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Chrysostomus († 407) - Reden
Rede an Eutrop

Text

1.

Rede an den Eunuchen, zugleich Patrizier und Konsul Eutropius.

Zu allen Zeiten, besonders aber jetzt, ist es ein Wort zu seiner Stunde geredet, wenn man sagt: „Eitelkeit der Eitelkeiten, und Alles ist Eitelkeit.“1 Wo sind jetzt die [S. 429] prächtigen Konsulatsgewänder und die strahlenden Fackeln? wo die Beifallsrufe, die Tänze, die Gastgelage, die festlichen Zusammenkünfte, die Blumenkränze, die kostbaren Teppiche und Vorhänge? Und das Freudengeschrei der ganzen Bürgerschaft, die jauchzenden Zurufe bei den Cirkusspielen, die Schmeichelworte des zuschauenden Volkes — wo ist Das alles geblieben? Das alles ist dahin. Urplötzlich hat sich ein Sturm erhoben, hat den Baum entblättert, seines Schmuckes beraubt, bis in seine Wurzeln erschüttert — so steht er jetzt vor unsern Augen. Mit solcher Gewalt hat ihn der Sturm erfaßt, daß er den Baum mit der Wurzel auszureissen drohte und ihn zittern machte bis in seine innersten Fasern. Wo sind doch jetzt die falschen Freunde, die Trinkgelage und Gastereien, die Menge der feilen Zecher, die Ströme ungemischten Weines, die vom Morgen bis zum Abend floßen, und die Köche mit ihren zahllosen Künsten und jene Anbeter der Gewalt, die in allen Worten und Werken nur um den Beifall des mächtigen Gönners buhlten?

Nacht war Das alles und Traum; es tagte — da schwand es; Blumen des Lenzes; der Lenz verging — sie welkten allzumal; ein Schatten — er ging vorüber; ein Rauch — er zertheilte sich; — Wasserblasen waren es — sie platzten; ein Spinngeweb — es zerriß. Darum hören wir nicht auf, euch dieses Wort des heiligen Geistes zuzurufen: „Eitelkeit der Eitelkeiten! Und Alles ist Eitelkeit.“ Dieses Wort müßte immerdar geschrieben stehen auf den Wänden, auf den Kleidern, auf dem Markte, auf den Häusern, auf den Wegen, auf den Thüren, auf den Vorhöfen, vor allen Dingen aber in der Seele eines Jeden, um unaufhörlich beherzigt zu werden. Weil der Dinge täuschender Schein und ihre trügerische Aussenseite den meisten Menschen für Wahrheit gilt, so sollte Tag für Tag, bei der Abendmahlzeit, beim Frühmahl, bei geselligen Zusammenkünften, Jeder seinem Nächsten dieses Wort zurufen und von dem Nächsten wieder hören: „Eitelkeit der Eitelkeiten! Und Alles ist [S. 430] Eitelkeit!“ Sagte ich dir2 nicht fort und fort, daß der Reichthum flüchtig und vergänglich ist? Du aber konntest meine Worte nicht ertragen. Sagte ich dir nicht, daß der Reichthum ein undankbarer Hausgenoß ist? Du aber wolltest nicht hören. Sieh’, jetzt lehren dich die Thatsachen, lehrt dich die eigene Erfahrung, daß der Reichthum nicht bloß flüchtig, nicht bloß undankbar, sondern auch ein wahrer Mörder ist; denn der Reichthum trägt die Schuld, daß du jetzt in Furcht und Zittern da stehst.

Als du mich unaufhörlich schmähtest, weil ich dir die Wahrheit sagte, habe ich dir da nicht auch gesagt, daß ich dich mehr liebte, als dich deine Schmeichler lieben? Daß ich, der strenge Tadler, mehr Sorge um dein wahres Wohl trage als die willfährigen, die angenehmen Gesellschafter? Habe ich nicht hinzugefügt, daß Wunden von Freundeshand mehr Vertrauen verdienen als unerbetene Küsse von Feinden?3 Hättest du dir von mir die Wunden gefallen lassen, dann hätten dir die Küsse der Feinde nicht dieses tödtliche Leid angethan. Denn jene Wunden bringen Heil und Gesundheit, diese Küsse dagegen haben dich in eine unheilbare Krankheit gestürzt. Wo sind jetzt die lustigen Zecher? Wo sind jene Elenden, die sich auf dem Forum breit machten und bei Jedermann in allen Tonarten dein Lob sangen? Sie haben sich aus dem Staube gemacht; sie haben die Freundschaft verleugnet und benutzen deine tödtliche Angst, um sich selbst in Sicherheit zu bringen. So machen wir es nicht. Wie uns dein Unwille nicht verscheucht hat, so soll jetzt dein Sturz uns nicht hindern, dir unsere Sorge und Pflege zu widmen. Einst hast du die Kirche befehdet; sie ist es jetzt, die dich an ihrem Busen birgt. Für die Schauspielhäuser hast du gut gesorgt (und hast mir manchmal um ihretwillen gezürnt!) —und sie haben dich jetzt preisgegeben und zu Grunde gerichtet. Und doch haben wir nicht auf- [S. 431] gehört dir zu sagen: Warum thust du Das? Warum wüthest du gegen die Kirche und stürzest dich selbst kopfüber in’s Verderben? Du warst taub für alle meine Worte. Jetzt ist durch die Cirkusspiele, die einst an deinem Reichthum zehrten, gegen dich das Schwert geschärft; die Kirche aber, an der du so unzeitig deinen Grimm ausließest, eilt aller Orten herbei, um dich den Schlingen zu entreissen.

1: Pred. 1, 2.
2: Eutrop, den Altar umklammernd, ist angeredet.
3: Sprüchw. 27, 6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger