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Chrysostomus († 407) - Reden
Erste Homilie auf das Pfingstfest
Text

5.

Gerne möchte ich noch den Gegenstand des Festes behandeln und zeigen, was Pfingsten sei, warum die Gnadengaben an diesem Feste gespendet worden, warum in feurigen Zungen und warum nach zehn Tagen. Allein ich sehe, daß diese Belehrung zu viele Zeit erfordern würde. Darum will ich nur Weniges beifügen und meine Rede beschließen. Als der Pfingsttag erfüllt war, erschienen ihnen getheilte Zungen wie Feuer;1 es war nicht Feuer, sondern schien nur Feuer zu sein, damit du in Bezug auf den heiligen Geist nicht Sinnenfälliges wähnest. Denn wie am Jordan- [S. 220] flusse2 nicht eine Taube, sondern (der Geist) in Gestalt einer Taube herabstieg ebenso war auch dort kein wirkliches, sondern nur ein scheinbares Feuer. Und ferner weiter oben heißt es: „Als wenn ein gewaltiger Wind käme;“3 es war nicht ein gewaltiger Wind, sondern nur das Brausen glich einem solchen. Warum aber erhält Ezechiel die Gabe der Weissagung nicht durch Etwas, was dem Feuer ähnlich war, sondern durch ein Buch? Und warum erhalten die Apostel die Wundergaben durch das Feuer? Denn von Jenem heißt es,4 daß eine Buchrolle5 ihm in den Mund gegeben worden sei, in der geschrieben stand: Klage, Gesang6 und Wehe! Und sie war von innen und aussen beschrieben, und er aß sie, und sie ward in seinem Munde wie süßer Honig. Bei den Aposteln aber nicht also, sondern: „Ihnen zeigten sich Zungen wie Feuer.“ Warum ist nun dort Buch und Schrift, hier aber Zunge und Feuer? Weil Jener auszog, die Sünden zu strafen und über das Elend der Juden zu weinen, diese aber darauf ausgingen, um die Sünden der Welt wegzunehmen. Darum erhielt Jener eine Schrift, um an die künftigen Leiden zu mahnen; diese hingegen erhielten ein Feuer, um die Sünden der Welt zu verbrennen und sie alle zu tilgen. Denn gleichwie das Feuer, wenn es auf Dornen fällt, dieselben ohne Mühe verzehrt, so verzehrt auch die Gnade des heiligen Geistes die Sünden der Menschen. Die hartnäckigen Juden, welche bei diesem Ereigniß hätten bestürzt werden, hätten zittern und den Spender der Gnade hätten anbeten sollen, zeigten schon wieder ihren heimischen Blödsinn,7 indem sie den Aposteln, die mit dem heiligen [S. 221] Geiste erfüllt waren, Trunkenheit vorwarfen. „Denn Diese da,“ sagten sie, sind vom Moste betrunken.“8 Bedenke die niedrige Gesinnung der Menschen und dagegen die erhabene Gesinnung der Engel! Denn als diese unsern Erstling auffahren sahen, jubelten und riefen sie: „Hebet euere Thore, ihr Fürsten, erhebet euch, ihr ewigen Thore, und es wird einziehen der König der Herrlichkeit.“9 Die Menschen hingegen, die da die Gnade des heiligen Geistes über uns herabkommen sahen, behaupten, daß die Empfänger derselben berauscht seien. Ja nicht einmal die Jahreszeit bringt sie zum Schweigen; denn zur Zeit des Frühlings erhält man ja keinen Most, und damals war Frühling. Jedoch lassen wir Jene; wir aber wollen die Gegengabe des gütigen Gottes betrachten. Christus hat die Erstlinge unserer Natur angenommen und uns dafür die Gnade des heiligen Geistes gespendet; und gleichwie die gegenseitigen Feinde, wenn nach langem Kriege der Kampf ausgekämpft und der Friede gemacht ist, einander Unterpfänder und Geiseln geben: so geschieht es auch zwischen Gott und dem Menschengeschlecht. Dieses sandte ihm die Erstlinge, die Christus in den Himmel hinauf nahm; er schickte aber dafür als Unterpfand und Geisel den heiligen Geist. Daß wir aber Unterpfänder und Geiseln haben, ist daraus ersichtlich: Pfänder und Geiseln müssen nämlich vom königlichen Geschlechte sein. Darum wurde auch der heilige Geist zu uns herabgesandt, er, der ja die höchste königliche Macht besitzt, und Der, welcher hinwieder von uns fort hinauffuhr, ist gleichfalls von königlichem Ge- [S. 222] schlechte; denn er war aus dem Stamme Davids. Darum bin ich jetzt furchtlos, weil ich weiß, daß unser Erstling im Himmel thront. Mag man mir nun von dem Wurme reden, der nicht stirbt, und von dem Feuer, das nimmer erlischt, und von anderen Strafen und Gerichten, ich erschrecke nicht mehr oder, besser gesagt, ich erschrecke wohl, verzweifle aber nicht an meiner Rettung. Denn wenn Gott unserm Geschlechte nicht große Wohlthaten hätte erzeigen wollen, so hätte er unsere Erstlinge nicht in den Himmel genommen. Wenn wir früher in den Himmel hinaufschauten und daselbst jene unkörperlichen Geister betrachteten, so sahen wir deutlich unsere Niedrigkeit und die Hoheit jener himmlischen Mächte. Wollen wir aber jetzt unsern Adel erkennen, so schauen wir zum Himmel, ja selbst bis zum Throne Gottes empor; denn dort thront der Erstling aus uns. So wird der Sohn Gottes auch vom Himmel kommen, um uns zu richten. Bereiten wir uns also vor, um jene Herrlichkeit nicht zu verlieren; denn unser aller Herr wird sicher kommen und nicht zögern; er wird kommen, gefolgt von den Heerschaaren, von den Chören der Engel, den Reihen der Erzengel, den Genossenschaften der Märtyrer, den Chören der Gerechten, den Schaaren der Propheten und Apostel, und in der Mitte dieser unkörperlichen Heerschaaren wird der König erscheinen in einem unsäglichen und unaussprechlichen Glanze.

1: Apostelg. 2, 1.
2: Luk. 3, 22.
3: Apostelg. 2, 2.
4: Ezech. 2, 9.
5: Die Alten schrieben auf Baumbast, Leinwand oder Thierhäute und rollten die Schrift um eine hölzerne Walze.
6: Μέλος — hier wegen der Stellung zwischen „Klage“ und „Wehe“ wohl „Trauergesang“.
7: Τὴν οἰκείαν ἄνοιαν.
8: Apostelg. 2, 13.
9: Ps. 23, 7; d. h. öffnet, ihr Vorsteher des Tempels, die Thore! Im höhern Sinne: Oeffnet, ihr Engel, die Thore der Ewigkeit dem Sohne Gottes, der triumphirend in den Himmel zurückkehrt. So alle Väter und die Liturgie der Kirche. — Nach anderer Leseart im hebräischen Texte: Erhebet, ihr Thore, eure Häupter, d. h. erhebet und erweitert euch!

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger