Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Reden
Zweite Homilie auf das Pfingstfest
Text

2.

Wer könnte also Diejenigen nach Verdienst beklagen und beweinen, welche die Hoheit des heiligen Geistes angreifen und wie Rasende sich nicht einmal durch die Größe der Wohlthaten von ihrer Undankbarkeit zurückhalten lassen, sondern gegen ihr eigenes Heil Jegliches wagen, indem sie ihn, so viel an ihnen ist, der göttlichen Würde entkleiden und in die Reihe der Geschöpfe herabzusetzen sich unterfangen? Diese möchte ich fragen: Warum zeigt ihr euch, ihr Verräther, gegen die Würde des heiligen Geistes gar so erbost? Oder besser gesagt: gegen euer eigenes Heil, und warum wollt ihr euch nicht der Worte erinnern, die der Erlöser zu seinen Jüngern sprach:1 „Gehet hin, lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes“? Siehst du die Gleichheit der Würde? Siehst du die vollkommene Übereinstimmung? Siehst du die Untheilbarkeit der Dreieinigkeit? Ist irgendwo ein Unterschied, eine Veränderung oder Verminderung? Was unterfanget ihr euch, zu den Worten des Herrn Zusätze zu machen? Oder wisset ihr nicht, daß, wenn Jemand selbst in weltlichen Dingen es unternehmen oder in seiner Verwegenheit so weit gehen wollte, den Befehlen des Kaisers, der doch mit uns dieselbe Wesenheit, dieselbe Natur hat, [S. 232] Etwas beizufügen oder Etwas davon zu beseitigen, Dieser der strengsten Strafe verfällt und daß ihn Nichts der Rache zu entreissen vermag? Wenn Das nun schon unter Menschen so gefährlich ist, welche Verzeihung können Diejenigen hoffen, welche einen solchen Unverstand zeigen und sich vermessen, die Worte unseres gemeinschaftlichen Erlösers zu fälschen, und Paulus, aus dem doch Christus redet, nicht anhören wollen, wenn er mit lauter Stimme ausruft und sagt: „Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gekommen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“?2 Wenn es also kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, wenn keines Menschen Herz Das zu erfassen vermag, was Gott Denen bereitet hat, die ihn lieben: wie, o heiliger Paulus, können denn wir davon Kenntniß erhalten? Warte ein wenig; du wirst darüber von ihm selbst Auskunft erhalten. Er fügt also bei und spricht: „Uns aber hat es Gott geoffenbart durch seinen Geist.“3 Dabei bleibt er aber nicht stehen, sondern spricht, um auch dessen Machtfülle und gleiche Wesenheit mit dem Vater und Sohne zu zeigen: „Der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit;“4 dann fügt er bei, um uns diese Lehre durch ein Beispiel, das er von den Menschen hernimmt, noch klarer zu machen: „Welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als der Geist des Menschen, der in ihm ist? So weiß auch Niemand, was Gottes ist, als der Geist Gottes.“5 Siehst du, wie vollkommen dieser Unterricht ist? Er sagt: Wie es nicht möglich ist, daß irgend ein Anderer wisse, was in dem Herzen des Menschen vorgeht, sondern nur dieser selbst Dieses weiß: ebenso weiß auch Das, was Gottes ist, Niemand, als der Geist Gottes; und Das ist der stärkste und klarste Beweis von der Hoheit des heiligen Geistes; [S. 233] denn Paulus führt dieses Gleichniß an und spricht damit aus: „Es ist ja nicht möglich, daß irgend ein Mensch Das, was in seiner Seele vorgeht, nicht wisse; wie also Das unmöglich ist, so, sagt er, weiß auch der heilige Geist ebenso genau Das, was Gottes ist.“ Allein ich weiß wohl, daß der heilige Paulus mit diesen Worten Diejenigen trifft, welche aus vorgefaßter Meinung gegen ihr eigenes Heil die Würde des heiligen Geistes bekämpfen und ihn, soviel an ihnen ist, seiner göttlichen Hoheit berauben und zur Niedrigkeit der Geschöpfe herabsetzen wollen. Allein mögen Jene auch aus Liebe zum Zank widerstreben und sich dem Ausspruch der göttlichen Schrift widersetzen: wir wollen die göttlichen Lehren als Aussprüche des Himmels annehmen, dem heiligen Geiste die gebührende Anbetung leisten, mit dem rechten Glauben auch die genaue Erkenntniß der Wahrheit an den Tag legen.

Gegen Diejenigen nun, die sich unterfangen das Gegentheil von Dem zu lehren, was der heilige Geist gelehrt hat, mag das Gesagte genügen. Wir müssen aber eurer Liebe auch sagen, warum uns der Herr nicht gleich nach seiner Himmelfahrt den Spender so herrlicher Gaben gesandt hat, sondern vorerst einige Tage vorbeigehen ließ; warum er den Jüngern befahl beisammen zu bleiben, und dann erst den heiligen Geist herabgesandt hat. Das ist aber nicht ohne Grund, nicht ohne Ursache also geschehen. Er sah nämlich, daß das Menschengeschlecht die Güter, die es in Händen hat, nicht so zu schätzen, ja selbst Diejenigen, die groß und herrlich erscheinen, nicht nach Gebühr zu würdigen weiß, wenn es nicht auch ihren Mangel erfahren. Ich gebe ein Beispiel; denn ich muß Dieses deutlicher aussprechen. Wer am Leibe frisch und gesund ist, empfindet es nicht und kann es nicht genau wissen, welch große Güter er der Gesundheit verdankt, falls er nie eine Krankheit gehabt und ein Opfer der Schwäche geworden. Wer ferner das Tageslicht schaut, der würde dieses nicht also bewundern, wenn er keine Empfindung hätte von dem Dunkel der Nacht. [S. 234] Denn der Mangel der Güter, die wir früher genossen, gibt über ihre Beschaffenheit richtigen Aufschluß. Darum brachten nun auch die Jünger, solange sie des Umgangs des Herrn genoßen und sich seiner Gesellschaft erfreuten, ihre Tage ganz glücklich und fröhlich dahin; denn alle Bewohner Palästinas richteten die Augen auf sie, wie auf gewisse Glückssterne, weil sie Todte erweckten, Aussätzige reinigten, Teufel austrieben, Krankheiten heilten und viele andere Wunder vollbrachten. Weil sie nun so angesehen und berühmt waren, ließ er es zu, daß sie auf einige Zeit von der Macht ihres Freundes getrennt wurden, damit sie bei dem Verluste derselben zu erkennen vermöchten, wie viel Treffliches ihnen seine Gegenwart geboten, und durch die Erkenntniß der frühern Güter desto bereitwilliger die Gnade des heiligen Geistes annähmen. Denn er tröstete die Jünger in ihrer Trauer, erheiterte sie durch sein eigenes Licht, als sie wegen des Hinganges ihres Meisters mit Kummer und Wehmuth erfüllt waren, richtete die Niedergeschlagenen auf, zertheilte die Finsterniß ihres Kummers und verscheuchte alle Unschlüssigkeit. Wohl hatten sie die Stimme des Herrn gehört: „Gehet hin und lehret alle Völker;“6 allein sie waren noch unschlüssig und wußten noch nicht, wohin ein Jeder von ihnen zu gehen und wo in der Welt er das Wort Gottes zu verkündigen hätte; da kam nun der heilige Geist in Gestalt von Zungen, wies einem Jeden die Ländert des Erdkreises für den Unterricht an und lehrte einen Jeden durch die Sprache, die er ihm verlieh, wie durch eine besondere Vorschrift, welches Reich ihm angewiesen sei, und wie weit seine Lehre sich erstrecken sollte. Deßwegen kam der Geist in Zungengestalt, aber nicht allein deßwegen, sondern um uns zugleich an eine alte Geschichte zu mahnen. Als einst die Menschen in ihrem Hochmuth soweit gekommen waren, einen Thurm bauen zu wollen, der bis an den Himmel reichen sollte: so zerstörte Gott ihre sündhafte Eintracht [S. 235] durch die Verwirrung der Sprachen.7 Darum kömmt auch jetzt der heilige Geist über sie in Gestalt feuriger Zungen, um dadurch die zerrissene Welt wieder zu einen. Es geschah da etwas Neues und Ausserordentliches; wie nämlich früher die Zungen die Welt getheilt und die sündhafte Eintracht in Zwietracht verkehrt hatten: so haben jetzt die Zungen den Erdkreis verbunden und die Zwietracht zur Eintracht geführt. Darum erschien der heilige Geist in Zungengestalt; die Zungen aber schienen feurig zu sein, weil so viele Dornen der Sünde in uns aufgewachsen waren. Denn wie die Erde, wenn sie fett und fruchtbar ist, aber nicht angebaut wird, einen ganzen Wald von Dornengestrüppe hervorbringt: so erzeugt auch unsre Natur, die vom Schöpfer aus gut und zur Hervorbringung der Tugend geschickt ist, gleichsam ein Dornengesträuch und einen nutzlosen Wald — die Gottlosigkeit, weil sie von der Gottseligkeit nicht angebaut wurde noch den Samen der Erkenntniß Gottes ausnahm. Und wie man oft vor der Menge der Dornen und des Unkrautes den Erdboden nicht zu sehen vermag: so war auch der Adel und die Reinheit unserer Seele nicht sichtbar, bis der Ackersmann der Menschennatur kam, das Feuer des heiligen Geistes aus ihr anzündete, sie reinigte und zur Annahme des himmlischen Samens empfänglich machte.

1: Matth. 28, 19.
2: I. Kor. 2, 9.
3: Ebd. V. 10.
4: Ebd. 2, 10.
5: Ebd. V. 11.
6: Matth. 28, 19.
7: Gen. 11.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Vorwort

Navigation
Auf die Neujahrskalenden
Auf Weihnachten
Auf Epiphanie
Von der Buße
Zwei Anreden an die ...
Ueber den Verrath des ...
Von der Auferstehung ...
Ueber die Himmelfahrt ...
Erste Homilie auf das ...
Zweite Homilie auf ...
. Einleitung
. Text
. . 1.
. . 2.
. . 3.
Ueber das Almosen
Auf das Erdbeben und ...
Sieben Lobreden auf ...
Lobrede auf alle heiligen ...
Auf den Tag seiner ...
Rede vor seiner Verba...
Rede nach seiner Rückkehr ...
Rede an Eutrop

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger