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Chrysostomus († 407) - Reden
Erste Homilie auf das Pfingstfest
Text

3.

Damit ihr erkennet, daß die Sendung des heiligen Geistes ein Pfand unserer Versöhnung mit Gott sei, so will ich euch durch die Schrift davon zu überzeugen versuchen und zuerst die Sache durch das Gegentheil klar machen und zeigen, daß uns Gott, wenn er uns zürnt, die Gnade des heiligen Geistes entziehe. Wenn du dann überzeugt bist, daß die Abwesenheit des heiligen Geistes ein Zeichen des göttlichen Zornes ist, und wenn du andererseits wieder bemerkst, daß wir ihn erhalten haben: so kannst du daraus schließen, daß Gott uns ihn nicht gesandt haben würde, wenn er mit uns nicht ausgesöhnt wäre. Woher wissen wir Das? Heli war ein Greis, im Übrigen fromm und rechtschaffen, aber er wußte die Bosheit seiner Kinder nicht zu bestrafen, sondern liebte dieselben über Gebühr. Höret es Alle, die ihr Kinder habt, damit ihr eurer Liebe und Nachsicht gegen sie Schranken setzet. Denn dadurch hat Heli Gott gereizt und zu einem solchen Zorne entflammt, daß er sich von seinem ganzen Geschlechte abwandte. Diesen gewaltigen Abscheu Gottes drückt der Geschichtschreiber also aus: „Das Wort war theuer, und kein Gesicht ward offenbar.“1 Theuer nennt er hier, was selten ist; er zeigt nämlich damit, daß die Gabe der Weissagung damals selten gewesen. Und wieder ein anderer Prophet sagt in seiner Klage und seinem Jammer über den Zorn Gottes: „Es ist weder ein Fürst noch ein Prophet [S. 214] mehr in dieser Zeit.“2 Und wieder sagt der Evangelist: „Der heilige Geist war noch nicht da, denn Jesus war noch nicht verherrlicht.“3 Denn weil er noch nicht gekreuziget worden, meint er, war auch der heilige Geist den Menschen noch nicht gespendet; denn gekreuziget werden heißt verherrlichet werden. Obgleich das Krenz seiner Natur nach schmachvoll war, so nannte Christus es doch seine Ehre, weil er es für seine geliebten Menschen auf sich nahm. Warum aber, sage mir, wurde der heilige Geist nicht vor der Kreuzigung ausgegossen? Weil die Welt noch in Sünden, in Fehlern, in Feindschaft und Schmach sich befand; weil das Lamm, das die Sünden der Welt auf sich nimmt, noch nicht war geopfert worden. Weil also Christus noch nicht gekreuziget war, so war auch die Versöhnung noch nicht geschehen; weil aber die Versöhnung noch nicht geschehen war, wurde natürlicher Weise auch der heilige Geist nicht gesendet, denn er wurde ja als Pfand der Versöhnung gesendet. Darum sagt auch Christus: „Es ist euer Vortheil, daß ich hingehe; denn wenn ich nicht hingehe, so kömmt der Tröster nicht.“4 Wenn ich nicht hingehe und den Vater versöhne, sagt er, so kann ich euch den Tröster nicht senden. Seht ihr nun, aus wie vielen Stellen ich euch den Beweis geführt habe, daß die Abwesenheit des heiligen Geistes unter den Menschen ein Zeichen des göttlichen Zorns ist? „Das Wort war theuer, und kein Gesicht ward offenbar.“ „Es ist zu dieser Zeit weder Fürst noch Prophet mehr.“ „Der heilige Geist war noch nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlichet war.“ „Es ist euer Vortheil, daß ich hingehe; denn wenn ich nicht hingehe, so kömmt der Tröster nicht.“ Die Abwesenheit des heiligen Geistes ist also ein Zeichen des göttlichen Zornes. Wenn du nun siehst, daß der hei- [S. 215] lige Geist reichlich ausgegossen ward, so zweifle nicht mehr an der Versöhnung!

Aber, heißt es, wo ist denn jetzt der heilige Geist? Damals, möchte Jemand passend bemerken, war er wohl da, als Wunder geschahen, als Todte auferweckt und alle Aussätzige gereiniget wurden. Woraus beweisen wir aber, daß auch wir den heiligen Geist haben? Fürchtet euch nicht, denn ich will zeigen, daß der heilige Geist jetzt auch in uns ist. Aber wie und auf welche Weise? Wäre der heilige Geist nicht in uns, wie hätten denn Die, welche in dieser heiligen Nacht die Taufe erhielten, von ihren Sünden gereinigt werden können? Denn ohne die Kraft des heiligen Geistes kann man von den Sünden nicht gereinigt werden. Höret die Worte des Paulus: „Wir waren ehedem auch thöricht, ungläubig, irrend und fröhnten allerlei Lüsten; als aber die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Erretters, erschien, hat er uns nicht nach den Werken der Gerechtigkeit, die wir gethan haben, sondern nach seiner Barmherzigkeit selig gemacht, durch das Bad der Wiedergeburt und die Erneuerung durch den heiligen Geist.“5 Und wieder anderswo: „Irret nicht, weder die Hurer noch die Götzendiener, weder die Ehebrecher noch die Weichlinge, weder die Knabenschänder noch die Diebe, weder die Geizigen noch die Trunkenbolde, weder die Lästerer noch die Räuber werden das Reich Gottes besitzen.“6 Siehst du alle Arten der Bosheit? „Und Solches sind von euch Manche gewesen, aber ihr seid abgewaschen, aber ihr seid geheiligt, aber ihr seid gerechtfertigt worden.“7 Wie denn? Das ist eben die Frage, ob wir durch den heiligen Geist die Bosheit ablegen. Höre [S. 216] also! „Ihr seid geheiligt und gerechtfertigt worden durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.“ Siehst du, daß der heilige Geist alle jene Bosheit wegnimmt?

1: I. Kön. 3, 1.
2: Dan. 3, 38.
3: Joh. 7, 39.
4: Eb. 16, 7.
5: Tit. 3, 3—5.
6: I. Kor. 6, 9—11.
7: Ebd.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger