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Chrysostomus († 407) - Reden
Ueber das Almosen
Text

6.

Das sage ich gerade jetzt nicht ohne Grund, sondern darum, weil man die Armen so oft einer scharfen Prüfung unterwirft, indem man sie über ihre Heimath, Lebensweise, sittliche Führung, Befähigung und Gesundheit ausforscht, indem man sie dann mit Vorwürfen überhäuft und über ihren körperlichen Zustand tausenderlei Erkundigungen einzieht. Daher kommt es denn, daß manche arme Leute sich so stellen, als wären sie mit körperlichen Fehlern behaftet; sie müssen den Gebrechlichen, den Krüppel spielen, um unser gefühlloses Herz zu erweichen! Wenn man den Vorwurf des Müßiggangs [worauf es bei jenen Erkundigungen [S. 258] abgesehen ist] im Sommer gegen die armen Leute erhebt, so ist Das zwar hart, jedoch weniger hart; daß man aber sogar bei dieser winterlichen Kälte so hart und erbarmungslos richtet und mit den Unthätigen gar keine Nachsicht übt, — ist Das nicht ein Übermaß von Hartherzigkeit? Doch man sagt mir dagegen: Was hat denn Paulus den Thessalonichern für eine Regel begeben? „Wenn Einer nicht arbeiten will, soll er auch nicht essen.“1 Nun ja; Das sollst Du auch hören! Das sagt Paulus nicht bloß für die armen Leute, sondern auch für dich! Die Gebote des heiligen Paulus gelten nicht den Armen allein, sondern auch uns! Soll ich jetzt Etwas sagen, was euch hart und ärgerlich dünkt? Ich weiß, daß ihr darüber zürnen werdet; aber ich werde es dennoch sagen; denn ich sage es nicht, um zu verletzen, sondern um zu heilen. Wir werfen diesen Leuten ihren Müssiggang vor, der doch manchmal in der That verzeihlich ist; dagegen beschäftigen wir uns vielfach mit Dingen, die schlimmer sind, als Müßiggang nur sein kann. Nun ja, sagt man; ich habe Vermögen von meinen Eltern her. Wie? ist denn dieser Arme darum, weil er arm und von armen Leuten ist, weil er keine reichen Vorfahren hat, werth, daß er zu Grunde geht? Gerade deßhalb wäre er des Mitleids und der Barmherzigkeit der Vermögenden am meisten werth! Wenn du manchmal den ganzen Tag im Theater, in Gesellschaften und Zusammenkünften verbringst, die nicht den mindesten Nutzen bringen, wenn du dabei zahllose böse Reden führst, Das hältst du weder für Sünde noch für Müssiggang; und diesem armen, bejammernswerthen Menschen, der den ganzen Tag in Bitten und Flehen, in Thränen, in so elendem Zustande hinbringt, dem bist du ein gestrenger Richter, den nimmst du in’s Verhör, der soll dir Rechenschaft ablegen! Heißt Das denn menschlich verfahren? Und wenn du meinst: Was sollen wir denn dem Paulus erwidern? so wende Das nicht auf die Armen, sondern [S. 259] auf dich selbst an. Übrigens aber lies nicht bloß jene strengen Drohworte, sondern auch die Worte der Nachsicht. Derselbe Mann, der gesagt hat: „Wenn Einer nicht arbeitet, soll er auch nicht essen,“ der hat hinzugefügt: „Ihr aber, Brüder, wollet nicht ermüden, wohlzuthun.“2

Allein was hat man denn für eine scheinbar triftige Entschuldigung? Es ist hergelaufenes Gesindel, sagt man, es sind Auswärtige, Taugenichtse, die ihrer eigenen Heimath den Rücken gekehrt haben und in unserer Stadt zusammenströmen. Also darum zürnest du? So zerrupfest du den Ehrenkranz einer Stadt, die von Jedermann als eine Zufluchtsstätte angesehen und von den Fremden selbst der Vaterstadt vorgezogen wird? Ihr solltet stolz darauf sein, ihr solltet euch freuen, daß Jedermann sich ungesäumt an eure Mildthätigkeit um Hilfe wendet, daß man hier einen großen Stapelplatz voll milder Gaben zu finden hofft und diese unsere Stadt als eine Mutter aller Armen betrachtet. O wollet diesen guten Ruf doch nicht zerstören, diesen alten, von den Vätern ererbten Ruhm doch nicht beeinträchtigen. Denn auch vor Zeiten, als eine Hungersnoth das ganze Land bedrohte, haben die Bürger dieser Stadt den Bewohnern von Jerusalem, eben denjenigen, von welchen ich in dieser ganzen Rede gesprochen habe, durch die Hände des Barnabas und Saulus nicht geringe Almosen zugeschickt.3 Seht da! unsere Väter haben die Armen einer weit entfernten Gegend mit ihrem Gelde unterhalten und sind selbst zu ihnen hingeeilt, — haben wir nun wohl eine nachsichtige Beurtheilung verdient, haben wir eine Entschuldigung, wenn wir sogar die aus der Ferne zu uns geflüchteten Armen verstoßen, wenn wir so genaue Rechenschaft von ihnen verlangen, obgleich wir recht gut wissen, daß auf unserer Seele eine große Sündenschuld lastet? Wenn Gott mit uns so streng in’s Gericht geht, wie wir [S. 260] mit den Armen, dann werden wir keine Verzeihung, Erbarmen finden. Es sind aber Worte des Herrn: „Mit welchem Gerichte ihr richtet, werdet auch ihr gerichtet werden.“4 Darum sei mild und freundlich gegen deinen Mitknecht, und entledige dich dadurch vieler Sünden. Übe Erbarmen, damit auch du ebenso gnädig gerichtet werdest. Warum bürdest du dir eine solche Last auf? Warum machst du so viele Umstände? Wenn Gott vorgeschrieben hätte, wir sollten der Lebensgeschichte der armen Leute nachforschen, Rechenschaft von ihnen verlangen, uns sorgfältig nach ihrer Führung erkundigen, würde dann nicht Mancher recht unzufrieden sein? Würde man nicht bei sich selber sagen: Was ist denn Das? Da hat uns Gott etwas recht Schweres aufgelegt!? Können wir denn anderer Leute Leben durchforschen? Wissen wir denn, was Dieser und Jener begangen hat? — Würde nicht manch Einer sich in solchen Klagen ergehen? Nun aber hat Gott uns mit allen diesen Umständlichkeiten verschont, er hat uns den vollen Lohn versprochen, mögen die Empfänger unserer Gaben Sünder oder Gerechte sein, — und wir sind es, die uns mit so großen Mühen belasten! Aber woher ist Das denn so klar, fragst du, daß wir unsern Lohn auf jeden Fall erhalten werden, mögen wir tugendhaften Leuten oder andern unsere Gaben reichen? Das geht aus folgenden Worten des Herrn selbst hervor: „Betet für Die, welche euch verfolgen und vergewaltigen, damit ihr ähnlich seid eurem Vater, der in den Himmeln ist, welcher seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte.“5 Wie also dein Herr seine Wohlthätigkeit gegen alle Menschen nicht einstellt, wie er dadurch seine große Liebe zu den Menschen zeigt, daß er die Strahlen der Sonne, den Regen, die Früchte der Erde zum Gemeingut aller Menschen macht, obgleich Tausende unter ihnen gegen ihn lästern, Tausende Unzucht treiben, stehlen, rauben, Gräber schänden und zahl- [S. 261] lose Sünden begehen: so thue auch du, und wenn du Gelegenheit hast, Liebe und Erbarmen zu üben, dann mache nicht viele Umstände, sondern stehe den Armen bei, wehre ihrem Hunger, verscheuche ihren Kummer! Wenn wir vorher das Leben der Armen genau untersuchen wollen, dann werden wir uns nie eines Menschen erbarmen, wir werden durch einen solchen schlecht angebrachten Vorwitz stets in der Übung des Guten behindert sein, werden dafür ohne Lohn, ohne alle Hilfe bleiben und viele Mühe ganz vergebens, ganz nutzloser Weise auf uns nehmen. Darum ermahne ich euch, daß ihr doch aufhöret, euch so überflüssige Mühe zu machen. Spendet allen Bedürftigen, und zwar mit großer Freigebigkeit, damit auch wir am Tage des Gerichtes die Fülle des Erbarmens und der Liebe bei Gott finden mögen. Das werde uns allen zu Theil durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus! Ihm und zugleich dem Vater und dem heiligen Geiste eignet die Herrlichkeit, Macht und Ehre, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen.

[S. 262]

1: II. Thess. 3, 10.
2: II. Thess. 3, 13.
3: Apostelg. 11, 29. 30.
4: Matth. 7, 2.
5: Ebd. 5, 44. 45.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger