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Theodoret von Cyrus († 466) - Mönchsgeschichte (Historia Religiosa)

2. Julianus

Julianus, den die Eingeborenen Sabbas, d. h. den Alten, ehrenhalber nennen, schlug in der Gegend der Parther, die jetzt Osrhoëne heißt, seine Einsiedlerzelle auf. Jene Gegend reicht gegen Sonnenuntergang bis zum Euphratfluß, gegen Sonnenaufgang grenzt sie an das römische Reich. Daran stößt Assyrien, das die westliche [S. 36] Grenze des persischen Reiches bildet; es wurde von den Späteren Adiabene genannt. In dieser Gegend gibt es viele große und volkreiche Städte, ein großer Teil des Landes ist bewohnt, aber ein großer Teil ist auch unbewohnt und wüst. Als der Gottesmann an dem äußersten Ende dieser Wüste angekommen war, fand er eine natürliche Höhle, keineswegs behaglich und regelrecht gegraben; sie konnte aber etwas Schutz bieten, wer dahin flüchten wollte. Diesen Platz erwählte er sich mit Freuden, indem er ihn für kostbarer als von Gold und Silber schimmernde Paläste erachtete. Darin lebte er und nahm nur einmal in der Woche Speise zu sich. Als Speise diente ihm Hirsebrot, und zwar aus der Kleie zubereitet, als Zukost Salz, als süßester Trank das natürliche Flußwasser, das er aber nicht bis zur Stillung des Durstes nahm, sondern nach der genossenen Speise abmaß. Aber Lust und Schwelgerei, köstlicher Schmaus waren ihm die Psalmen Davids und der beständige Umgang mit Gott. Trotzdem er dies im Übermaß genoß, wollte er nicht satt werden daran, sondern stetig damit sich labend, rief er stetig aus: „Wie süß sind meinem Gaumen deine Worte! Süßer als Honig und Honigwabe1.” Wieder vernahm er die Worte des seligen David: „Die Satzungen des Herrn sind gerecht, gerechtfertigt in sich selber, lieblicher als Gold und kostbarer Edelstein und süßer als Honig und Honigwabe2.” Und wiederum hörte er ihn sagen: „Freue dich im Herrn, und er wird dir die Wünsche deines Herzens erfüllen3”, und wiederum: „Es freue sich das Herz derer, die den Herrn suchen4”, und: „Laß mein Herz Freude daran haben, deinen Namen zu fürchten5”, und: „Kostet und sehet, wie gütig der Herr6”, und: „Es dürstet meine Seele nach Gott, dem Starken und Lebendigen7”, und: „Dir hängt meine Seele an8”.

Und auch die Liebe dieses Sängers nahm er in sich auf. Denn auch deshalb hat der große David dies [S. 37] gesungen, um viele zu belehren und zu Genossen und Teilnehmern in der Liebe Gottes zu machen. In dieser Hoffnung hat er sich nicht getäuscht: auch diesen Gottesmann und unzählige andere hat er mit der göttlichen Liebe verwundet. Dieser nahm eine solche Glut der Liebe in sich auf, daß er, von Liebessehnsucht wie trunken, nichts von Irdischem mehr sah, sondern nur von dem Geliebten nachts träumte, am Tage nur an ihn dachte.

Da viele diese seine höchste Weisheit in Erfahrung gebracht, sowohl Leute aus der Nachbarschaft als aus der Ferne ― geflügelt eilte der Ruf nach allen Seiten ―, kamen sie zu ihm und baten, an dem geistigen Kampfe teilhaben und unter ihm als ihrem Erzieher und Lehrer im Ringkampf ihr übriges Leben hinbringen zu dürfen. Denn nicht bloß die Vögel fangen durch ihren Gesang Vögel, locken ihre Artgenossen zu sich und verstricken sie in die ausgebreiteten Netze, auch die Menschen erjagen die Genossen ihrer Natur, die einen zum Verderben, die anderen zum Heile. So sammelten sich schnell zehn um ihn, dann die doppelte und die dreifache Zahl und stiegen bis auf hundert; und obgleich so viele geworden, bewohnten sie jene Höhle, denn sie hatten von dem Greise gelernt, die Pflege des Körpers zu mißachten. Auch sie genossen wie ihr Erzieher das Hirsebrot, gewürzt durch Salz. Später sammelten sie wildgewachsene Kräuter, füllten sie in irdene Töpfe, mischten sie mit Meerwasser, so viel als nötig war, und hatten so ein Zugemüse für die der Pflege Bedürftigen. Diesen Kräutern sind aber feuchte Wohnungen schädlich, denn sie verursachen Schimmel und Fäulnis. Solche Schädigung erfuhr auch jenes Gemüse, denn von allen Seiten drang die Feuchtigkeit in die Höhle. Darum baten ihn die Schüler, sie eine kleine Hütte bauen zu lassen, die für die Gefäße des Gemüses hinreichte. Anfangs gewährte er ihnen die Bitte nicht, später ließ er sich aber überreden, denn er war vom großen Paulus belehrt worden, nicht sich zu suchen, sondern sich den Schwachen anzubequemen9. Er überwies ihnen einen kleinen [S. 38] schmalen Raum für eine Hütte, er selbst entfernte sich weit von der Höhle, um Gott die gewohnten Gebete darzubringen. Er war nämlich gewohnt, oft fünfzig, manchmal noch einmal so viel Stadien in die Wüste zu gehen, von allem menschlichen Umgange abgesondert, in sich selbst gekehrt, vertraulich mit Gott sich zu unterhalten und jene göttliche unaussprechliche Schönheit zu betrachten. Diese Gelegenheit benutzten seine Schüler und bauten eine Zelle, wie sie für den Gebrauch notwendig schien, aber größer, als ihnen anbefohlen worden war. Als er am zehnten Tage zurückkehrte wie Moses von dem Berge und jenem unaussprechlichen Umgang und sah, daß der Bau größer ausgefallen als er gewollt, sprach er: „Ich fürchte, ihr Männer, daß wir mit der Erweiterung der irdischen Wohnungen die himmlischen verengern, und doch sind jene zeitlich und dienen uns nicht lange, diese aber sind ewig und werden kein Ende haben.” So sprach er, indem er die Schar zum Vollkommenen anleiten wollte; er duldete es jedoch, indem er das apostolische Wort befolgte: „Ich suche nicht, was mir, sondern was den Vielen frommt, damit sie gerettet werden10.”

Er belehrte sie auch, drinnen gemeinschaftlich den Psalmengesang Gott darzubringen, nach Anbruch der Morgenröte aber zu zweien in die Wüste hinauszugehen; der eine sollte auf den Knien Gott die schuldige Anbetung darbringen, der andere stehend fünfzehn Psalmen Davids singen; dann aber sollten sie ihre Arbeit vertauschen und der eine stehend singen, der andere zur Erde gebeugt anbeten. So taten sie ohne Unterbrechung vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung. Vor Sonnenuntergang ruhten sie etwas und kamen dann von allen Seiten zur Höhle zusammen, die einen von hier, die andern von dort, und brachten gemeinschaftlich dem Herrn den Abendgesang dar.

Der Greis pflegte aber selbst einen von den Ausgezeichneteren zum Gefährten seines Gottesdienstes heranzuziehen. So folgte ihm häufiger ein Mann, Perser von Geburt, namens Jakobus, von großer und wunderbarer [S. 39] Statur. Aber wunderbarer war die Schönheit seiner Seele. Auch nach des Greises Tod glänzte er in jeder Tugend und war ausgezeichnet und berühmt, nicht nur dort, sondern auch in den Pflegestätten der hl. Weisheit Syriens, in denen er starb, nachdem er, wie erzählt wird, hundert und vier Jahre gelebt hatte. Dieser folgte dem großen Greise von weitem, wenn er ihn auf der Wanderung in der Wüste begleitete, denn der Lehrer ließ ihn nicht nahe an sich herankommen, damit das nicht eine Veranlassung zur Unterhaltung werde, die Unterhaltung aber den Geist von der Betrachtung Gottes abziehe. Da er ihn einmal begleitete, sah er eine Schlange von ungeheurer Größe am Wege liegen. Wie er sie so betrachtete, wagte er nicht weiter zu gehen, er wollte wiederholt aus Furcht ausweichen, faßte aber endlich Mut, bückte sich und warf einen Stein auf die Schlange. Da sah er, daß die Schlange in derselben Lage verblieb und sich nicht regen konnte. Daraus schloß er, daß sie tot sei, und vermutete, daß der Tod des Untieres das Werk des Greises wäre. Nachdem der Gang vollendet und der Dienst des Psalmengesanges vollbracht war, setzte der Greis, da die Zeit der Erholung gekommen war, sich nieder, um dem Körper eine kurze Ruhe zu gönnen. Zuerst saß er schweigend da. Als er aber ein Gespräch angefangen, bat Jakobus lächelnd, ihm über etwas Aufschluß zu geben. Als er ihm erlaubte, zu sprechen, sagte er: „Ich sah am Wege eine ungeheure Schlange hingestreckt liegen. Zuerst fürchtete ich mich, weil ich sie für lebend hielt. Als ich aber fand, daß sie tot sei, setzte ich mutig meinen Weg fort. Sage mir also, Vater, wer hat sie getötet? Denn du gingst voraus, und niemand anderer kam des Weges daher.” Da sprach der Greis: „Höre auf, so neugierig zu fragen nach Dingen, die dir keinen Nutzen bringen.” Aber der bewunderungswürdige Jakobus ließ nicht ab zu bitten, begierig, die Wahrheit zu erfahren. Der Greis hätte gern das Geheimnis weiter verbergen mögen, da er aber den Geliebten nicht länger betrüben wollte, sagte er: „Nun, ich will es dir sagen, wenn du es zu wissen begehrst, ich trage dir aber auf, so lange ich lebe, niemand davon Mitteilung zu machen. Denn solche Dinge muß man geheim halten, da sie oft [S. 40] Veranlassung zur Überhebung und zum Stolze werden. Wenn ich aber von hier geschieden bin und von diesen Leidenschaften befreit, will ich dich nicht hindern, es zu offenbaren und die Macht der göttlichen Gnade zu verkünden. So wisse also,” fuhr der große Julianus fort, „daß, als ich des Weges einherschritt, jenes Untier auf mich losstürzte und mit aufgesperrtem Rachen mich zu verschlingen drohte. Ich aber sprach furchtlos den Namen Gottes aus und zeigte ihm mit dem Finger das Siegeszeichen des Kreuzes. Da sah ich sofort das Untier zur Erde fallen. Indem ich unser Aller Erlöser pries, konnte ich meine Wanderung ruhig fortsetzen.” Als er diese Erzählung vollendet hatte, stand er auf und trat den Weg nach der Höhle an.

Ein anderes Mal bat ein Jüngling von edler Herkunft, weichlich erzogen, von mehr Mut als Kraft, den Greis, ihn auf seiner Wanderung durch die Wüste begleiten zu dürfen. Nicht eine der Wanderungen, welche er täglich machte, galt es, sondern eine sehr lange, die oft sieben, oft auch zehn Tage dauerte. Es war dies der berühmte Asterius. Der edle Greis suchte ihn abzuhalten und stellte ihm die Wassernot in der Wüste vor. Der Jüngling drängte und bestürmte ihn, er möge ihm doch diese Gnade gewähren. Durch seine Bitten besiegt, gab der Greis nach. Er folgte nun zuerst sehr munter. Als aber der erste, zweite und dritte Tag vorüber war und er von den Strahlen der Sonne gesengt wurde (es war nämlich Sommer, wo die Sonne gar feurig brennt), litt er quälenden Durst. Anfangs scheute er sich, sein Leiden zu offenbaren, da er der Vorhersage seines Lehrers sich erinnerte. Endlich, besiegt und ganz erschöpft, flehte er den Greis an, sich seiner zu erbarmen. Dieser erinnerte ihn an das, was er ihm vorausgesagt hatte, und hieß ihn umkehren. Der Jüngling erwiderte, daß er den Weg nach der Höhle nicht finde, auch wisse er nicht, ob er ihn zurücklegen könne, da seine Kräfte durch den Durst ganz erschöpft seien. Da erbarmte sich der Gottesmann des schmachtenden Jünglings und nahm Rücksicht auf seinen schwächlichen Körper. Er beugte seine Knie, flehte den Herrn an um die Rettung des Jünglings und benetzte den Boden mit seinen in den Sand [S. 41] rinnenden Tränen. Er, der den Willen derer tut, die ihn fürchten, und ihr Gebet erhört, machte den Fluß der Tränen, der den Sand berührt, zu einer Wasserquelle, und nachdem der Jüngling mit dem Naß seinen Durst gestillt hatte, ließ er ihn abziehen. Diese Quelle fließt bis auf den heutigen Tag zum Zeugnis für das mosaische Gebet unseres heiligen Greises. Denn wie Moses einst, mit dem Stabe den unfruchtbaren Stein schlagend, eine Überschwemmung von fließendem Wasser bewirkte, welche den Durst jener zahllosen Menge stillte, so vermochte dieser Gottesmann, indem er trockenen Sand mit seinen Tränen benetzte, ihm strömendes Quellwasser zu entlocken, nicht um vieler Tausender, sondern eines einzigen Jünglings Durst zu stillen. Von der Gnade Gottes erleuchtet, sah er ganz klar die spätere Vollkommenheit des Jünglings voraus. Dieser wurde nämlich nach geraumer Zeit von der göttlichen Gnade berufen, viele andere zu derselben Tugend heranzuziehen. In der Nachbarschaft von Gindarus, einem sehr großen, Antiochien zinspflichtigen Dorfe, gründete er einen Kampfplatz des aszetischen Lebens. Er zog viele andere Kämpfer der göttlichen Weisheit an sich, er zog auch den großen, den sehr großen sage ich, den vielgepriesenen Akazius an sich, der im Einsiedlerleben hervorleuchtete, zur bischöflichen Würde erhoben und mit der Leitung von Beröa betraut, die glänzenden Strahlen seiner Tugend entsandte. Achtundfünfzig Jahre weidete er seine Herde, wobei er aber das aszetische Leben nicht beiseite setzte, sondern aszetisches und öffentliches Leben miteinander verband. Indem er so die Strenge des einen mit der Klugheit des andern in das richtige Verhältnis zueinander setzte, einigte er Entgegengesetztes zu schöner Harmonie. Einer solchen Tugend Begründer und Lehrmeister war jener Asterius, der zu dem großen Greise eine so warme Liebe bewahrte, daß er oft zweimal, oft dreimal des Jahres die Reise zu ihm unternahm. Wenn er kam, pflegte er den Brüdern eine Last Feigen mitzubringen, welche auf zwei oder drei Tiere geladen wurden. Zwei Maße aber, die für den Greis das ganze Jahr reichten, legte er auf seine eigenen Schultern, indem er sich zum Lasttier seines Lehrers [S. 42] machte. Und mit dieser Last machte er einen Weg nicht etwa von zehn oder zwanzig Stadien, sondern brauchte sieben Tage zur Reise. Als er ihn einst mit dieser Last beschwert sah, zeigte er sich unzufrieden und erklärte, er werde die Feigen nicht essen; denn es sei nicht billig, daß jener einer so großen Mühe sich unterziehe und er sich an seinem Schweiße labe. Da dieser aber schwur, er werde die Last nicht von den Schultern nehmen, wenn der Alte nicht einwillige, die mitgebrachte Speise zu genießen, sagte der Greis: „Ich werde das Befohlene tun, nur lege den Sack auf der Stelle ab.” Er ahmte hierin den Apostelfürsten nach, der, als ihm der Herr die Füße waschen wollte, dies zuerst verweigerte, indem er entschieden erklärte: Dies wird nie geschehen. Als er aber hörte, daß er von der Gemeinschaft des Herrn ausgeschlossen sei, wenn er dies nicht zuließe, bat er ihn, nebst den Händen und Füßen auch das Haupt zu waschen. So bekannte auch der große Johannes, da er geheißen wurde, den Erlöser zu taufen, zuerst seine eigene Knechtschaft gegenüber seinem Herrn, später aber vollbrachte er das Geheißene nicht aus Verwegenheit, sondern aus Gehorsam gegen den Herrn. So fand es auch dieser Gottesmann hart, daß er auf Kosten der Mühen eines andern die Nahrung genießen solle. Da er aber das heiße Verlangen des ihm dienenden Freundes sah, opferte er seine Meinung dessen liebendem Dienste. Vielleicht mag der eine oder andere Tadler und Leute, die nur gelernt haben, das Gute und Schöne zu bemängeln, diese Ergebenheit nicht der Erzählung wert erachten. Ich aber habe den übrigen Wunderwerken des Mannes auch dieses beigefügt, nicht bloß um die Verehrung zu zeigen, die große Männer ihm erwiesen, sondern ich halte es auch für nutzbringend, daß man die Lieblichkeit und Demut seines Charakters kennen lerne. Denn so groß und so herrlich war seine Tugend. Obgleich er sich nicht der geringsten Ehrung würdig hielt und sie von sich, als ihm in keiner Weise gebührend, zurückwies, ließ er gleichwohl solche zu, wenn damit den Gebern ein Gefallen geschah.

Um dem aber zu entgehen ― denn er wurde allen bekannt und zog durch seinen Ruf alle, die nach [S. 43] Vollkommenheit strebten, an sich ―, brach er endlich mit wenigen seiner Vertrautesten nach dem Berge Sinai auf, keine Stadt, kein Dorf betretend, sondern die ungangbare Wüste sich gangbar machend. Sie trugen auf ihren Schultern die nötige Nahrung, nämlich Brot und Salz, dazu einen Becher aus Holz und einen Schwamm mit einem Strick darangebunden, um, wenn sie in der Tiefe Wasser fänden, es von dem Schwamme aufsaugen zu lassen und zum Trinken in den Becher zu pressen. Als sie so einen Weg von vielen Tagen zurückgelegt hatten, gelangten sie zu dem ersehnten Berge, beteten ihren Herrn an und hielten sich lange Zeit dort auf, da sie die Einsamkeit des Ortes und die Ruhe der Seele für die größte Wonne erachteten. Auf jenem Felsen, unter dem Moses verborgen, der Fürst der Propheten, Gott zu schauen gewürdigt wurde, insoweit ihn zu schauen es möglich ist, erbaute er eine Kirche, richtete einen Altar her, der jetzt noch besteht; sodann kehrte er auf seinen Kampfplatz zurück. Da er aber die Drohungen des gleichnamigen gottlosen Kaisers erfuhr, der den Christen den völligen Untergang schwur und einen Feldzug nach Persien unternahm, und da seine glückliche Rückkehr von allen seinen Gesinnungsgenossen sehnlichst gewünscht wurde, brachte er Gott eifrige Gebete dar und setzte sie zehn Tage lang fort. Da hörte er eine Stimme, welche erklärte, daß dieses häßliche und stinkende Schwein hinweggerafft sei. Aber damit hörte sein Beten nicht auf, sondern seine Bitte wandelte sich in Lobpreis, in Danklieder gegen den Erretter der Seinen, den langmütigen, mächtigen Feind seiner Gegner. Denn lange hatte er den Gottlosen ertragen; da aber seine Langmut den Frevler noch zu größerer Wut antrieb, führte er zur rechten Zeit die Strafe herbei. Nachdem er sein Gebet vollendet hatte und sich zu den Seinigen wendete, zeigte er eine freudige Stimmung; Freude malte sich auf seinem Gesichte. Die Anwesenden wunderten sich über diesen ungewohnten Anblick, denn er erschien immer ernst, damals lächelte er aber. Als sie nach der Ursache fragten, sprach er: „Ihr Männer, jetzt ist die Zeit der Freude und Fröhlichkeit, aufgehört hat der Gottlose nach den Worten des Isaias, und er hat die [S. 44] gerechte Strafe für seinen Übermut erhalten, und er, der gegen seinen Schöpfer und Erlöser sich erhob, hat durch dessen starke Rechte den gerechten Tod11 erlitten. Deshalb frohlocke ich auch, da ich sehe, daß die von ihm verfolgten Kirchen sich freuen, und gewahre, daß der Frevler von den Dämonen, die er verehrte, keine Hilfe erhalten hat.”

Über das Ende dieses Gottlosen wurde ihm diese Voraussicht zuteil. Nachdem aber Valens nach ihm die Zügel des römischen Reiches in die Hände genommen und die Wahrheit der evangelischen Lehre preisgegeben und dem arianischen Trug sich in die Arme geworfen hatte, da erhob sich ein gar großer Sturm gegen die Kirche. Die Vorsteher wurden überall vertrieben und Räuber und Feinde an ihre Stelle gesetzt. Um nicht jenes ganze Trauerspiel jetzt vorführen zu müssen, übergehe ich das übrige und will nur ein Begebnis in Erinnerung bringen, das die diesem Greise so reichlich vom Heiligen Geiste verliehene Gnade recht deutlich zeigt.

Vertrieben ward aus Antiochien der große Meletius12, dem diese Stadt von dem allmächtigen Gott zu weiden anvertraut war. Vertrieben waren aus den Tempeln Gottes alle Diener des Heiligtums mit dem ihnen gleichgesinnten Volke, welche die eine Wesenheit der Dreifaltigkeit bekannten. Und so kamen sie an den Fuß des Berges und feierten dort ihre heiligen Versammlungen, oder sie machten das Ufer des Flusses zur Gebetsstätte, manchmal auch die militärische Rennbahn am nördlichen Tore der Stadt. Denn die Feinde ließen nicht zu, daß die Gottesfürchtigen einen festen Kultort hätten. Die Lügenhelden verkündeten laut und sprengten in der Stadt das Gerücht aus, der große Julianus, unser Greis, stehe mit ihnen in Glaubensgemeinschaft. Es beängstigte die Frommen sehr, daß das Gerede die Ungebildeten und Einfältigen täuschen und in die Netze [S. 45] der Häretiker locken möchte. Aber die frommen und gottseligen Männer Flavian und Diodor, beide mit der Priesterwürde geschmückt und Vorsteher des frommen Volkes, sowie Aphraates, dessen Leben ich noch für sich erzählen werde, bestimmten jenen großen Akazius13, dessen ich schon Erwähnung getan habe, seinen Lehrer und des heiligen Greises Schüler, jenen berühmten Asterius, als Begleiter auf den Weg mitzunehmen und hinzueilen zu dem allgemeinen Glanze der Kirche14, der Stütze der evangelischen Lehre, und ihn zu bewegen, daß er seinen Aufenthalt in der Wüste verlasse und den vielen Tausenden, die durch den Betrug gefährdet waren, zu Hilfe komme und die Flamme des arianischen Brandes durch den Tau seiner Ankunft lösche. Der gottselige Akazius nahm, wie geheißen, den großen Asterius mit sich und kam eiligst zu dem größten Lichte der Kirche15, und nachdem er ihn begrüßt hatte, redete er ihn so an: „Sage mir, Vater, weswegen unterziehst du dich dieser Mühe mit Lust?” Er antwortete: „Wertvoller als Leib und Seele und das ganze Leben ist mir der Dienst Gottes, und ich versuche, soviel es mir möglich, ihm einen Dienst darzubringen, rein von Schmutz, und ihm in allem zu gefallen.” „Ich will dir zeigen,” erwiderte Akazius, „auf welche Weise du ihm besser dienen wirst, als du es anjetzt tuest. Und das will ich dir angeben, nicht bloß nach Vernunftgründen, sondern auch aus der Lehre des Herrn. Als er einst den Petrus fragte, ob er ihn mehr liebe als die anderen, und als er erfuhr, was er schon wußte vor Petri Bekenntnis: ‚Du weißt, o Herr, daß ich dich liebe’, zeigte er ihm, was er tun müsse, um ihm besser zu dienen: ‚Wenn du mich liebst,’ sagte er, ‚weide meine Schafe, weide meine Lämmer.’ Das mußt auch du, mein Vater, tun. Die Schafe sind in Gefahr, von Wölfen zerrissen zu werden, es liebt sie aber gar sehr, den du so sehr liebst. Es ist den Liebenden eigen, das zu tun, was den Geliebten Freude macht. [S. 46] Zudem besteht aber nicht geringe Gefahr, daß deine so vielen und großen Mühen verloren sind, wenn du die hart bekämpfte Wahrheit durch dein Stillschweigen verraten läßt und zugibst, daß deine Anhänger gefangen werden und dein Name als Köder zu dem Fange benutzt werde. Denn die Führer der arianischen Gotteslästerung rühmen sich, dich zum Gesinnungsgenossen ihrer Gottlosigkeit zu haben.” Da dies der Greis hörte, sagte er für eine Zeit der Ruhe Lebewohl und eilte, den ungewohnten Lärm der Stadt nicht scheuend, sogleich nach Antiochien. Als er zwei oder drei Stadien in der Wüste zurückgelegt hatte, kam er abends in einem Dorfe an. Eine wohlhabende Frau, die von der Ankunft der heiligen Schar Kunde erhalten, eilte herbei, um seinen Segen zu empfangen, und vor seine Füße hingeworfen, bat sie ihn, in ihrem Hause Aufenthalt zu nehmen. Der Greis gab nach, obgleich er vierzig Jahre und darüber kein Weib mehr gesehen hatte. Als nun die wundervolle Frau mit der Bedienung der heiligen Männer beschäftigt war, die Gastfreundschaft der Sara nachahmend, fiel, da es Abend und dunkel war, das siebenjährige Knäblein, das einzige Söhnchen der Mutter, in einen Brunnen. Da natürlich darüber große Aufregung entstand, hieß die Mutter, als sie es erfahren, alle ruhig sein, legte eine Decke über den Brunnen und ging wieder an die Bedienung. Nachdem den Gottesmännern der Tisch gedeckt war, hieß der heilige Greis das Knäblein der Frau hereinrufen, daß sie den Segen empfingen. Die wundervolle Frau sagte, es liege krank darnieder, er aber bestand darauf, daß es herbeigeführt werde. Als ihm die Frau den Unfall mitteilte, verließ der Greis den Tisch, eilte zum Brunnen, ließ die Decke wegnehmen und Licht herbeibringen. Da sah er das Knäblein auf der Oberfläche des Wassers sitzen und nach Kinderart mit der Hand im Wasser plätschern. Das vermeinte Unglück war in seinen Augen Spiel und Belustigung. Sie ließen an Stricken einen Mann in den Brunnen hinunter und zogen den Knaben herauf. Dieser lief sogleich zu den Füßen des Greises und sagte, er habe ihn gesehen, wie er im Wasser ihn gehalten und am Versinken gehindert habe. Das ist die Belohnung, die das [S. 47] wundervolle Weib von dem seligen Greise für ihre Gastfreundschaft erhalten hat.

Alles übrige, was sich noch auf der Reise ereignete, übergehe ich. Sie kamen in Antiochien an; man lief von allen Seiten herbei, verlangte den Mann Gottes zu sehen oder suchte Heilung von einem Leiden zu erlangen. Man führte ihn in die Höhle am Fuße des Berges, wo auch der selige Apostel Paulus Wohnung genommen und sich verborgen haben soll. Aber damit alle einsähen, daß er ein Mensch sei, befiel ihn sogleich ein sehr heftiges Fieber. Als der große Akazius die Menge der Zusammengeströmten sah, war er betrübt über die eingetretene Erkrankung, denn er fürchtete, die Leute, welche gekommen waren, von ihm Heilung zu erlangen, möchten Anstoß an ihm nehmen, wenn sie seine Krankheit erführen. Da sagte ihm der Greis: „Verzage nicht. Wenn der Besitz der Gesundheit mir notwendig ist, wird sie Gott auf der Stelle verleihen.” Sogleich nach diesen Worten wandte er sich zum Gebete, beugte in gewohnter Weise Knie und Angesicht zur Erde und flehte um die Gesundheit, wenn daraus den Zusammengekommenen ein Nutzen erwachsen könnte. Er hatte das Gebet noch nicht vollendet, da brach plötzlich reichlicher Schweiß aus und löschte die Hitze des Fiebers.

Nachdem er viele von allen möglichen Krankheiten befreit hatte, begab er sich von dort zur Versammlung der Rechtgläubigen. Während er das Königstor durchschritt, schleppte sich ein Bettler am Boden hin, bei dem das Gesäß den Dienst der Füße vertreten mußte; der streckte seine Hand aus und berührte den Rock des Alten, und der Glaube heilte sein Leiden. Er sprang auf und lief so flink wie vor der Krankheit, geradeso wie der Lahme, den Petrus und Johannes aufgerichtet. Auf dieses Wunder hin strömte die ganze Bevölkerung der Stadt zusammen, und die Kriegsschule füllte sich mit den Ankömmlingen. Von Scham ergriffen wurden die Verräter und die Schmiede der Lüge, mit großer Zuversicht und Freude beseelt die Freunde der Gottseligkeit.

Von da zogen die Heilungsbedürftigen ihn, das Licht der Gottseligkeit, in ihre Wohnungen. Und ein Mann, [S. 48] der eine höchste Stelle bekleidete, betraut mit der Verwaltung des Orients, schickte zu ihm und ließ ihn bitten, zu ihm zu kommen und ihn von schwerer Krankheit zu heilen. Dieser zögerte keinen Augenblick, kam, betete zum Allherrn, vertrieb durch sein Wort das Leid und hieß ihn Gott Dank sagen. Nachdem er dieses und Ähnliches vollbracht hatte, beschloß er nun, wieder in seine Einsiedlerhütte zurückzukehren. Sein Weg führte ihn durch Cyrus, eine Stadt, zwei Stadien von Antiochien entfernt, wo er das Heiligtum des siegreichen Martyrers Dionysius besuchte. Die dortigen Vorsteher des rechten Glaubens kamen zusammen und baten, ihnen in einer sichtlichen Gefahr beizustehen. Sie sagten, Asterius, der in der sophistischen Lügenkunst groß geworden und sich der Partei der Häretiker angeschlossen, habe die bischöfliche Würde erlangt und verteidige gewaltig den Irrtum, indem er seine schlechte Kunst gegen die Wahrheit gebrauche. „Wir fürchten,” sagten sie, „er werde, mit seiner Beredsamkeit wie mit einem Köder die Lüge verhüllend, die verworrenen Trugschlüsse gleich einem Netze auswerfen und so viele Einfältige fangen. Dazu ist er nämlich von den Gegnern geschickt worden.” Aber der Greis sprach: „Habet Mut und betet mit uns zu Gott und fügt auch Fasten und Kasteiung zu dem Gebete.” Als sie so Gott anriefen, empfing Asterius einen Tag vor dem Feste, an dem der Anwalt der Lüge, der Feind der Wahrheit, sprechen sollte, von Gott den tödlichen Schlag und wurde nach einem einzigen Tage der Krankheit aus dem Verzeichnis der Lebendigen gestrichen und mußte wohl jene Worte vernehmen: „Tor, diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; die Übel aber, die du angerichtet hast, die Netze und Stricke, werden für dich sein, nicht für andere16.” Ähnlich erging es ihm wie Balaam, der, gegen das Volk Gottes gesandt17, dem Balak verruchte Ratschläge gegen dasselbe gab, dafür aber Gottes Strafe erlitt und durch israelitische Hand den Tod fand18. Und so verlor der, welcher gegen das [S. 49] Volk Gottes Schlimmes im Sinne hatte, durch das Volk Gottes sein Leben. Dieser Rettung aber erfreute sich Cyrus durch des Greises Gebet. Mir aber hat die Begebenheiten das göttliche Haupt, der große Akazius, mitgeteilt, der alles genau kannte, was jenen anging.

Von da nun abreisend, kam er wieder zu seinen Schülern, und nachdem er noch längere Zeit bei ihnen verbracht, ging er gar bereitwillig zu dem Leben ohne Greisenalter und Beschwerden hinüber. In sterblicher Natur hatte er Leidenschaftslosigkeit angestrebt, die Unsterblichkeit des Leibes erwartend.

Ich aber beschließe hier die Erzählung von ihm und wende mich zu einem andern, indem ich die in der Erzählung erwähnten Heiligen bitte, mir durch ihr Gebet die Gunst von oben zu erwirken.

1: Ps. 118, 103. Vgl. ebd. [Ps.] 18, 11 [hebr. Ps. 119, 103. Vgl. Ps. 19, 11].
2: Ebd. [Ps.] 18, 10―11 [hebr. Ps. 19, 10-11].
3: Ebd. [Ps.] 36, 4 [hebr. Ps. 37, 4].
4: Ebd. [Ps.] 104, 3 [hebr. Ps. 105, 3].
5: Ps. 85, 11 [hebr. Ps. 86, 11].
6: Ebd. [Ps.] 33, 9 [hebr. Ps. 34, 9].
7: Ebd. [Ps.] 41, 3 [hebr. Ps. 42, 3].
8: Ebd. [Ps.] 62, 9 [hebr. Ps. 63, 9].
9: Vgl. Röm. 12, 16.
10: 1 Kor. 10, 33.
11: Julian, der Apostat, der hier gemeint ist, fiel in der Schlacht durch eine feindliche Lanze.
12: Meletius (gest. 381) wurde im Orient als rechtmäßiger Bischof anerkannt, während Rom Paulinus als legitimen Inhaber des Bischofsstuhles von Antiochien behandelte.
13: Akazius, Bischof von Beröa, gest. nach 433, Führer der syrischen Kirche in den damaligen Glaubenskämpfen, auf der Eichensynode 403 unter den Feinden des Johannes Chrysostomus.
14: Gemeint ist Julianus.
15: Julianus.
16: Vgl. Luk. 12, 20.
17: Num. 22.
18: Ebd. [Num.] 31, 8. 16.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger