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Chrysostomus († 407) - Reden
Ueber das Almosen
Text

2.

Es ist aber auch der Mühe werth, zu untersuchen, wer diese Heiligen waren. Paulus gedenkt ihrer nicht bloß an dieser, sondern auch an einer andern Stelle, wo er sagt: „Jetzt aber reise ich nach Jerusalem, um zu dienen den Heiligen.“1 Auch Lukas erwähnt dieselben Heiligen in der Apostelgeschichte, wo von einer bevorstehenden großen Hungersnoth die Rede ist: „Die Jünger aber, so wie Jeglicher bei Mitteln war, beschloßen zu senden an die Armen unter den [S. 244] Heiligen in Jerusalem.“2 Hierher gehört auch die Stelle, die ich schon eben angefühlt habe: „Nur daß wir der Armen eingedenk seien, was ich auch wirklich zu thun mich beeifert habe.“3 Wir haben zwar getheilt, will er sagen, so daß mir die Heiden, dem Petrus die Juden zufallen; aber dabei sind wir beiderseits übereingekommen, daß in Betreff der Sorge für die Armen diese Theilung nicht gelten soll. Wenn sie nämlich predigten, dann predigte Petrus den Juden, Paulus den Heiden; wenn es sich aber um Unterstützung der Armen handelte, dann sorgte nicht der Eine bloß für die Armen aus dem Judenthum, der Andere bloß für die aus dem Heidenthum, sondern es nahm sich Jeder von ihnen auch der Armen aus dem Judenthum sehr eifrig an. Darum sagt also Paulus: „Nur, daß wir der Armen eingedenk seien, was ich auch wirklich zu thun mich beeifert habe.“ Welches sind nun diese Armen, von denen hier die Rede ist? die er auch im Briefe an die Römer und im Briefe an die Galater erwähnt, und für die er die Wohlthätigkeit der Mazedonier anruft? Es sind die Armen jüdischer Abstammung, die in Jerusalem wohnten. Warum aber legt er gerade für sie eine so große Fürsorge an der Tag? Waren denn nicht ganz ohne Zweifel in allen Städten Dürftige und Bettler? Warum schickt er die Almosen gerade an sie, und warum ruft er alle Christen zu ihrer Hilfe auf? Das war nicht grundlos, nicht zufällig, war keine Parteilichkeit, sondern durchaus heilsam und den Umständen entsprechend. Doch ich muß ein wenig weiter ausholen.

Als das Reich der Juden schon zertrümmert war und bereits jenes Wort sich erfüllte, das sie bei der Kreuzigung Jesu ausriefen, sich selbst das Urtheil sprechend: Wir haben keinen König, als den Kaiser,“4 da waren sie allerdings in Verfassung und Gesetzen nicht selbstständig, wie sie [S. 245] vordem gewesen waren, aber auch nicht in förmlicher Knechtschaft gehalten, wie sie jetzt sind. Sie nahmen vielmehr die Stellung von Bundesgenossen ein und hatten zwar den Kaisern ihre Steuern zu zahlen und die von diesen gesendeten Statthalter anzuerkennen, brachten aber auch vielfach ihre eigenen Gesetze in Anwendung und bestraften die bei ihnen vorkommenden Vergehen nach dem alten, von den Vätern überkommenen Rechte. Daß sie den Römern Abgaben entrichteten, geht aus den bekannten Worten jener Versucher hervor, die den Herrn fragten: „Meister, ist es erlaubt, dem Kaiser Zins zu geben, oder nicht?“5— (als der Herr sich auch die Zinsmünze zeigen ließ und sprach: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“) Auch berichtet Lukas, daß der Tempel seine Obersten und Befehlshaber hatte. Daß also die Juden den Römern unterworfen waren, Das geht hieraus zur Genüge hervor. Daß die Juden aber auch ihre eigenen Gesetze in Anwendung brachten, ergibt sich aus folgenden Thatsachen. Sie haben den Stephanus gesteinigt, ohne ihn vor [das römische] Gericht gestellt zu haben; sie haben den Jakobus, den Bruder des Herrn, getödtet; sie haben den Herrn selbst gekreuzigt, obgleich der Richter zu seinen Gunsten urtheilte und ihn von allen Punkten der Anklage frei sprach. Darum wusch er sich auch die Hände und sprach: „Ich bin unschuldig an diesem Blute.6 “ Und als er sich dann von ihnen sehr gedrängt sah, da enthielt er sich des Richterspruchs und trat zurück; die Juden aber brauchten eigene mächtiger Weise Gewalt und verübten Das alles, was darauf gefolgt ist. Auch den Paulus haben sie manchmal geplagt. Weil sie also eine eigene Gerichtsbarkeit hatten, daher kam es, daß Diejenigen von ihnen, welche den Glauben annahmen, mehr als alle andern Christen zu leiden hatten. Denn die übrigen Gemeinwesen hatten ihre Gesetze, Gerichte und Obrigkeiten, welche dafür sorgten, daß [S. 246] die Heiden die zum Christenthum Bekehrten nicht eigenmächtig tödten, steinigen oder sonst auf ähnliche Weise quälen konnten; und wenn Einer darauf ertappt wurde, wie er gegen den Spruch des Richters so Etwas verübte, dann wurde er selbst bestraft. Bei den Juden aber konnte man sich dergleichen Vergehen ganz frei und ungehindert erlauben. Darum hatten die Christen unter den Juden am allermeisten zu leiden; sie waren gleichsam zwischen Wölfen eingesperrt und hatten Niemand, der sie befreite. So wurde z. B. auch Paulus oftmals von den Juden gegeißelt. Höret nur, er sagt es uns selbst: „Von den Juden habe ich fünfmal vierzig Streiche weniger einen erhalten, dreimal bin ich mit Ruthen geschlagen, einmal gesteinigt worden.“7 Daß überhaupt das eben Gesagte nicht bloß meine Ansicht ist, Das ergibt sich aus folgenden Worten Pauli im Hebräerbriefe: „Gedenkt wieder der frühern Tage, in welchen ihr, nachdem ihr erleuchtet worden, großen Leidenskampf bestanden habet, indem ihr einerseits durch Beschimpfungen und Bedrängnisse ein Schauspiel, andererseits aber Genossen der also Leidenden geworden seid. Denn auch den Raubeures Besitzthums habt ihr mit Freude hingenommen, wohl wissend, daß ihr einen bessern Besitz habet im Himmel und einen bleibenden.“8 Auch wo er den Thessalonichern Ermahnungen gibt, führt er ihnen diese Christen vor Augen: „Denn ihr seid, Brüder, Nachahmer geworden der Kirchen Gottes, welche in Judäa sind, weil auch ihr Ähnliches erlitten habt von den eigenen Stammgenossen, so wie auch sie von den Juden.“9 Weil sie also am härtesten zu leiden hatten, weil sie nicht nur unbarmherzig behandelt, sondern auch ihrer ganzen Habe beraubt, hinweggeschleppt, vertrieben, überall verjagt wurden, darum war es ganz in der Ordnung, daß er die Christen überall für sie um Hilfe [S. 247] anrief. So sind sie es denn auch, deren Unterstützung er an unserer Stelle den Korinthern an’s Herz legt, indem er sagt: „Was die Sammlung für die Heiligen betrifft, — wie ich es angeordnet habe bei den Kirchen Galatiens, also machet es auch ihr!“

1: Röm. 15, 25.
2: Apostelg. 11, 29.
3: Gal. 2, 10.
4: Joh. 19, 15.
5: Matth. 22, 17.
6: Ebd. 27, 24.
7: II. Kor. 11, 24. 25.
8: Hebr. 10, 32 ff.
9: I. Thess. 2, 14.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger