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Chrysostomus († 407) - Reden
Erste Homilie auf das Pfingstfest
Text

6.

Wir wollen daher Alles thun, um dieser Herrlichkeit nicht verlustig zu gehen. Wollet ihr, daß ich auch das Schreckliche sage? nicht um euch traurig, sondern um euch besser zu machen. „Dann wälzt sich der Feuerstrom am Richterstuhl vorüber;1 dann werden die Bücher geöffnet, dann wird ein furchtbares und schreckliches Gericht gehalten.“ Darum werden, wie bei einem Gerichte, die Akten unseres Lebens zur genauen [S. 223] Kenntniß genommen. Die Propheten sagen viel von diesen Büchern; denn Moses spricht: „Vergib ihnen ihre Sünden; wenn nicht, so vertilge mich aus dem Buche, das du geschrieben.“2 Christus sagt zu seinen Jüngern: „Nicht darüber freuet euch, daß euch die Teufel unterthan sind; freuet euch vielmehr darüber, daß eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind.“3 Und wieder sagt der Prophet David: „In deinem Buche werden Alle verzeichnet und die Tage bestimmt werden, und noch Keiner ist da.“4 Und wieder: „Sie sollen vertilgt werden aus dem Buche der Lebendigen, man schreibe sie nicht ein mit den Gerechten!“5 Siehst du, wie die Einen ausgestrichen, die Andern eingeschrieben werden? Willst du wissen, daß nicht bloß die Gerechten, sondern auch unsere Sünden in jenen Büchern aufgezeichnet sind? Es ist zwar ein Festtag, aber lernen wir dennoch die Mittel kennen, wodurch wir uns von der Strafe frei halten können. Meine Rede ist schrecklich, aber auch nützlich und heilsam; denn sie verhindert, daß wir thatsächlich der Strafe verfallen. Lernen wir also daraus, daß die Sünden aufgezeichnet und unsere Reden hienieden sogleich nach oben gelangen und dort niedergeschrieben werden. Woraus erhellt Dieß? Denn ohne Grund darf man so Etwas nicht behaupten. Malachias sagt zu den Juden: „Wehe euch, die ihr den Herrn reizet!“ „Und wie,“ sagt ihr, „haben wir ihn gereizt? Dadurch, daß ihr sagt: Jeder, der Böses thut, ist gut vor dem Herrn (so reden unverständige Knechte), und an [S. 224] ihnen,“ sagt ihr, „hat er sein Wohlgefallen, an diesen Verdorbenen, die ihm nicht gedient haben.“6 „Siehe, wir haben seine Gebote gehalten und preisen Die selig, welche davon ferne sind.“7 Wir dienen Gott täglich, sagen sie, und Andere genießen das Gute. So reden auch zuweilen Knechte über ihre Gebieter; allein wenn ein Mensch vom andern so redet, so ist Das kein so schweres Verbrechen, obgleich es ein Verbrechen bleibt; aber Dieß vom Herrn der ganzen Welt, von einem so gütigen und barmherzigen Herrn zu sagen, Das verdient die empfindlichste Strafe und härteste Verdammung. Damit du aber erkennest, daß dergleichen Worte aufgeschrieben werden, so höre, was der Prophet sagt: „Siehe, Dieß ist aufgeschrieben im Buche der Lebendigen, zum Denkmale vor dem Angesichte des Herrn.“8 Aufgeschrieben aber ist es, nicht damit Gott sich des Tages erinnere oder dieses Buch als Schuldbeweis und Anklage gebrauche. Vielleicht habe ich euer Herz mit Furcht erfüllt, oder vielmehr nicht sowohl das eurige als das meinige. Wohlan, ich will nun der Rede oder vielmehr der Furcht ein Ziel setzen oder, noch besser gesagt, ich will dieser kein Ziel setzen, wohl aber sie mildern; denn ich will, daß sie bleibe und euer Herz reinige; das Unerträgliche aber wollen wir ihr benehmen. Wie werden wir aber ihr Dieß zu benehmen vermögen? Durch den Beweis, daß die Sünden nicht nur aufgeschrieben, sondern daß sie auch ausgetilgt werden. Was nämlich Der, welcher vor Gericht seine Sache führte mit Berufung auf die Akten vorgebracht hat, wird für immer aufgeschrieben [S. 225] und kann in Zukunft nicht mehr ausgelöscht werden; in jenem Buche aber wird, was du auch immer Schlechtes gesagt und gewollt, wieder ausgelöscht. Woraus ist Das klar? Aus der heiligen Schrift; denn es heißt: „Wende dein Angesicht von meinen Sünden und tilge alle meine Missethaten!“9 Was aber nicht aufgeschrieben ist, kann Niemand tilgen. Da sie also aufgeschrieben waren, bittet er, daß sie getilgt werden. Ein Anderer belehrt uns, wie die Sünden ausgetilgt werden, indem er spricht: „Durch Almosen und Treue wird man von Sünden gereinigt.“10 Die Sünden werden nicht allein ausgestrichen, sondern ganz weggetilgt, so daß auch nicht ein Restchen einer Makel zurückbleibt. Allein nicht nur die nach der Taufe begangenen Sünden werden getilgt, sondern auch jene vor der Taufe verzeichneten wurden alle durch das Taufwasser und das Kreuz Christi ausgetilgt, wie Paulus sagt: „Er hat die Handschrift ausgetilgt, die gegen uns war, und hat sie hinweggenommen und an das Kreuz geheftet.“11 Siehst du, wie diese Handschrift ausgetilgt worden, ja nicht bloß ausgetilgt, sondern auch zerrissen, zerrissen durch die Nägel des Kreuzes, so daß sie nun unbrauchbar wurde. Allein jene (vor der Taufe begangenen Sünden) wurden alle durch die Liebe und Barmherzigkeit und die Kraft des gekreuzigten Christus getilgt; aber die Tilgung der nach der Taufe begangenen Sünden erheischt einen gewaltigen Eifer; denn es gibt keine zweite Taufe, sondern es bedarf unserer Thränen, der Buße, des Bekenntnisses, Almosens, Gebetes und aller anderen gottseligen Werke. So werden auch die Sünden nach der Taufe hinweggenommen — mit viel Mühe und Anstrengung. Wenden wir also allen Fleiß an, um sie schon in diesem Leben zu tilgen und um dort der Schmach und der Strafe [S. 226] zu entgehen; denn haben wir auch zahllose Sünden begangen, so können wir, wenn wir nur wollen, diese ganze Sündenlast ablegen. Fassen wir also den Entschluß dazu. Denn es ist weit besser, hier ein wenig zu leiden und dort der unvermeidlichen Strafe zu entgehen, als hier kurze Zeit in Leichtsinn und Trägheit zuzubringen und jenseits den ewigen Strafen anheimzufallen. — Nun ist es aber Zeit, das Gesagte kurz zusammenzufassen. Wir rügten Diejenigen, die nur einmal des Jahres hieherkommen und sich um die entblößte Mutter nicht kümmern. Wir erinnerten sie an alte Geschichten, an Segen und Fluch, wir redeten von jüdischen Festen und warum Gott den Juden befohlen, dreimal im Jahre vor ihm zu erscheinen. Wir zeigten, daß die Christen immer Feste, immer Pfingsten, Ostern und Epiphanie haben. Wir sagten, daß ein reines Gewissen und nicht bestimmte Tage und Zeiten ein Fest ausmachen. Hierauf kamen wir zu den Gaben, die uns vom Himmel gespendet worden, und sagten, daß sie Beweise der Aussöhnung seien. Daß es einen heiligen Geist gebe, zeigten wir aus der Vergebung der Sünden, aus der Antwort des Apostels,12 aus den Sprüchen der Weisheit und Erkenntniß, aus der Auflegung der Hände und aus dem geheimnißvollen Opfer. Wir sagten, daß wir gegenseitig Pfänder und Geiseln haben, und fügten die Ursache bei, warum jetzt die Wunder aufgehört haben. Dann erinnerten wir an das schreckliche Gericht, an die aufgeschlagenen Bücher und daran, daß alle unsere Sünden darin aufgeschrieben werden. Wir zeigten, daß sie wieder ausgetilgt werden, wenn wir nur wollen. An Das alles sollet ihr denken, und ist es nicht möglich an Alles zu denken, so erinnert euch doch vor Allem an den Ausspruch über die Bücher (Gottes). Ihr möget reden, was ihr immer wollt, so denket, daß der Herr zugegen ist und Alles ausschreibt; seid also vorsichtig im Reden und bewahret diese Ermahnung [S. 227] stets in eurem Herzen, damit Diejenigen aus euch, die im Buche der Gerechten verzeichnet stehen, ihre Verdienste vermehren, Diejenigen aber, von denen ein langes Sündenverzeichniß darin steht, diese auf Erden, ohne daß Jemand es weiß, austilgen und so jener Kundbarmachung entgehen; denn wir können, wie wir gezeigt haben, durch Eifer, durch Gebet und ein beständig gottseliges Leben alle Sünden, die da aufgeschrieben sind, tilgen. Das wollen wir hier also ununterbrochen und eifrig betreiben, damit wir dort nach unserm Hingang einige Vergebung erlangen und so alle den unausbleiblichen Strafen entrinnen. Möchten wir doch alle davon befreit und des Himmelreichs theilhaftig werden durch die Gnade und die Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesus Christus, mit welchem dem Vater, zugleich dem heiligen Geiste sei Ehre, Herrschaft und Ruhm jetzt und alle Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

[S. 228]

1: Dan. 7, 10.
2: Exod. 32, 32.
3: Luk. 10, 20.
4: Ps. 138, 16. „Und noch keiner (οὐδείς) ist da,“ das heißt: Ehe noch wirklich ein Mensch in seinen Tagen lebt; Andere nach dem Hebräischen: Die Tage werden bestimmt werden, ehe noch einer von ihnen (den Tagen) da ist.
5: Ps. 68, 29.
6: Malach. 2, 17. Der Prophet rügt diese Lästerrede der Juden, die da wähnten, der Gottlose müsse Gott gefallen, weil er oft glücklich ist. Die Juden sahen nämlich die sie umgebenden Heiden in weit besserer Lage, als sie sich selbst seit der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft befanden.
7: Malach. 3, 14. 15.
8: Ebd. V. 16.
9: Ps. 50, 11.
10: Sprüchw. 15, 27.
11: Koloss. 2, 14.
12: Vgl. I. Kor. 12, 7; Apostelg. 19, 2. 6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger