Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Reden
Ueber das Almosen

Text

1.

Predigt über das Almosen, gehalten, nachdem er zur Winterszeit beim Vorübergehen die Armen und die Bettler ganz verlassen auf dem Forum hatte umherliegen sehen.

Als Gesandter stehe ich heut’ vor euch, um eine ebenso gerechte als nützliche und zeitgemäße Sache zu vertreten. Bevollmächtigt hat mich dazu Niemand anders als die Schaar unserer Bettler, freilich nicht durch Worte, nicht durch Abstimmung oder gemeinsamen Beschluß, sondern nur durch ihre höchst traurige, mitleiderregende äussere Erscheinung. Als ich nämlich über den Markt und durch die engen Straßen ging, um zu eurer Versammlung zu eilen, sah ich mitten im Wege eine Menge von Bettlern liegen; die Einen waren der Hände, andere der Augen beraubt, wieder andere mit unheilbaren Geschwüren und Wunden über und über bedeckt; und gerade die Glieder sah ich zur Schau gestellt, die wegen ihres kranken Zustandes am meisten der schützenden Hülle bedurft hätten. Da glaubte ich mich denn einer großen Härte schuldig zu machen, wenn ich nicht von diesem Anliegen zu euch reden würde, zumal da ausser den eben erwähnten Wahrnehmungen auch noch die Jahreszeit mich nöthigt, diesen Gegenstand zu behandeln. Denn ob es schon allezeit Noth thut, vom Almosengeben zu reden, weil ja auch wir vieler Almosen von unserm Schöpfer bedürfen, so ist es doch bei dieser bittern Kälte ganz besonders nothwendig.

Im Sommer gewährt nämlich den Armen das milde Wetter schon eine große Erleichterung. Dann ersetzen ihnen [S. 241] die Strahlen der Sonne eine warme Kleidung, so daß die Blöße der Gesundheit nicht schadet; dann ist es ungefährlich, auf dem Boden zu schlafen und unter freiem Himmel zu übernachten; dann können sie Schuhe, einen Trunk Wein und eine reichlichere Nahrung eher entbehren und lassen sich am Brunnenwasser, an geringen Gemüsen und an einigen getrockneten Körnern genügen: so ist es die milde Jahreszeit, die ihnen in der einfachsten Weise ihren Tisch bestellt. Noch ein anderer Umstand bietet ihnen dann nicht weniger Erleichterung: sie finden ohne Mühe Beschäftigung; denn dann besonders bedürfen die Bauunternehmer, die Landleute und Schiffer ihrer Hilfe; und was für die Reichen ihre Äcker, Häuser und andere Einnahmsquellen sind, Das sind für sie die Kräfte ihres Leibes. Ihre Einnahmen kommen nur von der Arbeit ihrer Hände und sonst nirgends her. Daher haben sie also im Sommer einige Erleichterung. Im Winter aber haben sie schwer und nach allen Seiten zu kämpfen. Dann sind sie doppelt geplagt: denn von innen quält sie der Hunger, und von aussen macht die Kälte ihre Glieder tödtlich starr. Daher müssen sie reichlichere Nahrung, wärmere Kleidung, ein Unterkommen, eine Lagerstätte, Schuhe und manches Andere haben. Und was das Schlimmste ist, sie bekommen auch nicht leicht Beschäftigung, weil die Jahreszeit den Arbeiten nicht günstig ist. Da nun also ihre Bedürfnisse größer sind als sonst und ihnen überdieß die Gelegenheit zur Arbeit mangelt, weil Niemand diese armen Leute dingt oder in Dienst nimmt, wohlan, so thue denn die milde Hand barmherziger Christen, was die Arbeitsherren nicht leisten! Indem ich mich nun aber meines Auftrags entledige, soll mir helfen der heilige Paulus, der wahre Beschützer und Versorger der Dürftigen. Denn der heilige Paulus hat sich dieses Werkes gar sehr und so wie kein Zweiter angenommen. Darum hat er auch, als er sich mit Petrus in die Menge der neuen Christen theilte, die Sorge um die Armen nicht mit ihm getheilt. Denn er sagt: „Sie gaben mir und Barnabas den Handschlag der Gemeinschaft, damit wir uns an die Heiden [wendeten], [S. 242] sie selber aber an die Beschneidung,“1 und dann fügt er hinzu: „Nur daß wir der Armen eingedenk seien, was ich auch wirklich zu thun mich beeifert habe.“ Überall in seinen Briefen bringt er denn auch die Rede auf das Almosengeben, und es ist gar kein Brief zu finden, der diese Mahnung nicht enthielte. Denn er wußte sehr wohl, was dieses gute Werk für eine Kraft besitzt. Es ist zu bewundern, wie er mit dieser Lehre seinen übrigen Mahnungen und Rathschlägen gleichsam die Krone aufsetzt. Das thut er auch an der Stelle, die ich jetzt erklären will. Er hat zuvor von der Auferstehung geredet, und nach allen andern Zurechtweisungen und Anordnungen schließt er mit der Lehre vom Almosengeben. „Was die Sammlung für die Heiligen betrifft,“ sagt er, „wie ich es angeordnet habe bei den Kirchen Galatiens, also machet es auch ihr! Je am ersten Wochentage möge Jeder von euch u. s. w.“2

Siehe da die Weisheit des Apostels, wie er diese Mahnung gerade an der rechten Stelle anzubringen weiß! Nachdem er nämlich des künftigen Gerichtes, jenes schrecklichen Tribunals gedacht hat und der Herrlichkeit, mit der die Guten sollen bekleidet werden, und des ewigen Lebens, da bringt er die Rede auf das Almosen, damit die Zuhörer, getröstet und gehoben durch jene frohe Hoffnung, zugleich aber geschreckt durch die Furcht vor dem Gerichte und mit fröhlichem Herzen die für sie bestimmte Seligkeit erwartend, diese Ermahnungen mit willigerm Gemüthe aufnehmen. Denn wenn man in Betreff der Auferstehung und der Unsterblichkeit recht Bescheid weiß und ein richtiges Urtheil hat, und wenn man seinen Sinn ganz auf das ewige Leben dort oben gestellt hat, dann hält man das Zeitliche, Reichthum und Vermögen, Gold und Silber, schöne Kleider, kostbare Speisen, wohlbesetzte Tafeln und dergleichen für Nichts. Wer aber Dieß alles für Nichts hält, der wird [S. 243] sich eher zu der Sorge für die Armen verstehen. Darum hat Paulus zuerst die Herzen der Zuhörer durch die Lehre von der Auferstehung in die rechte Stimmung versetzt und dann jene Ermahnung angeschlossen. Und er sagt nicht: was die Sammlung für die Bettler oder für die Armen betrifft, sondern: für die Heiligen. Das sollte eine Lehre sein, daß man auch die Armen, wenn sie fromm sind, mit Bewunderung anzusehen und sich von den Reichen, wenn sie die Tugend verachten, mit Abscheu hinwegzuwenden hat. So hat nämlich auch Paulus es nicht gescheut, einen Kaiser, der ein Feind Gottes war, als einen Unheiligen und Verbrecher zu bezeichnen und Bettler Heilige zu nennen, wenn sie demüthig und guten Willens waren. Den Nero nennt er Geheimniß der Bosheit, indem er sagt: „Das Geheimniß der Bosheit ist schon wirksam;“3 diese Armen aber, die nicht einmal satt zu essen hatten und von erbetteltem Brode lebten, die nennt er Heilige. Zugleich gibt er den Gebern in versteckter Weise noch eine andere Lehre: sie sollten wegen dieses Auftrages nicht hochmüthig werden und sich nicht überheben, als ob es geringe und verächtliche Leute wären, denen sie ihre Gaben reichten; sie sollten vielmehr wohl wissen und sich überzeugt halten, daß Diejenigen, welche eines Antheils in ihren Nöthen werth befunden würden, eben dadurch einer großen Ehre theilhaftig würden.

1: Gal. 2, 9. 10.
2: I. Kor. 16, 1. 2.
3: II. Thess. 2, 7.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Vorwort

Navigation
Auf die Neujahrskalenden
Auf Weihnachten
Auf Epiphanie
Von der Buße
Zwei Anreden an die ...
Ueber den Verrath des ...
Von der Auferstehung ...
Ueber die Himmelfahrt ...
Erste Homilie auf das ...
Zweite Homilie auf ...
Ueber das Almosen
. Einleitung
. Text
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
Auf das Erdbeben und ...
Sieben Lobreden auf ...
Lobrede auf alle heiligen ...
Auf den Tag seiner ...
Rede vor seiner Verba...
Rede nach seiner Rückkehr ...
Rede an Eutrop

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger