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Chrysostomus († 407) - Reden
Erste Homilie auf das Pfingstfest
Text

4.

Wo sind nun Diejenigen, welche die Würde des heiligen Geistes lästern? Denn wenn er nicht Sünden vergibt, so wird er in der Taufe umsonst empfangen; wenn er aber Sünden vergibt, so wird er ohne Grund von den Ketzern gelästert. Gäbe es keinen heiligen Geist, so könnten wir nicht sagen: Herr Jesus; „denn Niemand kann agen: Herr Jesus, ausser im heiligen Geiste.“1 Gäbe es keinen heiligen Geist, so könnten wir Gläubige Gott nicht anrufen; denn wir sagen: „Vater unser, der du bist in dem Himmel.“ Wie wir also Jesum nicht einen Herrn nennen könnten, so könnten wir auch Gott nicht Vater nennen. Woher ist Dieß klar? Aus den Worten des Apostels: „Weil ihr aber Kinder seid, so hat Gott gesandt den Geist seines Sohnes in eure Herzen, der da ruft: Abba, Vater!“2 Wenn du also den Vater nennest, so bedenke, daß du ihm durch den Antrieb des heiligen Geistes diesen Namen beilegen darfst. Gäbe es keinen heiligen Geist, so wäre der Geist der Weisheit und Erkenntniß nicht in der Kirche; „denn dem Einen wird durch den Geist das Wort der Weisheit, dem Andern das Wort der Erkenntniß gegeben.“3 Gäbe es keinen heiligen Geist, so wären in der Kirche keine Hirten und Lehrer; denn auch diese setzt der heilige Geist, wie auch Paulus sagt: „Über welche euch der heilige Geist zu Hirten und Bischöfen gesetzt hat.“4 Siehst du, daß auch Dieß durch den Geist geschieht? Wäre der heilige Geist nicht in diesem euren gemeinschaftlichen Vater und [S. 217] Lehrer, so würdet ihr ihm, als er kürzlich diesen heiligen Stuhl bestieg und euch allen den Frieden gab, nicht gemeinschaftlich zugerufen haben: „Und mit deinem Geiste.“5 So ruft ihr ihm zu nicht allein, wenn er auf seinen Thron steigt, wenn er zu euch spricht und für euch betet, sondern auch, wenn er auf diesem heiligen Altar steht, um jenes schreckliche Opfer darzubringen (welche in die Geheimnisse eingeweiht sind, wissen, was ich sage). Er rührt Das, was auf dem Altare liegt, nicht eher an, als bis er euch die Gnade des Herrn gewünscht und ihr ihm zugerufen habt: „Und mit deinem Geiste.“ Durch diesen Zuruf erinnert ihr euch, daß Der, welcher da (am Altare) steht, Nichts thue, und daß die Gaben, die da liegen, nicht Verdienste eines Menschen sind, sondern daß die Gnade des heiligen Geistes gegenwärtig sei und über Alle herabkommend dieses geheimnißvolle Opfer vollbringe. Wir sehen zwar nur einen Menschen, aber Gott ist es, der durch denselben wirkt. Sieh’ also nicht auf die Natur dessen, den du vor deinen Augen hast, sondern denke an die unsichtbare Gnade! Auf diesem heiligen Altare geschieht nichts Menschliches. Wenn der heilige Geist nicht da wäre, würde die Kirche nicht bestehen; weil nun diese besteht, so ist es offenbar, daß der Geist da ist. Warum aber, sagt man, geschehen denn jetzt keine Wunder mehr? Nun höret mir aufmerksam zu! Denn Das höre ich von Vielen, Das ist eine beständige und immerwährende Frage: Warum redeten denn im Anfange alle Getauften in Sprachen, jetzt aber nicht mehr? Zuerst wollen wir lernen, was es heisse „in Sprachen reden“, und dann auch die Ursache künden. Was heißt nun in Sprachen reden? Der Getaufte redete sogleich in der Sprache der Inder, Ägypter, Perser, Scythen und Thraker, und Einer verstand viele Sprachen, und wären Diejenigen, die jetzt leben, damals getauft worden, so hättest du sie gleich in verschiedenen Sprachen reden gehört. Denn auch Paulus, [S. 218] heißt es, fand einst Einige, die bloß mit der Taufe des Johannes getauft waren, und sagte zu ihnen: „Habt ihr den heiligen Geist empfangen, da ihr gläubig geworden?“ Und sie antworteten: „Ja wir haben nicht einmal gehört, ob es einen heiligen Geist gibt,“ und sogleich gab er Befehl, „sie zu taufen, und da Paulus die Hände auf sie legte, kam der heilige Geist über sie, und sie redeten alle in Zungen.“6 Warum ist denn jetzt diese Gnade entzogen, warum ist denn jetzt diese Gnade den Menschen genommen? Nicht weil Gott uns weniger ehrt, im Gegentheil, er ehrt uns noch mehr. Wie denn? Ich will es euch sagen. Die Menschen jener Zeit waren unverständiger, waren eben erst vom Götzendienste entfernt worden; ihr Geist war mehr abgestumpft und noch nicht so empfänglich. Sie hingen nur am Irdischen und haschten darnach; sie hatten noch keine Einsicht in die geistigen Güter; die Gnade des Geistes, die bloß im Glauben geschaut wird, kannten sie nicht. Darum geschahen Wunder. Von den Gaben des heiligen Geistes sind nämlich die einen unsichtbar und werden bloß durch den Glauben erfaßt; andere aber haben auch ein äusseres Zeichen um die Ungläubigen zum Glauben zu führen. Ich gebe ein Beispiel. Die Nachlassung der Sünden ist etwas Geistiges, die Gnade ist unsichtbar. Denn wie unsere Sünden weggenommen werden, können wir mit den leiblichen Augen nicht sehen. Warum denn? Weil die Seele gereiniget wird, und weil man die Seele mit den Augen des Leibes nicht sieht. Die Reinigung von den Sünden ist also ein geistiges Geschenk, das nicht in die Sinne fallen kann. Allein in verschiedenen Sprachen reden, ist zwar auch eine Wirkung des Geistes, aber doch wird sie äusserlich empfunden und leuchtet den Ungläubigen in die Augen. Die unsichtbare Wirkung des Geistes in der Seele offenbaret und äussert sich in der hörbaren Sprache. Darum sagt auch Paulus: [S. 219] „Einem Jeden wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen mitgetheilt.“7 Ich bedarf nun der Wunder jetzt nicht. Warum? Weil ich gelernt habe, auch ohne Wunder an den Herrn zu glauben. Denn wer ungläubig ist, bedarf eines Pfandes, ich aber glaube und brauche weder Pfand noch Zeichen. Obgleich ich nicht in Sprachen rede, so weiß ich doch, daß ich von den Sünden gereiniget bin. Jene aber würden damals nicht geglaubt haben, hätten sie nicht Zeichen erhalten. Darum wurden ihnen Zeichen gegeben als Unterpfand des Glaubens, den sie bekannten, so daß sie dieselben nicht als Gläubige, sondern als Ungläubige erhielten, um gläubig zu werden. So spricht auch Paulus: „Die Zeichen sind nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen.“8 Sehet ihr also, daß uns Gott dadurch, daß er uns den Beweis der Zeichen entzog, nicht entehrt, sondern geehrt hat? Denn er will dadurch unsern Glauben offenbar machen; weil wir ihm glauben ohne Zeichen und Pfand, hat er Dieses gethan. Denn Jene würden ihm wegen der unsichtbaren Wirkungen (des Geistes) nicht geglaubt haben, hätten sie nicht früher Pfand und Zeichen erhalten; ich aber glaube ihm vollkommen auch ohne dieselben. Das ist der Grund, warum jetzt keine Wunder geschehen.

1: I. Kor. 12, 3.
2: Gal. 4, 6.
3: I. Kor. 12, 8.
4: Apostelg. 20, 28.
5: Pax vobis! Et cum spiritu tuo; das in der Handauflegung bei der Ordination verliehene πνεῦμα.
6: Apostelg. 19, 2. 6.
7: I. Kor. 12, 7.
8: Ebd. 14, 22.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger