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Chrysostomus († 407) - Reden
Auf das Erdbeben und über Lazarus

Text

1.

Über das Erdbeben, über den reichen Prasser und Lazarus, und über die Entstehung der Sklaverei.

Habt ihr nun gesehen die Macht des Herrn? gesehen seine Liebe? seine Macht, welche die Erde erschüttert, seine Liebe, welche ihren Zusammensturz aufgehalten hat? Doch [S. 264] nein: Beides zeugt von seiner Macht und auch von seiner Liebe. Denn auch die Erschütterung der Erde zeugt von seiner Liebe, — er hat die Erde erschüttert und wieder befestigt, — und daß er die schwankende, die schon einstürzen wollte, wieder aufgerichtet hat, auch Das ist ein Beweis für seine Macht.

Das Erdbeben ist nun vorüber, die Furcht aber bleibe! Die Erschütterung hat aufgehört, die Frömmigkeit verlasse uns nicht mehr! Drei Tage lang haben wir gebetet; unser Eifer lasse nicht nach! Denn wegen unserer Leichtfertigkeit, deßwegen ist das Erdbeben über uns gekommen. Wir waren nachlässig, dadurch haben wir uns das Erdbeben zugezogen; wir sind eifrig geworden, und dadurch sind wir dem Zorn entgangen. Laßt uns nicht wieder nachlässig werden, auf daß wir nicht wieder Zorn und Strafe auf uns laden. Denn „Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe.“1

Habt ihr nun gesehen, wie wenig Bestand das Geschlecht der Menschen hat? Während des Erdbebens dachte ich bei mir selbst: Wo sind nun die Räubereien? und Habgier, Herrschsucht, Hochmuth, Anmaßung, Bedrückung, Ausbeutung der Armen, Übermuth der Reichen, Gewaltthätigkeit der Vornehmen, freche Drohungen, Befürchtungen — wo ist Das alles hingekommen? Ein Augenblick — und Das alles war, leichter als Spinngewebe, zerrissen, Alles war dahin, Wehklagen erfüllte die Stadt, Alle eilten zur Kirche. So erwäget denn, wie es uns ergangen sein würde, wenn es Gott gefallen hätte, Alles zu zerstören. Das sage ich, damit die Furcht vor diesem Schicksal unablässig in euren Herzen lebendig bleibe und euch alle aufrecht halte. Der Herr hat die Erde erschüttert, aber nicht zerstört. Wenn er sie zerstören wollte, hätte er sie nicht er- [S. 265] schüttert. Aber weil er Das nicht wollte, hat er das Erdbeben wie einen Herold vorausgeschickt, um allen Menschen seinen Zorn zu verkünden, damit wir, durch die Furcht gebessert, dem Vollzug des ganzen Strafgerichtes entgehen möchten. So hat der Herr es vor Zeiten auch in einem fernen Lande gemacht. „Noch drei2 Tage, und Ninive wird zu Grunde gehen.“3 Warum zerstörst du die Stadt denn nicht? Du drohst ihr den Untergang; warum geht sie nicht unter? Weil ich sie nicht zerstören will, darum drohe ich. Wie ist Das zu verstehen? Damit ich nicht thun muß, was ich verkündige, darum soll das Wort vorauseilen und die That verhindern. „Noch drei Tage, und Ninive wird zu Grunde gehen.“ Damals sprach der Prophet, jetzt lassen die Mauern ihre Stimme ertönen.

Das sage ich aber, und Das werde ich unaufhörlich sowohl den Armen als den Reichen sagen: Erkennet, wie mächtig Gottes Zorn, wie für ihn Alles leicht und ohne Mühe in’s Werk zu setzen ist. Darum laßt uns endlich einmal auf unsern Sündenwegen einhalten! Er hat in einem kurzen Augenblick jedes Herz und Gemüth erzittern gemacht, hat die Grundfesten der Seele erschüttert. So gedenken wir denn auch einmal jenes furchtbaren Tages, wo es sich nicht um einen Augenblick handelt, sondern eine endlose Ewigkeit bevorsteht. Denken wir an die Ströme von Flammen, den drohenden Zorn, das Herbeischleppen zum Gericht durch Mächte der Geisterwelt, denken wir an den schrecklichen Thron des Richters, an das unbestechliche Gericht; erwägen wir, daß uns dann eines Jeden Werke klar vor Augen stehen, und daß Niemand helfen kann, kein Nachbar, kein redefertiger Anwalt, kein Angehöriger, kein Bruder, kein Vater, keine Mutter, kein Gastfreund — Niemand! [S. 266] Sagt an, was wollen wir dann beginnen? Ich setze in Furcht, um euer Heil zu wirken; ich schärfe meine Rede wie ein Messer, damit sie für Jeden, der es nöthig hat, zur Heilung seiner Seelenwunden dient. Sagte ich nicht immer — wie ich auch jetzt sage und nie aufhören werde zu sagen —: Wie lange klebt ihr noch an dieser Welt? Zu Allen rede ich, doch ganz vorzüglich zu Denen, die an einer Seelenkrankheit leiden, und die auf meine Worte nicht achten. Aber nützlich sind diese Ermahnungen für Jedermann, für die Kranken, damit sie genesen, und für die Gesunden, damit sie nicht erkranken. Wie lange wird noch das Geld euer Eins und Alles sein? wie lange der Reichthum? wie lange die stattlichen Häuser? wie lange die wilde Gier nach thierischer Lust? Seht, das Erdbeben ist gekommen — was hat der Reichthum geholfen? Mit dem Besitzer ist zugleich seine Habe, das Haus ist sammt seinem Erbauer zu Grunde gegangen; beide haben Ruhe gefunden. Für Alle ist die Stadt zum Grabe geworden, zum plötzlichen Grabe, das nicht von der Hand des Todtengräbers, sondern durch die Gewalt des Schicksals hergerichtet ist. Wo ist der Reichthum hingekommen? wohin die Räubereien? die Habsucht? Seht ihr, daß Das alles weniger Bestand hat als das Gewebe einer Spinne?

1: Ezech. 35, 11.
2: So die Septuaginta. Die Vulgata hat: vierzig Tage.
3: Jon. 3, 4.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger