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Chrysostomus († 407) - Briefe an Olympias und Papst Innocentius
An Innocentius von Rom
Erster Brief.

4.

[S. 455] Ihr möget euch nun selbst vorstellen, was Alles in Folge dieser Ereignisse geschehen ist. Denn es ist, wie ich schon vorhin bemerkte, ganz unmöglich, Das alles im Einzelnen zu erzählen. Das Schlimmste ist nun, daß diese zahlreichen, überaus großen Frevel und Übelstände auch jetzt noch kein Ende gefunden haben, ja noch nicht einmal Aussicht und Hoffnung auf ein Ende zulassen. Im Gegentheil, Tag für Tag dehnt sich das Unheil aus, und zum Gespött sind wir dem großen Haufen geworden — doch nein, es lacht und spottet kein Mensch, wäre er auch tausendmal ein Verbrecher; Alle trauern, wie gesagt, über diese maßlosen Leiden, über diese unerhörten Frevel. Was soll man von den Wirren sagen, die in den übrigen Kirchen herrschen? Das Unheil hat sich nämlich nicht auf diese Stadt beschränkt, sondern ist sogar bis in das Morgenland vorgedrungen. Denn wenn sich vom Kopfe aus böse Säfte ergießen, leiden darunter die übrigen Glieder; ebenso hat jetzt auch in dieser großen Stadt das Unheil seinen Anfang und seine Quelle, und hat sich nun nach allen Seiten ausgebreitet. Überall ist der Klerus gegen die Bischöfe aufgestanden, haben sich Bischöfe von Bischöfen, Gemeinden von Gemeinden losgesagt, während andere dazu im Begriffe sind; überall ist neues Unheil im Entstehen, und zerstört ist die Ordnung auf der ganzen Welt.

Nachdem ihr nun Das alles vernommen, meine ehrwürdigen und gottseligen Herren, lasset die muthige Entschiedenheit und Sorgfalt walten, die euch zukommt, um diesen großen Freveln, welche die Kirchen verheeren, Heilmittel entgegenzustellen. Denn wenn diese Gewohnheit einreissen sollte, wenn es Jedem nach Belieben freistehen sollte, sich aus so weiter Ferne in fremde Diözesen zu begeben und dort hinauszujagen, wen er will, und aus eigener Machtvollkommenheit zu thun, was ihm beliebt — ja dann hat bald Alles ein Ende, ein unversöhnlicher Krieg wird sich über die ganze Welt verbreiten, indem Jeder den Andern verjagt und selbst wieder verjagt wird. Damit [S. 456] nun nicht eine so große Verwüstung auf der ganzen Erde zur Herrschaft gelange, laßt euch erbitten, durch ein Schreiben zu erklären, daß die Entscheidungen und Maßregeln, die so sehr gegen alles Recht und Gesetz, in meiner Abwesenheit, ganz einseitig, und zwar während ich mich einem Gerichte durchaus nicht entziehen wollte, getroffen worden sind, gar keine Giltigkeit besitzen (wie sie denn auch ihrem ganzen Wesen nach ungiltig sind), und daß Diejenigen, welche solcher Frevel überführt werden, der in den Kirchengesetzen bestimmten Strafe unterliegen. Ich aber, der ich nicht auf irgend einem Vergehen ertappt, noch schuldig befunden, noch überhaupt zur Rechenschaft gezogen bin, — gewähret mir, daß ich mich auch fortan immer eurer Zuschriften, eurer Liebe und alles Andern wie sonst erfreue. Wenn aber die Leute, die derartige Vergehen begangen haben, auch jetzt noch beabsichtigen, Anklagen vorzubringen zur Begründung meiner ungerechten Vertreibung, der weder eine Übergabe der Schriftstücke an mich, insbesondere der Klageschriften, noch eine Mittheilung über die Person der Kläger voraufgegangen ist: so mag ein unparteiisches Gericht gebildet werden, dann will ich mich stellen, mich vertheidigen und meine Schuldlosigkeit betreffs der erhobenen Anklagen nachweisen, wie ich denn auch wirklich schuldlos bin. Denn was jetzt von ihrer Seite geschehen ist, Das liegt ausserhalb jeder Ordnung, jedes Gesetzes und jeder kirchlichen Satzung. Ja was rede ich von kirchlichen Satzungen? Selbst bei den Gerichten der Heiden hat man dergleichen nie gewagt, ja nicht einmal in einem Gericht von Barbaren würden jemals Skythen oder Sarmaten ein solches Urtheil gefällt haben: so einseitig, in Abwesenheit des Verklagten, der sich nicht einem Gericht, sondern dem feindseligen Hasse entziehen will, der tausend Richter anruft, seine Unschuld behauptet und sich bereit erklärt, vor dem Angesicht der ganzen Welt die Anklagen von sich abzuwälzen und in allen Punkten seine Schuldlosigkeit zu beweisen.

Wenn ihr nun Das alles erwogen, und von den [S. 457] Bischöfen, meinen Herren und unsern gottseligen Brüdern, Alles noch genauer vernommen habt, so geruhet mir eurerseits eure eifrige Fürsorge zuzuwenden. Denn dadurch werdet ihr nicht bloß mir willfahren, sondern auch der Gesammtheit der Kirchen eine Wohlthat erweisen, und dafür den verheissenen Lohn von Gott erhalten, der ja Alles thut für den Frieden der Kirchen. Erfreue dich dauernder Gesundheit, und bete für mich, mein ehrwürdigster und heiligster Herr. Zweiter Brief.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger