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Chrysostomus († 407) - Briefe an Olympias und Papst Innocentius
An Innocentius von Rom
Erster Brief.

3.

Ich hörte aber trotzdem nicht auf, da mir mein gutes Gewissen Muth und Vertrauen gab, dem gottesfürchtigen Kaiser wieder dieselbe Bitte vorzutragen. Er that, was seine fromme Gesinnung erwarten ließ: er sandte wieder zu ihm, um ihn und alle seine Anhänger wieder aus Ägypten herbeizurufen, damit sie sich wegen der vorgekommenen Ungehörigkeit verantworteten, und nicht etwa Das für eine genügende Rechtfertigung hielten, was so ungerechter Weise, von einer Partei, in meiner Abwesenheit und im Widerspruch mit so vielen Kirchengesetzen in’s Werk gesetzt war. Theophilus ließ sich aber auch durch den kaiserlichen Brief nicht bewegen zu kommen, sondern blieb zu [S. 453] Hause, wozu ihm ein Volksaufstand, d. h. der unzeitige Eifer einiger Leute, die allerdings zu ihm hielten, den Vorwand liefern mußte. Hatte ihn doch vor dem kaiserlichen Briefe eben dieses Volk mit vielen Schmachreden gescholten. Allein Das will ich hier nicht eingehend erörtern; ich habe es nur angeführt, um zu zeigen, daß er auf schuldbaren Handlungen ertappt worden ist. Übrigens habe ich mich auch da noch nicht beruhigt; ich drang vielmehr auf die Abhaltung eines Gerichtes, in welchem regelrecht mit Fragen und Antworten vorgegangen werden sollte; ich erklärte mich nämlich bereit zu zeigen, daß ich mich über Nichts zu verantworten, daß Jene sich aber der ärgsten Übertretungen schuldig gemacht hatten. Es waren von Denen, die früher mit ihm hier anwesend waren, einige Syrer hier zurückgeblieben, die auch das Ganze gemeinsam mit ihm hatten vollbringen helfen. Zu Diesen begab ich mich, bereit mich richten zu lassen, und ich lag ihnen wiederholt an mit dem Verlangen, mir die schriftlichen Eingaben oder die Klageschriften zu geben, oder mich über die Gegenstände der Klagen oder die Person meiner Ankläger zu unterrichten — und es ist mir in keinem Punkte willfahrt, ich bin vielmehr wieder aus der Kirche vertrieben worden. Wie soll ich nun erzählen, was da geschehen ist? Es ist ein Trauerspiel ohne Gleichen. Wo finde ich Worte, es zu schildern? und wer vermöchte es ohne Schauder zu hören?

Während ich auf den Forderungen beharrte, die ich eben erwähnt habe, drang auf einmal eine Schaar von Soldaten in die Kirchen ein, und zwar am großen Sabbath [Ostersamstag], als der Tag sich schon zum Abend neigte, trieb den ganzen Klerus, der zu mir hielt, mit Gewalt hinaus, und umstellte bewaffnet den Altar. Frauen, die schon zum Empfange der Taufe ihre Gewänder abgelegt hatten, ergriffen zur selben Zeit entkleidet die Flucht, durch diesen entsetzlichen Überfall in Furcht gejagt, und eilten von den heiligen Stätten hinweg, ohne daß ihnen auch nur verstattet war, sich anständig zu bedecken, wie es sich für Frauen [S. 454] ziemt. Viele wurden aber auch verwundet und so hinausgetrieben, und voll Blutes wurden die Taufbrunnen, vom Blute röthete sich das geweihte Wasser. Und auch damit hatten die Schrecken ihr Ende noch nicht erreicht. Die Soldaten, von denen Einige, wie ich später erfahren habe, nicht in die heiligen Geheimnisse eingeweiht waren, drangen auch da hinein, wo das Allerheiligste aufbewahrt wurde, sahen Alles, was drinnen war, und das heiligste Blut Christi wurde, wie es eben nur bei einer solchen Verwirrung vorkommen kann, diesen Soldaten über die Kleider ausgeschüttet. Alles Mögliche wurde verübt, wie wenn die Stadt durch Barbaren eingenommen wäre. Das Volk wurde auf das Feld hinausgetrieben, die große Menge der Einwohnerschaft hielt sich ausserhalb der Stadt auf, leer waren an dem hohen Festtag die Kirchen, mehr als vierzig Bischöfe, die nämlich mit mir in Gemeinschaft standen, wurden sammt dem Klerus und Volk muthwilliger Weise und ohne Ursache hinausgejagt. Überall Jammern und Wehklagen und Ströme von Thränen, auf den öffentlichen Plätzen, in den Häusern, auf den Feldern, in jedem Theile der Stadt, überall war man voll von diesen schrecklichen Begebenheiten. Denn wegen des Übermaßes der Frevel trauerten nicht nur Die, welche darunter zu leiden hatten, sondern mit uns trauerten auch Solche, denen Nichts widerfuhr, nicht die Rechtgläubigen allein, sondern auch Häretiker, Juden und Heiden, und wie wenn die Stadt mit Gewalt erstürmt worden wäre, dermaßen herrschte überall Verwirrung, Schrecken und Wehklagen. Und diese Frevel wurden begangen gegen die Willensmeinung des fromm gesinnten Kaisers, bei vorgerückter Nacht; Bischöfe waren die Anstifter, und überdieß an vielen Stellen die Anführer, indem sie sich nicht schämten, statt der Diakonen Unteroffiziere vor sich her schreiten zu lassen. Als es Tag geworden war, wanderte die ganze Bürgerschaft aus dem Gebiet der Stadtmauern hinaus, und feierte gleich zerstreuten Schafen, unter Bäumen und in Schluchten den Festtag.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger