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Chrysostomus († 407) - Reden
Ueber das Almosen
Text

4.

Folgen wir also, und thun auch wir deßgleichen! In unserem Hause sei von nun an ausser unserer eigenen auch eine heilige Kasse, auf daß auch unser Besitzthum dadurch wohl verwahrt sei! Denn wie das in den kaiserlichen Schatzkammern hinterlegte Geld eines Bürgers um des kaiserlichen Geldes willen ebenfalls ganz sicher aufgehoben ist, ebenso wird auch in deinem Hause das Armengeld, das du des Sonntags zurücklegst, zur Sicherung deines eigenen Geldes dienen. So ist es also der heilige Paulus, der dich dein eigenes Vermögen gut verwalten lehrt! — Was soll ich noch sagen? Das, was du einmal zusammengelegt haben wirst, Das wird dir auch wieder zur Veranlassung und zum kräftigen Antrieb werden, noch mehr zurückzulegen. Denn wenn du mit dieser schönen Gewohnheit nur einmal einen Anfang gemacht hast, dann wirst du dich schon dadurch, auch ohne Nachhilfe eines Andern, auch zur Fortsetzung angespornt fühlen. So sei denn eines Jeden Haus [S. 251] wie eine Kirche, nämlich ein Aufbewahrungsort für heilige Schätze! Mit diesen Häusern sind die Schatzkammern hier in der Kirche zu vergleichen. Wo das Armengeld liegt, da haben die Teufel keinen Zutritt. Durch dieses Armengeld sind die Häuser besser beschirmt als durch Schild, Speer und andere Waffen, als durch Stärke des Leibes, als durch Schaaren von Soldaten.

Nachdem nun Paulus gesagt hat, von wem und auf welche Weise dieses Geld zusammenzubringen ist, gibt er das Wieviel dem freien Belieben der Spender anheim. Er sagt nicht: trage so und so viel bei; dann hätte man vielleicht sein Gebot lästig gefunden, Manche hätten sich mit ihrer Armuth entschuldigt, und die Armen hätten gesagt: Wenn wir aber nicht dazu im Stande sind? Darum soll nach seiner Absicht das Vermögen und der gute Wille des Einzelnen für die Größe des Beitrags maßgebend sein. „Jeder von euch“, sagt er, „lege bei sich zurück, aufsparend, was ihn leicht ankömmt.“ Es heißt nicht: was er kann, oder: was sich vorfindet, sondern: was ihn leicht ankömmt — eine Andeutung, daß ihm auch die Gnade und Gunst des Himmels dabei zu Hilfe kommen werde. Paulus sah nämlich gar sehr darauf, daß mit großer Bereitwilligkeit, nicht darauf allein, daß überhaupt den Armen Geldspenden gereicht würden. So hat auch Gott der Herr, indem er das Almosengeben zur Pflicht machte, nicht bloß die Sättigung der Armen, sondern auch den Nutzen der Geber beabsichtigt und hat dieses Gebot noch mehr um der Spender als um der Armen willen gegeben. Hätte er nur den Vortheil der Armen im Auge, dann würde er auch nur das Darreichen der Gabe, nicht aber überdieß die freudige Bereitwilligkeit zum Geben verlangen. Nun siehst du aber den Apostel unermüdlich gerade darüber seine Vorschriften geben, daß man gern, daß man fröhlichen Herzens mittheilen soll. So sagt er einmal: „Nicht aus Betrübniß oder aus Nöthigung; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb,“1 also [S. 252] ohne Weiteres einen Geber, sondern den, der mit Freuden gibt. Und wiederum an einer andern Stelle: „Wer spendet, [spende] in Einfalt, wer vorsteht, [stehe vor] mit Eifer, wer Erbarmen übt, [übe es] mit Freudigkeit.“2 Wenn man freudigen Herzens gibt, so daß man sich dabei weniger als Spender, denn als Empfänger betrachtet, so ist Das gleichsam ein neues Almosen. Damit man also recht bereitwillig gebe, darum sucht der heilige Paulus auf alle mögliche Weise sein Gebot leicht zu machen. Seht nur, wie viele Mittel er anwendet, um dieser Pflicht das Unangenehme, Lästige zu benehmen! Erstens verlangt er die Gabe nicht von Einem oder Zweien oder Dreien, sondern von der ganzen Stadt. Denn eine Sammlung ist ja nichts Anderes als das Einsammeln der von Allen geleisteten Beiträge. Zweitens erinnert er an die Würde der Empfänger, die er nicht Bettler, sondern Heilige nennt. Drittens verweis’t er auf das Beispiel Anderer, die bereits so gethan haben: „Wie ich angeordnet habe,“ sagt er, „bei den Kirchen Galatiens.“ Ferner verlegt er die Entrichtung der Gabe gerade auf den passendsten Tag: „Je am ersten Wochentage lege Jeder von euch bei sich zurück, aufsparend“ u. s. w. Fünftens will er die Almosen nicht auf einmal gegeben wissen, sondern nach und nach, in kleinen Beträgen. Es ist ja keineswegs einerlei, ob er das Ganze an einem Tage zu spenden gebietet oder aber auf so viele Tage vertheilen läßt: denn im letztern Falle ist die Auslage dem Geber so zu sagen gar nicht fühlbar. Sechstens bestimmt er die Größe der Gabe nicht, sondern überläßt Das dem guten Willen der Geber und deutet dabei an, daß Dieß [d. i. sowohl die Gabe als der gute Wille] ein Geschenk Gottes ist. Beides liegt nämlich in den Worten: „Was ihn leicht ankömmt.“ Noch ein siebentes Mittel fügt er hinzu, indem er sagt: „Damit nicht, wenn ich gekommen sein werde, erst [S. 253] dann Sammlungen veranstaltet werden.“ Diese Worte mußten sie nämlich einerseits zum Geben drängen, insofern sie seine Ankunft zu erwarten hatten, und andererseits ermuthigen, insofern er ihnen für die Sammlungen noch eine lange Frist gewährt. Allein auch Das war ihm nicht genug; er fügte sogar noch ein achtes Mittel hinzu. Worin besteht das denn? Er sagt: „Wenn ich aber anwesend bin, will ich Die, so ihr begutachten werdet, mit Schreiben [von mir] absenden, um eure Liebesgabe zu überbringen; und wenn es werth ist, daß auch ich gehe, werden sie mit mir gehen.“ Sieh doch diesen heiligen, hochgesinnten Mann! wie ausserordentlich demüthig, wie besorgt und liebreich er ist! Er will nicht, er gibt nicht zu, daß er selbst nach seinem eigenen Gutdünken die Überbringer des Geldes bestimmen soll; er gibt vielmehr den Korinthiern diese Wahl anheim. So hält er es denn nicht für ein Unrecht, wenn diese Boten durch den Willensbeschluß der Korinthier und nicht des Paulus bestimmt würden. Das Gegentheil, daß nämlich er die Boten auswählen sollte, während Jene die Beisteuer lieferten, schien ihm nicht in der Ordnung zu sein. Darum überläßt er ihnen die Wahl, und dadurch beweis’t er nicht nur seine Demuth, sondern räumt er auch jede Veranlassung, jeden Schatten eines ungerechten Verdachtes aus dem Wege. Denn war er gleich reiner als die Strahlen der Sonne und erhaben über jeden Argwohn, so suchte er nichts desto weniger sogar weit über seine Schuldigkeit hinaus der Schwachen zu schonen und falschem Verdachte zu entgehen. Darum sagt er: „Wenn ich anwesend bin, werde ich Die, so ihr begutachten werdet, mit Schreiben absenden, um eure Liebesgabe zu überbringen.“ Was sagst du da? Willst du denn nicht hinreisen, um das Geld in Empfang zu nehmen? Dieses Geschäft willst du Andern überlassen? So sollten sie nicht denken; dieser Gedanke sollte ihren Eifer nicht lähmen. Seht, wie er auch Das wieder zu verhüten weiß. Er sagt nicht einfach so: die ihr begutachten werdet, die werde ich absenden, — sondern wie sagt er? „die werde ich mit Schreiben von mir absenden,“ [S. 254] d. h. wenn auch nicht dem Leibe nach, werde ich doch durch mein Geschriebenes dabei sein und mit ihnen an dieser Gesandtschaft Theil nehmen.

1: II. Kor. 9, 7.
2: Röm. 12, 8.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger