der übrigen Apostel und Propheten, deren Reliquien jüngst zu uns gekommen seien, versetzte er: „Sei guten Mutes, daß du den Täufer hast.” Aber auch so konnte ich nicht schweigen und drang umso mehr in ihn, zu erfahren, warum er gerade diesen erwähne. Er aber: „Ich möchte gerne diese geliebten Reliquien küssen.” Ich erwiderte: „Ich werde sie nicht hierher bringen, wenn du mir nicht [S. 140] versprichst, zu sagen, was du gesehen hast.” Er versprach es, und am folgenden Tage brachte ich ihm was er gewünscht. Da hieß er alle sich entfernen und erzählte mir allein folgendes Gesicht:

„Als du diese Beschützer der Stadt bei ihrer Ankunft aus Phönizien und Palästina unter Davidschen Gesängen empfingst, kam mir der Gedanke, ob das wirklich die Reliquien des großen Johannes und nicht die eines anderen Martyrers gleichen Namens seien. Am folgenden Tage, da ich nachts zum Psalmengesang aufstand, sah ich einen Mann in weißem Kleide, der zu mir sprach: ‚Bruder Jakobus, warum bist du uns bei unserer Ankunft nicht entgegengegangen?’ Auf meine Frage, wer sie seien, entgegnete er: ‚Die gestern von Phönizien und Palästina gekommen sind. Und während alle uns gar freudig empfingen, Hirt und Volk, Städter und Landbewohner, nahmst du allein nicht an der Ehrung teil.’ Damit deutete er den Zweifel an.” Darauf habe er, erzählte er weiter, geantwortet: „‚Ich kann auch in eurer Abwesenheit zu Gott beten.’ Am folgenden Tage erschien er wiederum, zur selben Zeit, und sprach: ‚Bruder Jakobus, sieh dort den stehen, dessen Kleid weiß ist wie Schnee, und neben ihm ein Ofen mit Feuer.’ Als ich meine Augen dorthin wandte und Johannes den Täufer vermutete ― denn er hatte ein langes Gewand umgeworfen und streckte die Hand zum Taufen aus ―, sagte er: ‚Er ist′s, den du vermutest.”’

Ein anderes Mal sagte er mir: „Als du nächtlich zu dem ersten Dorfe dich begabst, um die Aufrührer zu züchtigen, und mich ersuchtest, eifriger zu Gott zu beten, durchwachte ich die Nacht im Gebete zum Herrn. Da hörte ich eine Stimme, die sagte: ‚Fürchte dich nicht, Jakobus. Der große Johannes der Täufer betet die ganze Nacht zum Gott des Alls. Denn es wäre viel Blut vergossen worden, wenn nicht seine Fürsprache den Übermut des Teufels bändigte.”’

Nachdem er mir dieses Erlebnis erzählt hatte, verlangte er, daß ich es für mich behielte und andere es nicht erführen. Aber des allgemeinen Nutzens willen habe ich es nicht nur vielen kund getan, sondern schreibe es jetzt auch nieder.

[S. 141] Auch den Patriarchen Joseph habe er gesehen, grau das Haupt und den Bart und im Greisenalter noch mit dem Glanze der Jugendschönheit begnadet. Und obgleich er doch den Gipfel der Vollkommenheit erreicht, habe er sich den letzten der Heiligen genannt. „Als ich ihm sagte,” bemerkte Jakobus, „er sei der erste unter denen, die mit ihm die Ehre der Bahre teilten, hieß er sich selbst den letzten3.”

Er erzählte mir auch von den mannigfachen Anschlägen, welche die bösen Geister auf ihn gemacht hätten. „Gleich bei Aufnahme dieser meiner Lebensweise”, begann er, „erschien mir ein nackter Mensch, dem Äußern nach ein Äthiopier, Feuer aus den Augen sprühend. Bei seinem Anblick wurde ich von Furcht befallen und wandte mich zum Gebete und konnte keine Nahrung mehr zu mir nehmen. Denn eben um die Essenszeit war er erschienen. So verbrachte ich sieben, acht und zehn Tage ohne Nahrung, letztlich aber verachtete ich den bösen Überfall und setzte mich nieder zum Essen. Dieser Starkmut ärgerte ihn, und er drohte, mich mit dem Stocke zu schlagen. Ich aber sagte: ‚Wenn dir vom Herrn des Alls der Auftrag geworden ist, so schlage! Gerne will ich die Züchtigung hinnehmen, da sie dann von ihm kommt. Wenn du aber nicht beauftragt bist, wirst du nicht schlagen, auch wenn du tausendmal wütest.’ Als er dies hörte floh er, fuhr aber fort, heimlich gegen mich zu rasen.

Zweimal in der Woche wurde mir von unten Wasser gebracht. Er stellte sich dem Träger in den Weg, indem er mein Aussehen nachäffte, nahm den Krug ab, befahl ihm wegzugehen und goß die Flüssigkeit aus. Dies tat er zweimal und dreimal und bekämpfte mich so mit der Qual des Durstes. Sehr unwillig fragte ich den Träger: ‚Warum hast du in den verflossenen fünfzehn Tagen kein Wasser gebracht?’ Er erwiderte, er habe es mir dreimal und viermal gebracht, und ich hätte es in Empfang genommen. ‚Und wo’, sagte ich, ‚habe ich es von dir in Empfang genommen?’ Als er mir den Platz zeigte, sagte ich ihm: ‚Und wenn du mich auch tausendmal dort [S. 142] siehst, gib das Gefäß nicht weg, bis du hierher gekommen bist.’

Nachdem auch dieser Angriff abgeschlagen war, versuchte er andere Wege. So schrie er eines Nachts: ‚Ich werde dich in solchen Gestank hüllen und in so schlechten Ruf dich bringen, daß kein Mensch mehr hierher kommen wird, dich zu sehen.’ Darauf antwortete ich: ‚Dafür werde ich dir Dank abstatten, denn wider Willen wirst du damit dem Verhaßten eine Wohltat erweisen, indem du mir ungestörtes Schwelgen in der Betrachtung Gottes ermöglichst. Größerer Ruhe mich freuend, wird die Versenkung in die göttliche Schönheit meine beständige Beschäftigung sein.’

Als ich nach wenigen Tagen zur Mittagszeit den gewohnten göttlichen Dienst verrichtete, sah ich zwei Weiber den Berg herabkommen. Unwillig über dieses ungewohnte Schauspiel, wollte ich sie mit Steinen vertreiben. Da erinnerte ich mich der Drohung des Unholden und vermutete, daß eben diese Erscheinung es wäre, die mich in Verruf bringen sollte. Doch dem kam ich zuvor und rief laut: ‚Wenn sie auch auf meinen Schultern säßen, ich werde sie nicht mit Steinen bewerfen und sie nicht verfolgen, sondern nur Gebet gegen sie anwenden.’ So sprach ich; sie aber verschwanden, und mit meinen Worten war auch das Gaukelspiel zu Ende.

Während ich wieder einmal zur Nachtzeit betete, hörte ich das Geräusch eines Wagens, Kutscherrufe und wiehernde Pferde. Das Ungewohnte der Sache beunruhigte mich. Denn ich bedachte, daß damals kein Präfekt in der Stadt sich aufhielt, daß dies kein Weg für Fuhrwerke sei und auch keine Zeit, wo Wagen fahren. Während ich so überlegte, hörte ich den Lärm einer sich nähernden Menge. An der Spitze gingen Leute mit Stäben, die unter Schreien und Pfeifen die Menge teilten und dem Präfekten den Weg frei machten. Als es mir näher zu kommen schien, fragte ich: ‚Wer bist du, woher kommst du und was hat dich zu dieser Zeit hierher geführt? Wie lange treibst du noch solches Spiel, Elender, und verachtest die göttliche Langmut?’ Dies sprach ich, nach Sonnenaufgang gewendet und an Gott [S. 143] mein Gebet richtend. Da führte er einen Stoß, konnte mir aber nicht beikommen. Die Gnade Gottes fiel ihm in den Arm, und auf der Stelle war alles verschwunden.”

Er erzählte auch, daß er in den Zeiten jener ruchlosen Banden, die von Isaurien aus den ganzen Orient brandschatzten und plünderten, in großer Furcht gelebt hätte, nicht weil ihn selbst der Mordstahl treffen könnte ― er hing nicht so sehr am Leibe ―, sondern weil er den Menschenraub und die Sklaverei und die Frivolität und Gesetzlosigkeit mit ansehen mußte. Das war dem Teufel bekannt, denn er hatte öfter gehört, wie Jakobus vor Freunden sich darüber ausgesprochen. Darum täuschte er nächtlich das Wehklagen von Weibern vor. „Mir war”, fuhr er fort, „als hörte ich die Ankunft der Feinde, die Feuer an die Dörfer legten. Sogleich scheitelte ich mein Haupthaar, legte einen Teil nach rechts, den andern nach links und ließ es über die Schultern auf die Brust herabhängen, um so den Nacken für den Schwertstreich freizumachen und einen schnellen Todesstoß zu erhalten und von dem schrecklichen Schauspiele befreit zu werden. So verbrachte ich die ganze Nacht, fortwährend ihren Einbruch erwartend. Als es aber Tag geworden und Leute kamen, erkundigte ich mich, was sie von den Isaurern gehört hätten. Diese erklärten, in den letzten Tagen sei nichts von ihnen bekannt geworden. Und so erkannte ich, daß es teuflische Gaukelei gewesen war.”

„Ein anderes Mal”, erzählte er, „kam der Teufel in der Gestalt eines üppigen Jünglings von glänzender Schönheit, mit blondem Haar geschmückt, lächelnd und scherzend. Ich aber, zornbewaffnet, suchte ihn durch Schmähungen zu vertreiben. Er aber blieb, lüstern der Blick, im Lachen wie im Sprechen die Wollust verratend. Da steigerte ich meinen Zorn noch mehr und rief: ‚Wie kannst du den ganzen Erdkreis durchziehen und auf alle Menschen solche Angriffe verüben?’ Er erwiderte, er sei nicht allein, sondern eine Menge von Dämonen sei über den ganzen Erdkreis zerstreut, die auf diese Weise spielten und zugleich Ernst machten. Denn mit scheinbarem Scherzen suchen sie ernstlich die ganze menschliche Natur zu verderben. ‚Aber du’, sagte ich, [S. 144] ‚gehe, da dir Christus befiehlt, der eine ganze Legion durch die Schweine in den Abgrund getrieben.’ Hören und fliehen war eins. Die Kraft des Namens des Herrn und den Glanz der Tugend seines Dieners konnte er nicht ertragen.”

Viele Dinge, die ich von ihm weiß, will ich nicht niederschreiben, damit nicht die Masse den Schwachen einen Vorwand zum Unglauben abgebe. Denen, die den Mann Gottes sehen, erscheint nichts von dem Gesagten unglaubwürdig, da der Anblick seiner Tugend die Bestätigung gibt. Da aber die niedergeschriebene Erzählung auch für die Späteren bestimmt ist und der großen Menge die Augen glaubwürdiger sind als die Ohren, so bemessen wir den Bericht nach der Schwachheit der Hörenden.

Die Bewohner des nahen Dorfes bauten ihm, nur wenige Stadien entfernt, ein großes Heiligtum, ich selbst hatte ihm in der Kirche der siegreichen Apostel ein Grabmal bereitgestellt. Als dies der Mann Gottes erfuhr, drang er oft in mich, daß sein Leib auf jenem Berge beigesetzt werde. Ich aber stellte ihm wiederholt vor, daß Männer, die das gegenwärtige Leben so ganz mißachtet hätten, für das Begräbnis keine Vorsorge treffen dürften. Da ich aber sah, wie sehr ihm die Sache zu Herzen gehe, gab ich nach und stimmte zu. Ich ließ den ihm zugedachten Steinsarg ablösen und auf den Berg verbringen. Und da ich beobachtete, daß der Stein durch den Frost Schaden leide, ließ ich ein kleines Gehäuse für den Sarg errichten. Nachdem wir den Bau vollendet und seinem Befehle gemäß das Dach darauf gesetzt hatten, sprach er: „Ich werde nicht dulden, daß dieser Bau Grab des Jakobus heiße, sondern ich will, daß es ein Heiligtum der siegreichen Martyrer werde. Mich möge man als Ansiedler in einen anderen Sarg legen und mir gönnen, an deren Seite zu ruhen.” So sprach er nicht nur, sondern handelte auch darnach. Von allen Seiten sammelte er Reliquien von Propheten und Aposteln und insbesondere von Martyrern und setzte sie in dem einen Sarge bei. Mit der Schar dieser Heiligen wollte er zusammenwohnen, mit ihnen auferstehen und mit ihnen der Gottschauung gewürdigt werden. Das beweist zur Genüge [S. 145] die Demut seiner Gesinnung. Er, der so großen Reichtum gesammelt, wünschte, als litte er äußerste Armut, als Beisaß neben Reichen zu wohnen.

Das Gesagte reicht hin, zu zeigen, welchen Arbeiten sich dieses ehrwürdige Haupt unterzogen, welche Kämpfe er bestanden, welcher Gnade er sich seitens Gottes erfreut, welche Siege er davongetragen und mit welchen Kronen er geschmückt worden. Da aber manche die Unfreundlichkeit seines Wesens tadeln und ihm die allzu große Liebe zur Einsamkeit und Ruhe verübeln, so will ich, bevor ich die Erzählung beschließe, darüber noch einiges sagen.

Sein Leben spielt sich, wie berichtet, vor den Augen der Öffentlichkeit ab. Keine Umfriedung, keine Hütte, kein Zelt entzieht ihn den Blicken. Ein jeder, der kommt, tritt, durch kein Gehege behindert, unmittelbar ein und will mit ihm sich unterhalten. Andere Männer, welche dasselbe Tugendleben führen, haben Mauern und Türen und erfreuen sich so der Ruhe. Der Eingeschlossene öffnet, wem er will, läßt warten, solange er will, und genießt die Versenkung ins Göttliche wie er will. Von alldem ist hier nichts. Deshalb ist er so ungehalten über die, welche ihn zur Zeit des Gebetes belästigen. Wenn sie auf seine Weisung hin sogleich sich entfernen, setzt er ruhig sein Gebet fort. Wenn aber die Lästigen bleiben und, ein- oder zweimal aufgefordert, nicht folgen, dann schickt er sie, unwillig scheltend, von dannen. Ich habe vielmals mit ihm darüber gesprochen und gesagt, daß manche von den Weggeschickten es sehr übelnehmen, daß sie den Segen nicht empfingen. Es schicke sich doch, Leute, welche in solcher Absicht hierher gekommen seien und einen Weg von vielen Tagereisen zurückgelegt hätten, nicht betrübt weggehen zu lassen, sondern mit Gesprächen der göttlichen Weisheit die Unwissenden zu bewirten. Er aber entgegnete: „Nicht für andere, sondern meinetwegen habe ich diesen Berg erwählt. Mit vielen Wunden der Sünde bedeckt, bedarf ich ausgiebiger Heilung. Und darum bitte ich unseren Herrn, mir die Heilmittel gegen mein Übel zu verleihen. Wäre es nicht unsinnig und ungereimt, wenn ich den Faden des Gebetes da durchschnitte und dazwischen mit [S. 146] Menschen mich unterhielte? Wäre ich der Diener eines Herrn, der die gleiche Natur mit mir teilte, und wollte ich es zur Zeit des schuldigen Dienstes unterlassen, ihm Speise und Trank zu bringen und plauderte dafür mit meinen Mitdienern, welche Schläge würde ich da mit Recht erhalten? Wenn ich zu einem Beamten käme und ihm ein erlittenes Unrecht darlegen wollte, mitten darin aber die Darlegung abschnitte und andere Reden mit Anwesenden führte ― glaubst du nicht, daß da der Richter aufgebracht würde, mir die Hilfe versagte, noch Schläge hinzufügte und mich aus den Schranken verjagte? Wenn nun der Diener gegenüber dem Herrn, der Hilfsbedürftige gegenüber dem Richter sich angemessen benimmt, wie wäre es da recht, daß ich, wenn ich zu Gott, dem ewigen Herrn und gerechtesten Richter und König des Alls, hinzuträte, anders vor ihn träte wie jene und zwischen dem Gebete zu den Mitknechten mich wendete und eine lange Unterredung mit ihnen hielte?” Solches hörte ich von ihm und überbrachte es auch den Unzufriedenen. Und er scheint mir ganz recht gesprochen zu haben. Dazu ist es den Liebenden eigen, daß sie alle anderen Leute übersehen und nur an dem hängen, den sie lieben und schätzen, auch des Nachts von ihm träumen und am Tage nur an ihn denken. Und so, glaube ich, wird er ungehalten, wenn man ihn stört in der wonniglichen Schauung und im Genusse der geliebten Schönheit.

Bei dieser Erzählung habe ich mich äußerster Kürze beflissen, um nicht durch die Länge die Leser zu belästigen. Wenn aber Jakobus diese Schrift überlebt, wird er noch ungezählte andere Großtaten zu den früheren fügen. Diese mögen andere aufzeichnen. Denn ich trage großes Verlangen nach dem Heimgange aus dieser Welt. Aber der Preisrichter für die Tugendstreiter wird auch diesem Helden ein den Kämpfen würdiges Ende verleihen und machen, daß der Rest seines Wettlaufes dem früheren entspreche, damit er als Sieger das Ziel erreiche und unsere Schwäche durch seine Gebete stärke, damit wir kräftig unsere zahlreichen Niederlagen wieder gut machen und siegreich aus dem Leben scheiden.

1: 2 Kor. 10, 3―5.
2: Ps. 108, 4―5 [hebr. Ps. 109, 4-5].
3: Vgl. Exod. 13, 19; Jos. 24, 32.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger