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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Fünfzigste Homilie. Kap. XIV, V.23-36.

1.

V.23: "Und nachdem Jesus die Volksmenge entlassen hatte, stieg er ohne Begleiter auf den Berg, um zu beten. Nachdem es aber schon Abend geworden war, befand er sich dort allein. V.24: Das Schifflein aber war schon mitten auf dem See und wurde von den Wellen hin- und hergeworfen; es herrschte nämlich entgegengesetzter Wind."

Warum steigt der Herr auf den Berg hinaus? Um uns zu zeigen, dass die Stille und Einsamkeit besonders geeignet ist, um mit Gott zu verkehren. Darum geht er selbst sehr häufig an einsame Orte und bringt dort die Nächte im Gebet zu, um uns dadurch anzuleiten, sowohl die entsprechende Zeit, wie auch den passenden Ort zum ungestörten Gebet auszuwählen. Die Einsamkeit ist ja die Mutter der Ruhe und ein stiller Zufluchtsort, der uns von all unseren Sorgen befreit. Aus diesem Grunde stieg also der Herr auf den Berg. Die Jünger dagegen werden, von neuem von den Wogen hinund hergeworfen und sind dem Sturme preisgegeben wie schon früher einmal. Allein damals hatten sie den Herrn bei sich im Schiffe, als der Sturm kam; diesmal sind sie ganz allein auf sich angewiesen. Der Herr will sie eben langsam und schrittweise zu Größerem anleiten und sie befähigen, alles mutig zu ertragen. Deshalb war er zwar bei der erstmaligen Gefahr selbst zugegen, hatte sich aber dem Schlafe überlassen, um wenigstens gleich bereit zu sein, sie zu ermutigen. Diesmal wollte er sie zu noch größerer Ausdauer veranlassen und hat darum auch das nicht getan; vielmehr entfernte er sich und läßt zu, dass mitten auf dem See sich ein solcher Sturm erhebt, dass jede Hoffnung auf Rettung ausgeschlossen schien; ja er läßt sie die ganze Nacht hindurch von den Wellen hinund hergeworfen werden, und brachte so, wie ich glaube, deren verblendetes Herz in die entsprechende Verfassung. Das ist eben die Wirkung der Furcht, die nicht bloß durch das Unwetter, sondern auch durch die Länge der Zeit hervorgebracht wurde, So erweckte der Herr in den Jüngern nicht bloß Zerknirschung, sondern auch ein um so größeres Verlangen nach ihm und machte, dass sie das Erlebnis nie wieder vergaßen. Darum kam er ihnen auch nicht sogleich zu Hilfe.

V.25: " Denn zur Zeit der vierten Nachtwache kam er zu ihnen, auf dem See wandelnd." Jesus wollte damit den Jüngern die Lehre geben, nicht immer sofortige Befreiung zu suchen von den Leiden und Mühsalen, die sie beschwerten, sondern mannhaft das zu ertragen, was ihnen widerfuhr. Während sie nun aber hofften, aus ihrer Lage befreit zu werden, da ward im Gegenteil ihre Angst noch vermehrt.

V.26: "Denn als die Jünger sahen, wie er auf dem See daherkam, da erschraken sie und sagten, es sei ein Gespenst, und sie schrieen vor Angst." So macht es der Herr immer: wenn er von einem Übel befreien will, bringt er zuerst noch schwerere und schlimmere. Gerade so ging es auch damals. Außer dem Sturm verursachte den Jünger auch der Anblick des Herrn keinen geringereren Schrecken als der Sturm selbst. Darum hat der Herr weder das Dunkel der Nacht verscheucht, noch auch sich selbst sogleich zu erkennen gegeben, weil er sie, wie gesagt, durch solch anhaltende Ängste üben und sie zu starkmütigem Ertragen anleiten wollte. So machte er es auch bei Job. Als er im Begriff stand, ihn von seiner Heimsuchung zu befreien, ließ er diese am Ende noch besonders stark werden, nicht infolge des Todes seiner Kinder und der Äußerungen seiner Frau, sondern durch die Schmähreden seiner Hausgenossen und Freunde. Und als er den Jakob aus der traurigen Lage befreien wollte, in die er in der Fremde geraten, da ließ er zuvor noch eine größere Trübsal über ihn kommen: Sein Schwiegervater ergriff ihn und bedrohte ihn mit dem Tode, und dann kam, sein Bruder und brachte ihn in die Äußerste Gefahr. Da man nämlich eine lang anhaltende und heftige Prüfung nicht zu ertragen vermag, deshalb fügte es Gott, dass die Gerechten, bevor das Ende ihrer Kämpfe naht, noch schwerere Prüfungen erdulden müssen, damit auch ihr Lohn größer werde. So machte er es auch bei Abraham, dem er als letzte, schwerste Probe die mit seinem eigenen Kinde auferlegte. Denn so wird auch das Unerträgliche erträglich, wenn es in seinem unmittelbaren Gefolge die Befreiung1 mit sich führt. So machte es also Christus auch in unserem Falle, und nicht eher gab er sich selbst zu erkennen, als bis die Jünger zu schreien begannen. Denn je mehr ihre Angst sich steigerte, um so willkommener war ihnen sein Erscheinen. Jetzt also, da sie schrieen,

V.27: "Da redete Jesus sogleich zu ihnen und sprach: Seid guten Mutes, ich bin es; fürchtet euch nicht." Dieses Wort befreite die Apostel von ihrer Angst und machte ihnen Mut. Da sie ihn nämlich beim bloßen Anblick nicht erkannten, wegen seines wunderbaren Wandelns2 und auch wegen der Nachtzeit, so gibt er sich an seiner Stimme zu erkennen. Was tut nun da Petrus, der stets voll Eifer ist und den anderen immer voraus eilt?

V.28: "Herr", sagt er, "wenn Du es bist, so befiehl, dass ich zu Dir auf dem Wasser komme." Er sagte nicht: bitte und bete, sondern; befiehl. Siehst du da, wie groß sein Eifer ist, wie groß sein Glaube? Und doch bringt gerade das ihn überall in Gefahr, weil er oft über Maß und Ziel hinaus wollte. So hat er ja auch hier etwas überaus Großes verlangt, allerdings nur aus Liebe, nicht aus Stolz. Er sagte nämlich nicht: Befiehl, dass ich auf dem Wasser wandle, sondern: "Befiehl, dass ich zu Dir komme. Kein anderer liebte ja Jesus in demselben Maße. Gerade so machte er es auch nach der Auferstehung; er erwartete es nicht, bis er mit den anderen käme, sondern eilte ihnen voraus. Er gab aber damit einen Beweis nicht bloß seiner Liebe, sondern auch seines Glaubens. Er glaubte ja nicht bloß, dass der Herr selbst auf dem See zu wandeln vermöge, sondern dass er auch andere dazu befähigen könne, und so verlangte es ihn, alsbald in seine Nähe zu kommen.

V.29: "Er aber sagte: Komm! Und Petrus stieg aus dem Schifflein und wandelte über dem Wasser, und er kam zu Jesus.

V.30: Als er aber den starken Wind bemerkte, geriet er in Furcht, und als er anfing zu sinken, schrie er und rief: Herr, rette mich!

V.31: Sogleich aber streckte Jesus die Hand aus und ergriff ihn; und er sprach zu ihm: Kleingläubiger, weshalb hast du gezweifelt?" Dieses Wunder ist noch erstaunlicher als das frühere. Deshalb kommt es auch erst nach dem anderen. Erst nachdem der Herr gezeigt hatte, dass er auch über den See gebiete, erhöht er die Wunderbarkeit dieses Zeichens. Damals hatte er nämlich nur den Winden geboten; hier schreitet er selber3 und läßt auch einen anderen das gleiche tun. Hätte er das gleich am Anfang zu tun befohlen, so hätte Petrus den Befehl nicht in derselben Weise aufgenommen, weil er noch keinen so starken Glauben besaß.

1: von allem Leid
2: auf dem Wasser
3: auf dem Wasser

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger