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Chrysostomus († 407) - Reden
Erste Homilie auf das Pfingstfest
Text

2.

Damit ihr aber wisset, daß wir stets Feste feiern können und nicht zur Beobachtung bestimmter Zeiten genöthigt sind, so höret, was der Apostel Paulus sagt: „Lasset uns also Festtag halten!“1 Und doch ist damals, als er Das schrieb, kein Festtag gewesen: es war nicht Ostern, nicht Epiphanie, nicht Pfingsten. Er will damit zeigen, daß nicht die Zeit, sondern ein reines Gewissen den Festtag bewirke: denn ein Fest ist nichts Anderes als Freude; eine geistige und innerliche Freude aber schafft nur das Bewußtsein guter Handlungen; wer also ein gutes Gewissen hat und solche Thaten aufzuweisen vermag, Der kann stets ein Fest feiern. Gerade Das zeigt auch Paulus mit den Worten: „Lasset uns Festtag halten nicht im alten Sauerteige der Bosheit und Schalkhaftigkeit, sondern in dem Süßteige der Lauterkeit und Wahrheit.“2 Siehst du, wie er dich nicht an bestimmte Zeiten bindet, sondern nur ermahnt, stets ein reines Gewissen zu haben? Ich möchte wohl die ganze Predigt über diesen Gegenstand halten; denn Diejenigen, die Manche nach langer Zeit einmal erhaschen, lassen sie nicht so leicht wieder ihren Händen entschlüpfen. Da nun auch wir euch, die ihr erst nach einem Jahre hieher gekommen seid, in unsere Netze bekommen haben, so wollen nun auch wir euch heute nicht loslassen. Damit ihr aber der Festpredigt nicht entbehret, muß ich von dieser Ermahnung zum Gegenstande des Festes selbst übergehen.

Wohl kamen vom Himmel herab oft zahlreiche Wohlthaten über das ganze Menschengeschlecht auf Erden, so [S. 210] große aber wie heute sind über dasselbe früher nie ausgegossen worden. Vernehmet nun also die frühern Gaben und die vom heutigen Tage, damit ihr den Unterschied von beiden erkennet. „Gott ließ Manna auf die Erde regnen und gab ihnen Himmelsbrod; der Mensch aß nämlich Engelsbrod.“3 Das ist in der That etwas Großes und würdig der göttlichen Güte. Es siel ferner Feuer vom Himmel, führte das irrende jüdische Volk auf den rechten Weg und verzehrte das Opfer auf dem Brandaltare.4 Und wieder, als Alle vor Hunger verschmachteten, siel ein Regen, der große Fruchtbarkeit brachte. Das ist groß und bewunderungswürdig; aber die Wohlthaten des heutigen Tages sind noch viel trefflicher; denn nicht Manna, nicht Feuer, nicht Regen siel heute herab, sondern ein Regenguß geistiger Gaben; Wolken strömten ihr Wasser herab, nicht um die Erde zu befruchten, sondern um die Menschennatur fähig zu machen, für Den, der sie pflegt, eine Ernte der Tugend zu bewirken. Und welche nur einen Tropfen davon auffingen, vergaßen auf einmal ihre Natur, und die ganze Erde wurde mit Engeln erfüllt, nicht mit himmlischen Engeln, sondern mit solchen, die in einem sterblichen Leibe die Tugend unsterblicher Geister aufzeigen. Denn nicht jene stiegen hernieder, sondern was mehr Bewunderung heischt, die auf der Erde erhoben sich zur Tugend der himmlischen Engel. Denn sie legten nicht ihr Fleisch ab, wandelten nicht mit bloßer Seele einher, sondern behielten ihre Natur und wurden dem Willen nach Engel. Und damit du erkennest, daß auch die erste Strafe, nämlich: „Du bist Staub und sollst wieder Staub [S. 211] werden,“5 keine Strafe war, so ließ er dich auf der Erde, damit sich die Macht des Geistes, die soviel durch den irdischen Leib vollbringt, desto deutlicher zeige. Denn da konnte man sehen, wie eine irdische Zunge Teufeln gebot; man konnte sehen, wie eine irdische Hand Krankheiten heilte, ja nicht bloß, daß Dieß eine irdische Hand that, sondern man sah, was viel bewunderungswürdiger war, daß selbst die Schatten von irdischen Leibern über den Tod und die unkörperlichen Mächte, nämlich die bösen Geister, eine Obmacht ausübten. Denn gleichwie beim Aufgang der Sonne das Dunkel verscheucht wird, wilde Thiere sich in ihre Höhlen verkriechen, Mörder, Räuber und Grabdiebe sich auf die Berggipfel flüchten: so wurde auch, wenn Petrus erschien und seine Stimme erschallte, die Finsterniß des Irrthums vertrieben; es floh der Teufel; es wichen die bösen Geister zurück; die Krankheiten des Körpers wurden geheilt; die Krankheiten der Seele beseitigt, jede Bosheit wurde besiegt und die Tugend auf die Erde zurückgeführt. Und gleichwie Jemand, der aus königlichen Schatzkammern, die Gold und kostbare Steine enthalten, auch nur einen kleinen Theil der im innersten Winkel6 verwahren Schätze, ja auch nur einen einzigen Stein fortnehmen kann, sich dadurch großen Reichthum verschafft: so kann er sich auch aus dem Munde der Apostel bereichern; denn ihr Mund war eine königliche Schatzkammer, die einen Schatz von Heilmitteln enthielt, sowie jedes von ihnen ausgehende Wort einen großen geistigen Reichthum. Damals konnte man wahrhaft erkennen, daß die Worte des Herrn kostbarer sind als Gold und werthvolles Edelgestein;7 denn was weder Gold noch Edelstein konnte, Das richteten die Worte Petri aus. Denn wie viele Talente Goldes hatten wohl den Lahm- [S. 212] geborenen zu heilen vermocht? Aber das Wort des Petrus war im Stande, dieses Gebrechen der Natur zu beseitigen. Er sprach: „Im Namen Jesu Christi stehe auf und wandle;“8 und das Wort ward zur That. Siehst du, daß die Worte des Herrn kostbarer sind als Gold und Edelgestein? siehst du, daß ihr Mund eine königliche Schatzkammer ist? In der That, sie waren Ärzte, Ackersleute und Steuermänner auf der ganzen Erde; und zwar Ärzte, weil sie Krankheiten heilten; Ackersleute, weil sie den Samen der göttlichen Lehre ausstreuten; Steuermänner aber, weil sie die Stürme des Irrthums besänftigten. Darum sagt der Herr einmal: „Gehet, machet die Kranken gesund!“9 und redet sie als Ärzte an, ein anderes Mal: „Siehe, ich sende euch zur Ernte, wo ihr nicht gearbeitet habt,“10 und redet sie so als Ackersleute an. Und wieder anderswo spricht er: „Ich will euch zu Menschenfischern machen,“11 und zu Petrus: „Fürchte dich nicht, denn von nun an sollst du Menschen fangen!“12 Er redet sie also auch als Steuermänner und Fischer an. Und man sah Wunder auf Wunder folgen. Denn vor zehn Tagen stieg unsre Natur zum königlichen Throne empor; heute ist der heilige Geist über unser Geschlecht herniedergestiegen; der Herr hat unsre Erstlinge in den Himmel erhoben und den heiligen Geist herabgesandt. Ein anderer Herr theilt diese Gaben aus; denn auch der heilige Geist ist Herr, und der Vater und der Sohn und der heilige Geist haben sich in unsre Erlösung getheilt. Seit Christus aufgefahren, sind noch nicht zehn Tage verflossen, und schon sendet er uns die geistlichen Gnadengaben der Versöhnung mit Gott. Denn damit Niemand zweifle und frage, was wohl Christus nach seiner Auffahrt gethan: ob er den Vater versöhnt? ob er ihn uns gnädig ge- [S. 213] macht? — so hat er, um zu zeigen, daß er ihn mit unsrer Natur ausgesöhnt habe, uns gleich die Gaben dieser Versöhnung gesendet. Wenn nämlich Feinde sich vereinigen und wieder versöhnen, so folgen auf die Versöhnung sogleich Einladungen, Gastmahle und Geschenke. Wir sandten den Glauben und empfingen von dorther die Gaben des heiligen Geistes; wir sandten Gehorsam und erhielten Rechtfertigung.

1: I. Kor. 5, 8.
2: Ebd.
3: Ps. 77, 24. 25. Im Hebräischen: „Brod der Starken,“ das sind aber die Engel — nach Ps. 102, 29. Siehe Weisheit 16, 20. Engelsbrod, Himmelsbrod heißt das Manna als Vorbild des allerheiligsten Altarssakramentes. Joh. 6, 31. 49. 50; I. Kor. 10, 3.
4: III. Kön. 18, 38.
5: Gen. 3, 19.
6: Wir ziehen die in der Note befindliche Lesart: ἐνδομάχως der im Texte befindlichen ἐνδόξως vor.
7: Ps. 18, 11.
8: Apostelg. 3, 6.
9: Matth. 10, 8.
10: Joh. 4, 38.
11: Matth. 4, 19.
12: Luk. 5, 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger