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Theodoret von Cyrus († 466) - Mönchsgeschichte (Historia Religiosa)

20. Maris

Bei uns liegt ein Dorf, Homeros genannt. In dessen Nähe baute sich der gottselige Maris eine kleine Hütte und lebte siebenunddreißig Jahre darin eingeschlossen. Von dem nahen Berge setzte ihm starke Feuchtigkeit und sickernde Nässe zu. Wie schädlich dies für die Gesundheit ist, wissen die Bewohner der Stadt und des Landes. Denn auch den Landleuten sind die Krankheiten bekannt, die daraus entstehen. Aber das konnte jenes heilige Haupt nicht bewegen, seine Hütte aufzugeben, sondern er verharrte standhaft darin, bis er seinen Lauf vollendet hatte.

Auch sein früheres Leben hatte er in mühevollem Streben nach Tugend verbracht und so die Reinheit des Leibes und der Seele bewahrt. Das hat er mir selbst mitgeteilt, indem er erklärte, sein Leib sei unversehrt geblieben, so wie er aus dem Mutterschoße hervorgegangen. Und das, obgleich er viele Martyrerfeste in seiner Jugend mitfeierte und durch seine angenehme Stimme das Volk entzückte. Mit Psalmengesang verbrachte er denn gern die Zeit und glänzte durch körperliche Schönheit. Aber weder die Wohlgestalt des Leibes noch der Wohlklang der Stimme noch der Verkehr mit der Menge befleckte die Schönheit seiner Seele, sondern, wie Reklusen lebend, war er nur für die eigene Seele besorgt, um dann den Tugendschatz durch die Mühen des Einsiedlers zu vermehren.

Oft erfreute ich mich seines Umgangs. Er ließ hinter mir die Türe verschließen, umarmte mich beim Eintritt und hielt lange Vorträge über die Vollkommenheit. Auch er zeichnete sich durch Einfalt aus und verabscheute ganz und gar gekünsteltes Benehmen. Die Armut liebte er mehr als großen Reichtum. Neunzig Jahre [S. 130] lang trug er aus Ziegenhaaren verfertigte Kleider. Brot und wenig Salz befriedigte sein Nahrungsbedürfnis.

Seit langem sehnte er sich, der Feier des geistigen und mystischen Opfers beiwohnen zu können, und er bat mich, bei ihm die Darbringung der Gottesgabe zu vollziehen. Gerne willfahrte ich und ließ die heiligen Gefäße dorthin bringen, denn der Ort war nicht weit entfernt. Indem ich die Hände der Diakone als Altar gebrauchte, brachte ich das geheimnisvolle, göttliche, heilbringende Opfer dar. Er aber war voll geistiger Freude, glaubte sich in den Himmel versetzt und sagte, niemals eine solche Wonne gekostet zu haben.

Ich aber, den er so heiß geliebt, hielte es für ein Unrecht gegen ihn, wenn ich nicht nach dem Tode sein Lob verkündete, und für ein Unrecht gegen andere, wenn ich nicht diese hohe Tugend zur Nachahmung vorstellte. Mit der Bitte um seine Hilfe beschließe ich die Erzählung.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger