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Chrysostomus († 407) - Reden
Ueber das Almosen
Text

5.

Da nun der heilige Paulus, als ein Mann von so ausserordentlichem und allgemein anerkanntem Ansehen, auf diese Weise einer von allen Leuten zu erwartenden Ehre auszuweichen suchte und wenn wir dagegen schon ungeduldig und verdrießlich werden, daß etwa die Verteiler solcher Gelder nicht nach unserm Gutdünken, nicht nach unserer Wahl und Meinung bestimmt werden; wenn wir es fast als eine Beleidigung empfinden, daß Andere bei der Verwendung ihres eigenen Vermögens nicht nach unserm Sinne und mit unserer Gutheissung handeln, — sind wir dann auch nur des Schattens des heiligen Paulus oder seiner Schuhe werth? Dann sieh ferner, wie er sich stets gleich bleibt und sich keinen Augenblick vergißt. Er redet nämlich hier nicht von Ausrichten ihres Auftrags, nicht von Besorgen ihrer Almosen, sondern von Überbringung ihrer Liebesgaben (χάρις)1 Dadurch zeigt er, daß die Unterstützung der Armen, die Mildthätigkeit gegen Dürftige ebenso sehr und noch weit mehr ein Werk der Gnade ist, als die Auferweckung vom Tode, die Austreibung böser Geister, die Reinigung vom Aussatz. Aber obgleich ein Werk der Gnade, erfordert es auch von unserer Seite Eifer und Bereitwilligkeit, damit wir uns frei dazu entschließen und der Gnade würdig machen.

Daß er also Briefe mitschicken wollte, Das war das Eine, wodurch er die Korinthier ermuthigte; das Andere und Wichtigere war sein Versprechen, auch mit ihnen an [S. 255] dieser Reise Theil zu nehmen. Denn er sagt: „Wenn es werth ist, daß auch ich gehe, werden sie auch mit mir gehen.“ Beachte auch hier seine Weisheit! Er hütet sich ebenso sehr, seine Begleitung zu versagen, als sie unbedingt zu versprechen; er läßt vielmehr auch darüber die Geber entscheiden und legt es in ihre Hand, ob er mitgehen wird oder nicht. Denn er gibt zu verstehen, daß er die Reise ganz gewiß unternehmen werde, wenn die Spenden reichlich ausfallen und groß genug sein werden, um ihn zu diesem Entschlusse zu vermögen. Das deuten nämlich die Worte an: „Wenn es werth ist“ u. s. w. Hätte er sich unbedingt dahin ausgesprochen, daß er die Reise nicht mitmachen werde, dann wären sie entmuthigt und dadurch saumseliger geworden; hätte er eine zweifelhafte Zusage, ein unbestimmtes Versprechen gegeben, dann würde er sie ebenfalls lässiger und gleichgiltiger gemacht haben. Das ist also der Grund, weßhalb er seine Begleitung weder unbedingt absagt noch zusagt und den Korinthiern die Entscheidung darüber anheimstellt, in den Worten: „Wenn es werth ist“ u. s. w. Als sie hörten, daß Paulus ihre Gaben überbringen würde, da gingen sie ohne Zweifel mit mehr Eifer und Bereitwilligkeit an’s Werk, damit die Spende in seine heiligen Hände gelegt und das Opfer von seinen Gebeten begleitet werden möchte.

Wenn nun aber die Korinthier, weil sie ihre Gaben an Paulus zur weitern Besorgung entrichteten, eben deßhalb williger und freudiger spendeten, — sagt an, dürfet ihr dann unschlüssig zaudern, die ihr Demjenigen spenden sollt, dessen Diener Paulus ist? unserm göttlichen Meister, der in der Person der Armen eure Almosen annimmt? Womit könntet ihr euch dann entschuldigen? Gewiß, wenn das Almosengeben nicht ein großes, allen Eifers würdiges Werk wäre, dann hätte der Mann, der mit der Sorge für den ganzen Erdkreis und für alle Kirchen unter der Sonne belastet war, sicherlich die Besorgung dieser Gelder nicht übernommen. Laßt denn auch uns Das recht bedenken und, [S. 256] wenn wir geben sollen oder den Gebern zu Diensten sein sollen, nicht zaudern und nicht verdrießlich werden, als würde nun unser Vermögen verringert! Sieht man denn den Landmann. wenn er den Samen ausstreut und hinwirft, was er hat, sich darüber ärgern und betrüben? Glaubt er dabei einzubüßen und nicht vielmehr zu verdienen, zu gewinnen, obgleich seine Aussichten so sehr unsicher sind? Du hast aber, wenn du die Saat des Almosens ausstreust, nicht etwa Güter derselben Art, sondern weit höherer Art zu erwarten und legst dein Geld in die Hände Christi, — wer da zögere, kalt und starr bleibt, seine Armuth vorschützt der ist ein Thor!

Konnte Gott nicht der Erde gebieten, lauteres Gold hervorzubringen? Der da gesagt hat: „Es sprosse die Erde Gras hervor!“2 und der damit sofort die Pflanzen in’s Dasein rief, der konnte auch den Quellen und Flüssen gebieten, allenthalben Gold zu führen. Aber Das wollte er nicht. Er ließ vielmehr zu, daß manche Menschen bettelarm sind, und zwar sowohl zu ihrem als zu deinem Heile. Denn dem Armen ist es leichter als dem Reichen, tugendhaft zu leben, und andererseits gewährt dem Sünder die Unterstützung der Nothleidenden nicht geringen Trost. So sehr hat dem Herrn diese Sache am Herzen gelegen, daß er sich damals, als er bei uns erschienen. mit unserm Fleische bekleidet war und mit den Menschen verkehrte, in eigener Person der Verwaltung der Almosen hat unterziehen wollen. Dessen hat er sich nicht geglaubt schämen zu sollen. Er, der so viel Brod erschaffen hat, der durch das Gebot seiner Allmacht Alles hervorbringt, was er will, der im Stande ist, ganz Plötzlich unermeßliche Schätze zum Vorschein zu bringen, er hat Das gleichwohl nicht gethan: er wies vielmehr seine Jünger an, einen Beutel bei sich zu führen, die Gaben darin aufzuheben und die Armen davon zu unter- [S. 257] stützen. Woraus geht Das hervor? Als er mit Judas andeutungsweise vom Verrathe sprach, da verstanden die Jünger das Wort nicht und meinten, heißt es, er habe dem Judas aufgetragen, den Armen Etwas zu gehen. „Er hatte nämlich den Geldbeutel,“3 heißt es, „ und trug bei sich, was gegeben wurde.“

Ja, die Barmherzigkeit gilt bei Gott ungemein viel, nicht bloß seine Barmherzigkeit gegen uns, sondern auch unsere Barmherzigkeit, die wir nämlich den Mitknechten schuldig sind. Im alten sowohl als im neuen Bunde hat er darüber eine ganze Menge von Geboten gegeben, worin er uns befiehlt, in jeder Weise Nächstenliebe zu üben, durch Worte, durch Spenden, durch Werke. Diese Vorschrift wird von Moses unaufhörlich eingeschärft und in alle seine Gesetze verwebt; die Propheten, im Namen Gottes redend, rufen es laut: „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer;“4 alle Apostel thun und reden ganz in gleicher Weise. Laßt uns denn dieses gute Werk nicht vernachlässigen! Es sind ja nicht die Armen, die den meisten Nutzen davon haben, sondern wir selbst sind es, und was wir erhalten, ist mehr, als was wir geben.

1: Χάρις bedeutet auch Gnade im weitesten Sinne. Daraus erklärt sich die oben folgende Bemerkung, worin χάρις = gratia gratis data genommen wird und vorzüglich die Gabe der Wunder bezeichnet.
2: I. Mos. 1, 11.
3: Joh. 13, 28.
4: Osee 6, 6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger