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Chrysostomus († 407) - Reden
Lobrede auf alle heiligen Martyrer

Text

1.

Seitdem wir die Feier des heiligen Pfingstfestes begangen haben, sind noch nicht sieben Tage verflossen, und nunmehr begegnet uns ein Chor von Blutzeugen. Ein Chor — doch richtiger würde ich sie einem Heer in Schlachtordnung vergleichen, das den Heerschaaren der Engel, die der Patriarch Jakob1 gesehen, in keiner Weise nachsteht, sondern wetteifernd zur Seite steht und vollständig gleichkommt. Denn Martyrer und Engel unterscheiden sich nur dem Namen nach; die wesentlichsten Vorzüge sind ihnen gemeinsam. Die Engel bewohnen den Himmel, auch die Martyrer; die Engel erfreuen sich der Unsterblichkeit und einer ewigen Jugend, ganz Dasselbe wird auch den Martyrern zu Theil. Doch — die Engel sind ja überdieß rein geistiger Natur! Nun, was liegt daran? Wenn die heiligen Martyrer auch mit einem Leibe umkleidet sind, so ist dieser Leib unsterblich. Und zudem, auch ehe der Zustand der Unsterblichkeit eintritt, ist der Tod Christi2 dem menscheichen Leibe eine schönere Zierde als selbst die Unsterblichkeit. So herrlich schmücken nicht den Himmel seine zahllosen Sterne, als den Leib der Martyrer das strahlende Blut aus ihren Wunden. Es ist also eben der Tod, dem sie ihre Vorzüge verdanken, und wegen ihres Todes sogleich als Sieger gekrönt haben sie den Kampfeslohn schon vor der Verklärung des Leibes erhalten. Von der gemeinsamen [S. 390] Natur aller Menschen sagt David: „Du hast ihn ein wenig unter die Engel erniedrigt, hast ihn mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt.“3 Aber auch dieses Wenige, das uns fehlte, hat uns Christus verliehen, indem er unter uns erschien und durch seinen Tod den Tod zu nichte machte. Doch Das will ich jetzt nicht betonen; ich sage vielmehr: selbst der Tod, an und für sich ein Verlust, ein Schaden, ist nun zum Gewinn geworden. Denn wären jene Heiligen nicht sterblich, so würden sie nicht Martyrer geworden sein; gäbe es keinen Tod, so gäbe es auch keine Siegeskrone; gäbe es kein Sterben, so gäbe es kein Martyrium. Gäbe es keinen Tod, so hätte Paulus nicht sagen können: „Täglich sterbe ich, bei eurem Ruhme, welchen ich habe in Christo Jesu.“4 Gäbe es keinen Tod und keine Leiden, die zum Tode führen, dann hätte derselbe heilige Paulus nicht sagen können: „Ich freue mich in meinen Leiden für euch, und ich ersetze, was mangelt an den Bedrängnissen Christi, in meinem Fleische.“5 Darum laßt uns nicht betrübt sein, daß wir sterblich sind; laßt uns vielmehr Dank sagen, weil uns eben dadurch, daß wir dem Tode unterworfen sind, auch die Pforte zum Martertode geöffnet ist. In dem Untergang des leiblichen Lebens haben wir die Bedingung, unter der wir den Siegeslohn erringen können; da bietet sich uns die Gelegenheit zum Kampfe. Seht ihr die Weisheit Gottes, wie er das größte Übel, in welchem das menschliche Elend seinen höchsten Grad erreicht, das der Teufel in die Welt gebracht hat, den Tod nämlich, zu unserer Ehre und Herrlichkeit wendet, indem er durch den Tod die tapfern Kämpfer, die Martyrer, zum Sieg und Siegeslohn hinführt? Doch wie? sollen wir nun dem Teufel danken für den Tod? Das sei ferne. Denn wenn der Tod Glück bringt, so ist Das nicht aus die Absichten des Teufels, sondern auf den gnadenvollen Rathschluß der göttlichen Weisheit zurückzuführen. Der Teufel hat [S. 391] Tod in die Welt gebracht, um Unheil anzurichten und den Menschen, indem er sie zur Erde zurückführte, alle Hoffnung auf Heil und Rettung abzuschneiden; Christus aber hat denselben Tod gleichsam in die Hand genommen und umgewandelt und uns durch ihn wieder zum Himmel hinaufgeführt.

Möge es denn Keiner von euch tadeln, wenn ich die große Schaar der heiligen Martyrer, die doch nur eine ist, mit so entgegengesetzten Namen benenne, indem ich sie als Festchor und zugleich als Kriegsheer bezeichne. Denn so sehr diese Worte zu einander im Gegensatz stehen, hier sind sie beide zutreffend. Oder sind nicht die heiligen Martyrer den Todesqualen mit einer Freude entgegengegangen, als ob sie zu einem fröhlichen Feste eilten? Und haben sie nicht andererseits die ganze Tapferkeit, den ganzen Heldenmuth braver Krieger bewährt, und haben sie nicht in der That die Feinde besiegt? Was ihr da seht, Das gleicht allerdings, rein natürlich betrachtet, einem Kriege, einem Kampfe, einer mörderischen Schlacht; aber nach seinem wahren und tiefern Sinne ist es wie ein fröhlicher Tanz, ein heiteres Gastmahl, ein schönes Fest, es ist die größte Freude und Wonne. Soll ich euch erklären, wie es schrecklicher ist als die Schrecken des Krieges? Die Leiden der Märtyrer meine ich. Worin bestehen denn die Schrecken des Krieges? Die feindlichen Heere, von beiden Seiten eingeschlossen, stehen sich gegenüber; die blanken Waffenrüstungen glänzen und werfen ihre Strahlen über die Erde hin; nun werden von allen Seiten ganze Wolken von Pfeilen entsendet, die den Himmel verdunkeln durch ihre Menge; Bäche von Blut strömen über die Erde, und allenthalben liegen die Leichen umher wie Ähren auf dem Erntefeld; so werden die Krieger, einer vom andern, hingeschlachtet. Nun wohlan, jetzt will ich euch von diesem Schlachtfeld auf den Kampf- [S. 392] platz der Martyrer führen. Auch da stehen sich zwei kämpfende Parteien gegenüber: hier die Martyrer, dort die Tyrannen. Die Tyrannen aber sind wohlbewaffnet, die Martyrer kämpfen unbewaffnet, unbedeckt; und doch — bei ihnen ist der Sieg, und nicht auf Seiten der Bewaffneten. Wer sollte da nicht staunen? Man schlägt sie mit Geißeln — und die da schlagen, werden besiegt; man legt sie in Bande — und die von Banden frei sind, werden besiegt; man wirft sie in’s Feuer — und die das Feuer schüren, werden besiegt; man schlägt sie todt — und sterbend siegen sie über ihre Mörder. Seht ihr wohl? Was hier geschieht, ist noch furchtbarer als die Schrecknisse des Krieges. Denn so furchtbar der Krieg ist, so untersteht er doch den Gesetzen der Natur; hier aber werden die Gesetze der Natur und wird der gewöhnliche Lauf der Dinge vollständig überwunden. Daraus sollt ihr ersehen, daß es eine Wirkung der göttlichen Gnade ist, was sie geleistet haben. Kann man uns wohl irgend Etwas aufweisen, wobei so sehr alles Recht und Gesetz unter die Füße getreten wird, wie bei diesem Kampf, bei diesem Ringen? Im Kriege sind doch beide Parteien mit Waffen versehen, hier aber nicht: hier sind die einen jeglicher Rüstung baar, die andern wohlbewaffnet. In der Schlacht ist es doch beiden Parteien gestattet, die Hände zum Kampfe zu erheben; hier aber sind die einen gefesselt, während die andern mit unbeschränkter Freiheit und nach Belieben darauf losschlagen. Denn für ihren Theil haben sich die Richter nach den Eingebungen tyrannischer Willkür das Unrecht thun genommen, den Martyrern aber, den gerechten, das Unrecht leiden zugewiesen. Das ist ihre Art, mit den Heiligen den Kampf zu führen; und dennoch — Sieger bleiben sie nicht; als Besiegte müssen sie nach diesem ungleichen Kampfe zurückweichen. Man führt einen Soldaten in die Schlacht, bricht die Spitze von seiner Lanze, zieht ihm seinen Panzer aus und weiset ihn an, so ohne Schutz- und Trutz-Waffen zu kämpfen; und dieser Krieger, von vielen Schlägen getroffen, durch viele Hiebe verwundet, mit tausend Wunden bedeckt, [S. 393] behauptet das Schlachtfeld und richtet ein Siegeszeichen auf! Das ist genau die Geschichte des Kampfes unserer Martyrer. Denn auch sie werden ohne Waffen, die Hände auf dem Rücken gefesselt, in den Kampf geführt, werden von allen Seiten geschlagen und zerfleischt — und ihre Feinde unterliegen! Sie aber, obgleich die Wunden empfangend, richten das Zeichen des Sieges über den Teufel auf. Wie der Diamant, wenn man darauf schlägt, den Schlägen nicht nachgibt, von seiner Härte Nichts verliert und noch eher das Eisen bricht, mit dem er geschlagen wird: so haben auch die Seelen dieser Heiligen trotz aller Todesqualen Nichts gelitten, haben die Kräfte ihrer Peiniger erschöpft, und diese mußten, nach vielen und unerträglichen Hieben schmählich besiegt, mit Schimpf und Schande das Schlachtfeld räumen. Denn sie, die heiligen Martyrer, wurden in den Block6 gespannt, ihre Seiten zerfleischt und mit tiefen Furchen durchzogen, als ob nicht ein lebendiger Leib zerrissen, sondern ein Ackerland umgepflügt würde. Da sah man ihren Leib an den Hüften unnatürlich ausgespannt, ihre Seiten geöffnet, ihre Brüste zerrissen. Und noch weiter trieb die blutdürstigen Ungeheuer ihre wahnsinnige Wuth. Sie nahmen diese Heiligen von dem Marterholz herab, um sie über glühende Kohlen, auf eine eiserne Leiter auszustrecken, und jetzt konnte man ein noch entsetzlicheres Schauspiel sehen als zuvor: man sah Tropfen zweifacher Art herunter träufeln, Tropfen von dem Blut, das aus ihren Wunden floß, und von dem Fleische, das zerschmolz. Die heiligen Martyrer aber lagen über der Kohlengluth wie auf Rosen; so voll Freude sahen sie zu, was an ihnen geschah.

1: I. Mos. 28, 12.
2: Der Tod der Martyrer ist „Tod Christi“, weil nach seinem Vorbilde und in seiner Kraft; vgl. S. 395.
3: Ps. 8, 6.
4: I. Kor. 15, 31.
5: Kol. 1, 24.
6: „Eine Kammer aus eisenbeschlagenen Balken, in deren Öffnungen die auseinandergespreizten Füße eingeschlossen wurden, zur Verwahrung, wie zur Marter der Gefangenen.“ (Reischl.)

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger